In Filderstadt oder auch Esslingen erlernen vornehmlich Menschen aus dem Ausland den Beruf der Pflegefachkraft. Allerdings: Nicht wenige haben wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion Probleme. Wie können die Pflegeschulen dem Rassismus begegnen?
Altenpflegerinnen mit Kopftuch, Krankenpfleger mit dunkler Haut, asiatische Menschen auf dem Klinikflur: Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2024 zeigt, dass ausländische Beschäftigte bereits seit Jahren erheblich zur Deckung des Personalbedarfs in den Pflegeberufen beitragen. Demnach kommt mittlerweile jede sechste Pflegekraft aus dem Ausland, oftmals von außerhalb der EU. „Ausländische Pflegekräfte federn den demografisch bedingten Rückgang der deutschen Beschäftigten damit maßgeblich ab“, lautet das Fazit der Studie.
Auch an der Hildegard-von-Bingen-Schule für soziale Berufe in Plattenhardt lernen vor allem Menschen aus dem Ausland. Ewelina Bies, die Leiterin, schätzt ihren Anteil auf 85 bis 90 Prozent. Die aktuell etwa 100 Azubis kommen demnach aus 33 Nationen, aus Kamerun, Indien oder von den Philippinen. Allerdings: Diese Menschen erleben mitunter Rassismus. Die Pflegefachfrauen und -männer in spe würden wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert, wegen fehlender Sprachkenntnisse oder wegen ihrer Religion.
Im Extremfall weigern sich Pflegebedürftige sogar
Auch Konflikte zwischen den Geschlechtern gebe es, denn während die Pflege hierzulande vor allem weiblich sei, sei der Anteil der Männer in Gesundheitsberufen im Ausland oftmals größer. Laut Ewelina Bies ist manches klar rassistisch zu bewerten, manches womöglich auf kulturelle Missverständnisse zurückzuführen. In Extremfällen verweigerten Pflegebedürftige, sich von einer bestimmten Person versorgen zu lassen. Ewelina Bies berichtet von weinenden Azubis – „das gibt es immer wieder“ –, von Verunsicherung – und auch von Abbrechern. Einzelfälle? Mitnichten.
Das Pflege-Bildungszentrum an der Filderklinik in Bonlanden bietet jedes Jahr laut dem Leiter David Götz 23 Ausbildungsplätze an, etwa zwei Drittel der Azubis kommen aus dem Ausland – und auch sie sind bisweilen von Rassismus und Diskriminierung betroffen. „Leider ja, wie auch zunehmend in der gesamten Gesellschaft“, sagt er. Er nennt Beispiele: Die angehenden Fachkräfte müssten sich Verallgemeinerungen und Zuschreibungen, die Herkunft betreffend, gefallen lassen, „ … bei euch Muslimen ist das ja verboten“, oder auch klare Ablehnung aufgrund ihrer Hautfarbe à la „Sie sind schwarz, Sie dürfen mich nicht berühren“.
In der Pflege wird Rassismus thematisiert
In den Pflegeschulen wird versucht, das Erlebte mit Gesprächen aufzuarbeiten. David Götz berichtet von Unterrichtsformaten, in denen Belastungen allgemein und auch Erfahrungen der Diskriminierung in einem geschützten Rahmen thematisiert werden können. Auch würden Begriffe wie Rassismus im Unterricht sowie Hilfsangebote benannt. Regelmäßige Praxisbesuche mit Gesprächen vor Ort, Fortbildungsangebote für die Anleitenden und eine individuelle Ausbildungsbegleitung der Azubis durch Lehrkräfte gehörten auch dazu. „Eine gute Beziehung und kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen den an der Ausbildung Beteiligten kann Vertrauen und Offenheit für die Thematisierung von Rassismuserfahrungen schaffen“, sagt er.
In der Schule für Pflegeberufe am Klinikum Esslingen wird grundsätzlich eine Null-Toleranz-Politik gefahren. Die etwa 60 Schülerinnen und Schüler, die hier jedes Jahr neu beginnen – knapp zwei Drittel mit ausländischen Wurzeln –, werden frühzeitig in einem Einführungsblock für alle Arten der Übergriffigkeit sensibilisiert, außerdem erhalten sie Informationen zu Unterstützungsmaßnahmen.
„Diskriminierung bei uns kein Massenphänomen“
Offenbar mit Erfolg. Eva-Maria Eisele, die kommissarische Schulleiterin, kennt zwar auch einzelne Fälle von Diskriminierungen, es sei aber kein Massenphänomen. „Bei uns gibt es eine hohe Sensibilität“, sagt auch Anja Dietze, die Klinik-Sprecherin. Die Pflegeleitungen vor Ort würden sofort einschreiten und Betroffene schützen, „bei Schülern sowieso“. Eva-Maria Eisele hebt derweil hervor, welche Bereicherung Azubis aus dem Ausland mitunter seien. „Was sie mitbringen, ist manchmal eine ganz andere intrinsische Motivation“, sagt sie, gerade die Fürsorge für Alte habe in manchen Kulturen einen anderen Stellenwert als hierzulande. „Sie sind sehr liebevoll.“
Die Pflege in Deutschland wird ohne Menschen aus dem Ausland nicht funktionieren. Das betont auch David Götz. „Die Realität sind multikulturelle Teams in Pflegeeinrichtungen, und es braucht eine Willkommenskultur, Unterstützung und gezielte Begleitung, damit Integration im Berufsfeld Pflege und der Gesellschaft gelingt“, sagt er. Nach Ewelina Bies’ Geschmack fehlt es auch an Wertschätzung, das mache die Pflege für viele Einheimische unattraktiv. „Die Leute sehen nicht, wie komplex der Beruf ist“, sagt die ausgebildete Krankenschwester. Sie würde sich zudem grundsätzlich mehr Kultursensibilität wünschen. „Wenn wir alle offener werden, können wir Vorurteile abbauen.“ Die Hildegard-von-Bingen-Schule ist ein katholisches Haus, in diesem Sinn erhofft sich die Leiterin mehr Nächstenliebe. „Das ist der Grundgedanke dieser Schule.“
Zigtausende Pflegekräfte fehlen
Statistik
Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass bis 2049 voraussichtlich zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte in Deutschland fehlen werden. Ähnlich dramatisch sind die Zahlen des Deutschen Pflegehilfswerks. Demnach gingen Prognosen bis 2030 von einem Mehrbedarf von 300.000 Stellen aus. Dass sich die Personalsituation in Pflegeberufen auf absehbare Zeit verbessert, sei nicht zu erwarten. In einigen Regionen seien heute mehr als 40 Prozent der Pflegekräfte über 50.
Bedarf
Laut Arbeitsagentur ist der Bedarf an Fachkräften in der Altenpflege besonders hoch, heißt es online beim Pflegehilfswerk. Auf 100 gemeldete Stellen seien im vergangenen Jahr lediglich 19 arbeitslose Pflegekräfte gekommen. car