Die langjährige Stillberaterin Charlotte Spieth-Hassel erklärt, dass es beim Stillen auch auf die richtige Position ankommt. Foto: Ines Rudel

Muttermilch ist gesund und günstig. Das sind nur zwei von vielen Argumenten, die fürs Stillen sprechen. Weil aber viele Frauen Stillprobleme haben, geben Beraterinnen Tipps – eine von ihnen macht das seit 25 Jahren.

Was brauchen stillende Mütter, welche Informationen und welche Unterstützung helfen ihnen weiter? Die Themen Stillvorbereitung, das Stillen unterwegs, Probleme beim Stillen und vieles mehr sind aktuell wie eh und je. Das zeigt ein Gespräch mit der ehrenamtlichen Stillberaterin Charlotte Spieth-Hassel, die Frauen seit 25 Jahren berät und dieses Jubiläum jetzt gefeiert hat.

 

Es war Zufall, dass sich vor 25 Jahren ausgerechnet im beschaulichen Neckartenzlingen eine Stillgruppe der La Leche Liga gegründet hat. „Es musste einfach zu mir und meiner Familie passen“, erzählt Charlotte Spieth-Hassel, die in Neckartenzlingen wohnt, wie es zu der Entscheidung kam.

Bis heute sei das Einzugsgebiet, aus dem die Mütter immer freitags ins evangelische Gemeindehaus kommen, riesengroß, berichtet sie. Selbst aus Stuttgart, Tübingen, Göppingen und sogar aus Tübingen kämen Frauen nach Neckartenzlingen, denn bis heute sind Stillgruppen eher rar gesät.

Viele Stillberaterinnen engagieren sich ehrenamtlich

Die La Leche Liga, die rund 820 Mitglieder zählt, bietet in der Region Stuttgart inzwischen auch Treffen in Stuttgart-Bad Cannstatt, in Renningen-Malmsheim (Kreis Böblingen) und in Möglingen im Kreis Ludwigsburg an. Die Liga ist eine gemeinnützige Fachorganisation, die sich die mütterliche Zuwendung durch Stillen als die „natürlichste und wirkungsvollste Art, die Bedürfnisse eines Säuglings zu verstehen und zu befriedigen“, auf die Fahnen geschrieben hat. Weitere ehrenamtlich aktive Stillberaterinnen finden sich auch über die Schwesterorganisation Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen, erklärt Spieth-Hassel, die ihre Ausbildung zur Stillberaterin der La Leche Liga im Jahr 2000 absolvierte.

Seit 25 Jahren gibt es die Stillgruppe Neckartenzlingen. Foto: Ines Rudel

Viele Jahre leitete die tatkräftige Frau die Stillgruppe in Neckartenzlingen, bis Christine Stoer aus Asperg (Kreis Ludwigsburg) dazukam und schließlich die Gruppentreffen übernahm. Die beiden Frauen teilen sich inzwischen die Aufgaben, berichtet Spieth-Hassel, die sich vor allem auf die telefonische Beratung spezialisiert hat und sich auch in der Verbandsarbeit von La Leche Liga engagiert.

Stillen wird auch an den Kliniken gefördert

„Ich mache das, weil es mir wichtig ist und weil ich mein Wissen weitergeben möchte“, erklärt die Neckartenzlingerin, die drei Töchter gestillt und großgezogen hat, ihren ehrenamtlichen Einsatz, für den sie „auch notfalls an Heiligabend ans Telefon“ geht.

Anders als professionelle Still- und Laktationsberaterinnen, die häufig mit Kliniken zusammenarbeiten – wie beispielsweise die Kinderkrankenschwestern, die in der ES-Elternschule am Klinikum Esslingen kostenpflichtige Kurse mit fünf Terminen anbieten – darf Spieth-Hassel weder Mutter noch Kind anfassen.

Aber das sieht Spieth-Hassel nicht als Problem an. Mit einer Babypuppe auf dem Arm zeigt die Stillberaterin, worauf es ankommt: Vor dem Stillen auf die Toilette gehen, dann bequem sitzen mit entspannten Armen, gerne ein Bein hoch als Stütze und schauen, „dass es mir gut geht“: Das seien schon ein paar wichtige Voraussetzungen fürs Stillen.

Und wenn das Baby viel Zeit an der Brust verbringen möchte, sei das nicht nur auf Hunger und Durst zurückzuführen, sondern das Kind hole sich auch Beruhigung, Trost, Kommunikation und Hilfe beim Einschlafen. Stillen sei aber kein Selbstläufer, sondern ein Lernprozess für alle Beteiligten, erklärt die 59-Jährige. Allerdings hätten die meisten Frauen „in sich das Wissen, aber nicht alle trauen sich das Stillen zu“. Und es sei ganz wichtig, nicht alles auszuhalten, wenn die Brustwarzen entzündet sind oder ein Milchstau droht.

Mutter und Baby brauchen Zeit und Geduld

Die Stillberaterin ermuntert Frauen, Hilfe zu holen und sich Zeit zu nehmen, denn mit jedem Wachstumsschub sorge das Baby beim Saugen für mehr Milch. Geduld könne weiterhelfen, denn es daure halt ein paar Tage, bis sich der Nachschub eingependelt hat.

Auch die Väter oder andere Familienmitglieder könnten helfen, beispielsweise das Kind nachts nach dem Stillen bis zum Bäuerchen herumtragen, damit die Mutter nicht extra aufstehen muss, rät Spieth-Hassel, die das Stillen als natürliche Ernährung mit der richtigen Temperatur lobt. Zudem sei Muttermilch umsonst zu haben, immer verfügbar, nachhaltig und lokal.

Diese Vorteile bilden auch die Basis für die nationale Strategie zur Stillförderung, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 2021 vorgelegt hat und die das Ziel verfolgt, stillende Frauen zu unterstützen. Laut dem Ministerium formulieren fast 90 Prozent der Mütter vor der Geburt die Absicht, ihr Kind zu stillen.

Tatsächlich stillen dann aber nur 68 Prozent der Mütter ihr Kind ausschließlich. Nach zwei Monaten ist es noch etwas mehr als die Hälfte und nach vier Monaten sind es nur noch 40 Prozent, obwohl das Stillen aus gesundheitlichen Gründen für mindestens sechs Monate empfohlen wird.

Bezahlte Stillzeit

Technik
Die richtige Anlegetechnik beim Stillen kann erlernt werden, erklärt das Netzwerk Gesund ins Leben. Vielen Stillproblemen werde vorgebeugt, wenn Frauen und enge Bezugspersonen bereits in der Schwangerschaft Informationen zum Anlegen des Säuglings erhalten und gerade zu Beginn der Stillzeit auf professionelle Unterstützung zurückgreifen können.

Rechte
Erwerbstätige Mütter haben in den ersten zwölf Monaten nach der Geburt Anspruch auf bezahlte Stillzeiten. Mütter, die stillen oder Milch abpumpen, stehen dazu mindestens zweimal täglich 30 Minuten oder einmal pro Tag eine Stunde zur Verfügung. Teilzeitbeschäftigten stehen ebenfalls Stillzeiten zu.