Bhavik Sharma (links) und Wolfgang Leonhardt (rechts) zeigen Pater Joseph, womit sich der Hochdorfer Betrieb beschäftigt. Foto: Markus Brändli

Zwei Jahre lang hat der Handwerksbetrieb Leonhardt vergeblich einen Auszubildenden gesucht. In Indien wurde der Hochdorfer Formenbauer fündig – und gibt den Anstoß für mehr.

Bhavik Sharma versteht und spricht bereits recht gut deutsch – sowie ein bisschen schwäbisch. Letzteres schadet nicht, denn sein Chef, Wolfgang Leonhardt, pflegt den hiesigen Dialekt. Sharma ist 19 Jahre alt und stammt aus der indischen, 3,5 Millionen Einwohner zählenden Metropole Kolkata. Seit neun Monaten lebt und arbeitet er in der 5000-Seelen-Gemeinde Hochdorf: Genauer gesagt, macht er beim Formen- und Werkzeugbauer Leonhardt eine Ausbildung zum Feinwerkmechaniker.

 

Der Familienbetrieb, der rund zwei Dutzend Beschäftigte hat, steht Neuerungen generell aufgeschlossen gegenüber – und rangiert nicht zuletzt deshalb seit Jahren unter den „Top-100-Innovatoren“ des deutschen Mittelstands. Innovativ zeigte sich der Inhaber aber auch, nachdem er zwei Jahre lang vergeblich versucht hatte, eine Lehrstelle zu besetzen. Leonhardt las von der Möglichkeit, Auszubildende aus Indien für das Handwerk zu gewinnen und versuchte genau das.

Der „erste indische Metaller“ im Handwerk der Region Stuttgart

Was in der IT-Branche seit mehr als einem Jahrzehnt und in der Pflege ebenfalls schon seit Jahren gängig ist, gab es zwar auch im Handwerk. „Da ging’s aber in erster Linie um Bäcker, Metzger oder ähnliches“, erklärt Leonhardt, was ihn jedoch nicht davon abhielt bei der Handwerkskammer der Region Stuttgart nachzufragen, wie es denn mit einem indischen Azubi für seinen Bereich aussehen könnte.

Es sah – nach anfänglichem Erstaunen bei den Verantwortlichen ob der Nachfrage – gut aus und der „erste indische Metaller konnte anfangen“ , wie Annette Groschupp, die bei der Kammer unter anderem für die Gewinnung internationaler Fachkräfte zuständig ist, bestätigt. Dass sie jetzt selbst in Hochdorf war, hatte allerdings einen anderen Grund. Pater Joseph, der in Kolkata das Don Bosco Technical Institute (DBTI) leitet, stattete der Region Stuttgart einen Besuch ab.

Engere Zusammenarbeit wird angestrebt

Er wollte sich aber nicht nur einen persönlichen Eindruck vom deutschen Handwerk verschaffen, sondern zugleich für eine engere Kooperation werben. Dass das Handwerk im Land Fachkräfte und obendrein Auszubildende benötigt, steht dabei außer Frage. Genau diese sind im DBTI vorhanden und sehen – zumindest teilweise – ihre Zukunft im Ausland, da der Arbeitsmarkt in Indien sie nicht alle aufnehmen kann.

„Wir bilden bei uns unter anderem Handwerker aus, die in den zwei Jahren auch Deutsch lernen“, sagt Pater Joseph. Eine engere Kooperation zwischen dem Bundesstaat Maharashtra und Baden-Württemberg könne er sich deshalb sehr gut vorstellen, ergänzt er. Erste Ideen, wie diese Zusammenarbeit aussehen könne, gebe es bereits, unterstreicht Annette Groschupp.

Indien und die Region Stuttgart: „gute Matches“ gesucht

So sei es ein wichtiger Aspekt, den jungen Leuten in Indien deutlich zu machen, was sie in Deutschland zu erwarten hätten, damit „gute Matches“ entstünden. „Andererseits können wir direkt vor Ort in Indien mit Modulen, die bei uns in der Ausbildung üblich sind, unterstützen“, fügt sie hinzu. Dass ein solches Vorgehen sinnvoll ist, bestätigen Bhavik Sharma und Wolfgang Leonhardt unisono.

