Die Weingärtnergenossenschaft Teamwerk Esslingen hat laut Geschäftsführerin Ramona Fischer vorgesorgt und noch einige Flaschen in Sonderformen auf Lager. Doch ob man künftig noch die gewünschten Glasgefäße bekomme, sei völlig ungewiss. Foto: Roberto Bulgrin

Der Ukraine-Krieg hat zur Folge, dass es hierzulande weniger Glasflaschen gibt als zuvor – und dass die Kosten dafür in die Höhe schnellen. Weingärtner und Schnapsbrenner im Kreis Esslingen befürchten, ihre Produkte bald in untypische Gefäße abfüllen zu müssen.

Maximilian Kusterer hat Glück gehabt. Durch Zufall hat der Inhaber des gleichnamigen Esslinger Weinguts im vergangenen Jahr sehr viele Weinflaschen bestellt – und konnte bis dato abfüllen wie geplant. Doch ob das so bleibt, ist ungewiss. Denn wegen des Ukraine-Kriegs sind Glasflaschen hierzulande inzwischen Mangelware. Zum einen, weil diese zuvor zum großen Teil aus Glashütten in Russland und der Ukraine kamen. Zum anderen, weil der Krieg die Energiepreise in die Höhe getrieben hat – und sich das auf die energieintensive Glasproduktion auswirken könnte. Kusterer ist längst nicht der Einzige, der das zu spüren bekommt.

 

Früher habe er zwei Wochen vor der Abfüllung beim Lieferanten angerufen und alles bekommen, was er brauchte, erzählt Kusterer. In diesem Jahr hingegen habe er bereits im Juli die Bestellung für den Winter aufgegeben – und sei immer noch nicht sicher, ob tatsächlich wie gewünscht geliefert werde. Die Situation sei nach wie vor sehr angespannt. Auch in anderen Bereichen müsse man immer mehr vorausplanen: Angesichts von Aluminiumknappheit müssten die Schraubverschlüsse für Weinflaschen statt wie zuvor wenige Monate inzwischen ein Dreivierteljahr im Voraus bestellt werden. Wer etwas an seinem Produkt verändern wolle – und sei es nur das Etikett – müsse das bald anderthalb Jahre vorher planen.

Und abgesehen davon werde auch alles teurer: neben Flaschen und Verschlüssen auch das Material für den Weinanbau, die Kartons für die Online-Bestellungen sowie der Versand selbst. Daher glaubt Maximilian Kusterer: „Bei den Weinpreisen wird sich sicher noch etwas tun.“

Weingärtner werden voraussichtlich Preise erhöhen

Davon ist auch Ramona Fischer, Geschäftsführerin der Esslinger Weingärtnergenossenschaft Teamwerk, überzeugt: „Wir müssen die Preise erhöhen, auch wenn die Frage ist, ob der Verbraucher das mitmacht.“ Der Mangel an Glasflaschen betrifft die Genossenschaft zwar nur bedingt, weil das Gros des Rebensafts der rund 100 Mitglieder in der Württembergischen Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) in Möglingen abgefüllt wird. Doch viele der Weingärtner haben auch Sonderflaschen im Repertoire, die sie selbst befüllen. Angesichts der Lage habe man vorgesorgt und jetzt noch einige Sonderflaschen auf Lager – aber niemand wisse, wie sich die Situation entwickele, so Ramona Fischer. „Es steht ein ganz großes Fragezeichen über dem nächsten Jahr.“ Denkbar sei durchaus, dass einige Hochöfen in den Glashütten wegen der enormen Energiepreissteigerungen heruntergefahren würden und der Flaschenmangel sich verschärfe, sagt Fischer.

Bei der WZG, wo auch die Mitglieder der Weingärtnergenossenschaft Hohenneuffen ihren Rebsaft abfüllen lassen, sorgt man sich aktuell weniger wegen Flaschenmangels als vielmehr wegen der exorbitant steigenden Preise. „Wir befinden uns nicht in einer Glasmangellage“, betont Daniel Schäufele, Betriebsleiter der Produktion bei der WZG – noch nicht. Die Versorgung der Zentralgenossenschaft mit ausreichend Weinflaschen sei vertraglich abgesichert, und zumindest in diesem Jahr könne der Bedarf gedeckt werden. Aber angesichts von Preissteigerungen bis zu 40 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr müssten die Weinpreise zwangsläufig erhöht werden, glaubt Schäufele. Zudem sei unklar, wie es weitergehe: Selbst die Glashütten könnten derzeit keine belastbaren Aussagen über die Zukunft treffen.

Manch Whiskybrenner füllt in Bierflaschen ab

In anderen Bereichen hingegen macht sich der Mangel an Glasflaschen bereits deutlich bemerkbar. So berichtet etwa Immanuel Gruel, Inhaber einer Whisky-Destillerie in Owen, dass die Flaschen für seine Destillate inzwischen oft schwer erhältlich und teils doppelt so teuer seien wie vergangenes Jahr. „Manche Flaschenformen sind seit Frühjahr nicht zu bekommen“, so Gruel. Dass er gar keine Flaschen mehr beziehen kann, hält er für unwahrscheinlich. Aber es sei durchaus möglich, dass er seinen Whisky in braune oder grüne Apothekerflaschen füllen müsse statt in hohe, elegante Weißglasflaschen. Das habe er von anderen Destillerien bereits gehört – ebenso von Whiskybrennern, die auf Halbliter-Bierflaschen zurückgreifen mussten. Gruel hält es für sehr unwahrscheinlich, dass für das Weihnachtsgeschäft noch die richtigen Flaschen kommen. Dass das den Verbraucher abschrecke, glaubt er zwar nicht unbedingt: „Die Leute sind inzwischen sehr kulant“, findet er. Schwieriger aber seien die starren Strukturen im Lebensmittelhandel: Dort seien die Regale genau auf die Produktgrößen abgestimmt – Abweichungen könnten zu Problemen führen. „Es bleibt spannend“, sagt Gruel. „Das Ende ist noch nicht erreicht.“

Weinbauverband Württemberg

Preissteigerungen
 Hermann Morast, Geschäftsführer des Weinbauverbands Württemberg, spricht von Preissteigerungen um die 30 Prozent und mehr für Glasflaschen – falls sie überhaupt verfügbar seien. Angesichts der generellen Kostensteigerungen bräuchten die Weingärtner Preiserhöhungen von etwa 15 Prozent für ihre Produkte, um ihre höheren Kosten zumindest teilweise ausgleichen zu können – ohne die Kunden komplett zu verprellen.

Mehrwegsystem
Die meisten Weine werden inzwischen in Einwegflaschen abgefüllt. Lediglich für die traditionell württembergische Literflasche gibt es laut Morast ein Mehrwegsystem, weil diese früher das Gros im Ländle ausgemacht und weil sie im Gegensatz zur Dreiviertell-Liter-Flasche immer den gleichen Verschluss habe. Derzeit sei die Weinbranche auf der Suche nach einer Lösung, wie ein großflächigeres Mehrwegsystem für die Weinflaschen organisiert werden könnte.