Cornelia Harigel, ihre Mutter Gertrud und Partner Michael Schulz im gemütlichen Aufenthaltsbereich. Foto: aia

Während große Sozialträger ihre Pflegeheim-Projekte auf Eis legen, lässt sich eine Familie in Ebersbach-Sulpach nicht beirren: Harigels haben einen „Pflegebauernhof“ gebaut.

Jeden Morgen um sieben, noch vor dem Frühstück, geht Herr W. in den Kuhstall. Der Senior liebt es, bei der Fütterung der Rinder dabei zu sein. Es steht ihm aber auch offen, später bei den Schweinen vorbeizuschauen, sich um die Hühner zu kümmern, Eier zu sortieren oder an einem der Hochbeete mit Gemüse und Kräutern zu werkeln. „Wir versuchen, die Leute einzubinden, wo es geht“, sagt Cornelia Harigel, die Geschäftsführerin von „Natur und Pflege“, über das Konzept ihres Pflegebauernhofs.

 

Natürlich gibt es unter den rund 30 Bewohnern und Bewohnerinnen auch einige, die finden, dass sie schon genug gearbeitet haben im Leben. Das ist ihr Recht, sie müssen nicht mithelfen, auch beim Kochen oder Backen nicht. Aber diejenigen, die aktiv werden wollen, haben reichlich Möglichkeiten dazu.

Die Menschen, die hier wohnen, „sollen wieder einen Alltag haben“, sagt Michael Schulz, der Lebenspartner von Cornelia Harigel und Gesellschafter wie auch Berater des Seniorenheims ist. Einen Alltag haben heißt, etwas zu tun haben, Aufgaben haben - auch wenn es allein zu Hause nicht mehr ging. Das Pflegeheim, bestehend aus zwei dreigeschossigen Holzgebäuden, die durch einen Zwischenbau verbunden sind, steht direkt auf dem Grundstück des Harigel-Hofs – dort, wo der alte Schweinestall, die Miste und der Schuppen waren.

Pflege im Kreis Esslingen

Harigels haben in der eigenen Familie, aber auch im dörflichen Umfeld erlebt, wie schwer es ist, wenn jemand nicht zu Hause versorgt werden kann und im Alter um- oder wegziehen muss. Und das in Sulpach, das zwar ein Stadtteil von Ebersbach ist, aber nach wie vor auch ein Dorf mit einer gut funktionierenden Gemeinschaft.

Cornelia Harigels Mutter Gertrud war und ist, mit ihrem Hofladen und ihrem großen Herzen, schon lange ein Zentrum dieses Dorflebens. „Meine Mutter ist so – man guckt nacheinander“, sagt ihre Tochter. Jetzt geht Gertrud Harigel in der Hauswirtschaft von „Natur und Pflege“ auf, während ihre zweite Tochter Anja Landwirtschaft und Hofladen weiterbetreibt und auf dem Weg zur Weide auch mal mitsamt der Rinderherde im Pflegeheim vorbeischaut.

Ursprünglich wollten Harigels auf das Modell Pflege-Wohngemeinschaft setzen. Das habe auch dem Bauträger gefallen, ohne dessen Rückhalt man das Projekt nicht hätte stemmen können, wie Cornelia Harigel betont. Doch eine Pflege-WG wäre für die Bewohner unterm Strich „finanziell unattraktiver“ geworden, erklärt sie. Zudem wolle man für alle da sein, auch für Menschen mit höherem Pflegegrad – das sei mit der Heimvariante mit Fachkräften rund um die Uhr besser möglich. Aktuell sind im Haus tatsächlich alle Pflegegrade von eins bis fünf vertreten. Und man habe auch schon Menschen „aus der Umgebung, auch aus den Nachbarorten, nehmen können, die palliativ waren“, sagt Cornelia Harigel.

Pflege auf dem Bauernhof. Foto: aia

Freiheit in der Pflege als Konzept

Wenn man auf das Holzgebäude mit der großen Fensterfront im Erdgeschoss zugeht, glaubt man zunächst, in ein Café zu blicken. Drinnen sitzen Menschen um die großen Tische und unterhalten sich lebhaft; erst beim genauen Hinschauen fallen Rollatoren, Rollstühle und Sauerstoff-Rucksäcke ins Auge. Manche Tische wirken wie eine Stammtischrunde: eine Mischung aus Bewohnern, Angehörigen und Nachbarn aus dem Dorf, auch Team-Mitglieder sind dabei.

„Das Schöne ist, unser Konzept zieht auch tolle Mitarbeiter an“, sagt Cornelia Harigel. Die 33-Jährige ist eigentlich gelernte Steuerfachkraft, wollte sich aber neu orientieren. Wobei sie jetzt heilfroh ist, im Umgang mit Zahlen, Verträgen und Abrechnungen geschult zu sein. Denn der Einstieg in die Pflege war nicht nur ein Sprung ins kalte Wasser, sondern in einen wahren Ozean der Bürokratie. Was in der Pflegebranche anfalle an „Verhandlungen, Anträgen, Verträgen, Abrechnungen, mit den Krankenkassen, der Pflegekasse, dem Sozialamt, den Bewohnern und Angehörigen“, das sei einfach irre, sagt Michael Schulz, der selbst ein Unternehmen im Landschaftsgartenbau führt.

Im Hausalltag ist die Bürokratie ausgeblendet, stattdessen sollen sich die Bewohnerinnen und Bewohner frei fühlen und selbst ihren Tag gestalten. „Bei uns gibt es keine Vorgaben, wann wer zum Frühstück kommt“, sagt Cornelia Harigel, dasselbe gelte für die Körperpflege. Sie erzählt von einem älteren Herrn, der einige Zeit zur Kurzzeitpflege auf dem Hof war und die Selbstbestimmung sichtlich genoss – daheim hat er offenbar nicht so viel Freiheit. „Natur und Pflege“ bietet übrigens auch Ehepaaren mit Pflegebedarf ein Zuhause: Für sie gibt es kleine Appartements im Haus.

Mehr als Landluft

Ein „echter“ Bauernhof
Auf dem Harigel-Hof leben unter anderem Hühner, Rinder und Schweine. Für die Rinder wurde 2024/25 ein neuer Stall gebaut, die Schweine haben Auslauf im Außenbereich dazubekommen. Der Hofladen ist schon lange fester Bestandteil des Betriebs und weit über den Ortsteil hinaus bekannt.

Alltag auf dem Hof
Die Seniorinnen und Senioren gehen gerne in die Ställe und suchen den Kontakt zu den Tieren. Ab und zu bekommen sie auch Besuch von ihnen, wie die Fotogalerie auf der Website von „Natur und Pflege“ zeigt. Und natürlich ist der Hofhund ausgesprochen beliebt.