Gastgeschenke für Bhavik Sharma, Wolfgang Leonhardt und David Preisendanz hatte Pater Joseph (von links) im Gepäck. Foto: Markus Brändli

So hat Sharma bereits in seiner Heimat ein Jahr lang Deutsch gelernt, sich über die Grundzüge der Metallbearbeitung informiert und diese kennengelernt. Richtig losgegangen, sie es dann aber erst in Hochdorf, betont er und freut sich, dass er insgesamt dreieinhalb Jahre lang mit den Feinheiten des Berufs vertraut gemacht wird. „Mir gefällt es hier in der Firma, aber auch in Deutschland sehr gut. Es funktioniert alles, weil man mir immer hilft, wenn es notwendig ist.“

Die Handwerkskammer und die Politik haben geholfen

Leonhardt gibt das Lob zurück: „Die Ausbildung sei schon sehr anspruchsvoll. Bhavik bemüht sich allerdings sehr und macht seine Sache gut, auch in der Berufsschule.“ Dass er selbst ebenfalls Hilfe gebraucht hat, ehe Sharma in Hochdorf loslegen konnte, verhehlt der Inhaber des Handwerksbetriebs indes nicht. „Die Kammer stand mir zur Seite und die Politik hat mir auch geholfen.“

Just an dieser Stelle kommt der Esslinger CDU-Bundestagsabgeordnete David Preisendanz ins Spiel, der ebenfalls nach Hochdorf gekommen ist. Ihn erreichte, nachdem es mit dem Visum für den Auszubildenden in spe nicht so recht vorangehen wollte, ein Anruf von Leonhardt. „Das ist in der Tat keine Seltenheit“, sagt Preisendanz. Er werde regelmäßig von Mittelständlern aus dem Landkreis angesprochen, weil es mit der qualifizierten Migration doch nicht immer so einfach sei.

Preisendanz fordert „strukturelle Unterstützung“

„Da muss man politisch unterstützten“, fährt Preisendanz fort. Allerdings sollte das künftig auf einer strukturellen Ebene und grundsätzlich geschehen, nicht immer individuell. „Wir brauchen eine solche Zuwanderung prinzipiell für die deutsche Gesellschaft, da darf es für die, die kommen wollen, nicht kompliziert sein“, stellt er klar und verweist in diesem Zusammenhang auf den immer größer werdenden Mangel an Fachkräften.

Wolfgang Leonhardt wiederum weiß genau davon ein Lied zu singen und nennt, um die Brisanz zu unterstreichen, zwei konkrete Zahlen. „Schaut man etwa auf den Bereich Feinwerkmechanik, so gibt es zurzeit an der Berufsschule in Kirchheim noch eine Klasse mit sieben Leuten. Vor nicht allzulanger Zeit war es mehr als das Zehnfache.“ Er habe also ein rein wirtschaftliches Interesse daran, interessierte und motivierte Arbeitskräfte zu finden. Und was dazu komme: „Für mich als Unternehmer ist es schon auch interessant, unter anderem den indischen Markt zu erobern.“

Qualifizierte Zuwanderung

Mangel
Um den allgemeinen Fachkräftemangel abzumildern, gibt es in der EU seit dem Jahr 2012 die „Blaue Karte“, mit der hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten den Weg unter anderem auch nach Deutschland finden sollten. War dieser Weg zunächst nur Akademikern vorbehalten, steht er jetzt auch anderen Fachkräften offen – Auszubildenden allerdings nicht.

Ausbildung
Wer beispielsweise aus Indien stammt und in Deutschland eine Lehre absolvieren möchte, braucht deshalb ein Visum zu Ausbildungszwecken. Um dieses zu bekommen, sind in aller Regel fortgeschrittene Sprachkenntnisse der Kategorie B1 nachzuweisen. Was die weiteren Voraussetzungen angeht, sprechen außerdem weitere Behörden mit.

Hilfe
Sowohl die Industrie- und Handelskammer (www.ihk.de/stuttgart) als auch die Handwerkskammer der Region Stuttgart (www.hwk-stuttgart.de) unterstützen Firmen und Betriebe bei den bürokratischen Abläufen. Außerdem können sich interessierte Unternehmen an den Welcome Service (www.welcome.region-stuttgart.de) des Verbands Region Stuttgart wenden.