Die Coronapandemie hat der Reisebranche schwer zugesetzt. Doch nach langer Flaute spüren die Reisebüros im Kreis Esslingen langsam wieder etwas Wind in den Segeln. Im Vergleich zum Vorjahr sei der Januar um einiges positiver verlaufen.
Kreis Esslingen - Früher war der Januar einer der stressigsten Monate im Jahr für die Mitarbeiterinnen in Reisebüros. Doch seit Beginn der Coronapandemie ist das vorbei. Vor allem im Winter herrscht in der Reisebranche vielfach Flaute. Immerhin ist der Jahresbeginn 2022 nicht ganz so mau wie im vergangenen Jahr: Viele Reisebüros im Landkreis Esslingen berichten von verstärkten Kundenanfragen und steigenden Buchungszahlen.
Elif Yamac, die Büroleiterin im Reisebüro Teck Tours in Kirchheim, zeigt sich trotz der schwierigen Situation zufrieden. „Wir schätzen uns in diesem Winter glücklich“, sagt sie. Im vergangenen Jahr um diese Zeit sei so gut wie nichts gelaufen. „Wenn wir eine Buchung hatten, war das schon ein Highlight.“ Im Vergleich dazu sei dieser Winter viel besser. Zumal die Nachfrage aktuell weiter ansteige – auch angesichts der Tatsache, dass viele Reiseanbieter sogenannte Flex-Optionen im Portfolio hätten, die dazu berechtigten, eine Reise bis kurz vor Reiseantritt ohne größere Verluste zu stornieren.
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Allerdings sei man in den Reisebüros zwiegespalten, was diese Option angeht. „Wir finden sie gut, weil die Kunden dann eher buchen, aber sie macht uns die Arbeit nicht leichter“, sagt Elif Yamac. Denn die Vorbereitung einer Reise sei ein Service des Reisebüros – wenn der Trip dann abgesagt werde, verdiene man nichts. „Wir bangen, bis der Kunde im Flugzeug sitzt“, so Yamac. Zu viel könne derzeit noch dazwischen kommen, sei es eine Infektion, eine Quarantäne oder auch ein Flug, der gestrichen oder an einen anderen Flughafen verlegt werde. All das seien häufige Gründe für Stornierungen.
Familien versuchen, Hochrisikogebiete zu meiden
Von einer Situation wie vor Corona sei man noch weit entfernt. Weil sich pandemiebedingt ständig Vorgaben und Bestimmungen ändern, gebe es viel weniger Frühbucher. Auch die Gruppe der Senioren, von denen früher viele zwei bis drei Mal pro Jahr im Urlaub gewesen seien, falle zum großen Teil weg. Viele von ihnen haben laut Yamac Angst zu reisen, anderen seien die Formalitäten und Einreisebestimmungen zu kompliziert. Familien wiederum versuchten, Hochrisikogebiete zu meiden, und Paare suchten sich oftmals Ziele aus, bei denen die Einreisebestimmungen möglichst unkompliziert sind. Letzteres habe dazu geführt, dass die Dominikanische Republik und Mexiko diesen Winter beliebte Ziele seien.
Stärken der Reisebüros werden wieder mehr geschätzt
Positiv hingegen sei, dass Corona vielen die Vorzüge eines Reisebüros vor Augen geführt habe. Wieder mehr Menschen schätzten es, dass man gut erreichbar sei, den Überblick über die aktuellen Einreisebestimmungen habe und bei Stornierungen oder Reklamationen unterstützen könne.
Den Eindruck hat auch Loredana Grispino, die Büroleiterin des Tui Reisecenters in Esslingen, das auch Filialen in Plochingen und Nürtingen betreibt. „Ich denke, unser Stellenwert durch Beratung und Service ist gestiegen“, sagt sie. Allerdings sei die Beratung durch Corona auch erheblich aufwendiger geworden. Man müsse ständig auf dem Laufenden bleiben, was sich in den Zielgebieten geändert habe, etwa in puncto Impfungen oder Test-Vorschriften. Inzwischen hätten sie und ihr Team es sich zum Standard gemacht, die Kunden zehn Tage vor Reisebeginn noch einmal zu kontaktieren, um die aktuellen Vorschriften zu klären. „Wir wissen ja nie im Voraus, was gelten wird – wir kennen immer nur den aktuellen Stand“, so Grispino.
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Auch sie verzeichnet aktuell eine höhere Nachfrage als Anfang des vergangenen Jahres. „In den vergangenen Monaten war es ein einziges Auf und Ab – je nach aktuellen Berichten“, erzählt sie. Derzeit gebe es viele Anfragen für kurzfristige Reisen, aber auch an Buchungen für den Sommer trauten sich viele schon. Marco Scharpf, der Inhaber des Reichenbacher Reisebüros, konnte sogar schon Reisen für den Herbst und Winter verkaufen. Durch die Flex-Optionen fühlten sich manche Kunden da schon sicher, sagt er. Auch insgesamt verzeichne er eine stetig steigende Nachfrage nach Reisen – sowohl für kurzfristige Trips in der Nähe als auch für Fernreisen, die länger im Voraus geplant werden müssen. Das berichten auch andere Reisebüros im Landkreis.
Gleichwohl gebe es immer noch viel Verunsicherung, sagt etwa Ingrid Bohn, die das Holiday Land Reisebüro in Ostfildern betreibt. Schließlich wisse niemand, was noch kommt. Zu oft schon in der Coronakrise habe man auf Normalität gehofft und sei dann wieder enttäuscht worden. Dennoch sei sie inzwischen vorsichtig optimistisch. Ähnlich wie Elif Yamac: „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand“, sagt sie. „Die Deutschen wollen gerne reisen – egal, was kommt.“
Beliebte Reiseziele
Europa
Bei den Urlaubern aus dem Kreis Esslingen sind nach wie vor Länder am Mittelmeer beliebte Reiseziele – ganz vorn dabei sind Spanien und Griechenland. Laut den örtlichen Reisebüros bevorzugen wieder mehr Menschen das Reisen mit dem Auto – so könne man im Zweifelsfall schnell und unkompliziert die Heimreise antreten.
Fernreisen
Bei Reisen nach Übersee sind dieses Jahr vor allem Kanada und die USA gefragt. Die Reise-Experten gehen davon aus, dass das ein Nachhol-Effekt ist, weil diese Länder wegen Corona lange keine Urlauber eingelassen haben. Zudem sei der ehemalige Präsident Donald Trump für manche ein Grund gewesen, von einer Reise in die USA abzusehen. Asien hingegen sei wegen ständig neuer Vorschriften aktuell wenig gefragt.