Der designierte Polizeipräsident Frank Rehbolz und sein Kollege Rudi Denzer. Foto: factum/Archiv

Während der designierte Polizeipräsident Frank Rebholz die Reform für gelungen hält, gibt es großen Unmut bei den Beschäftigen. Vor allem in Böblingen fühlt man sich benachteiligt, viele kritisieren die neuen Verwaltungsebenen.

Kreis Böblingen - Zwei Streifenpolizisten mehr pro Revier, weniger Häuptlinge, mehr Indianer: Das soll die grün-rote Polizeireform des Innenministers Reinhold Gall (SPD) bringen. Jetzt werden die Auswirkungen sichtbar: Das neue Präsidium in Ludwigsburg mit 1700 Angestellten erhält viele neue Verwaltungsebenen, 800 Beamte müssen ihren Arbeitsplatz wechseln, und trotzdem bleiben die Aufgaben auf viele Standorte verteilt. Leonberg ist mit 25 zusätzlichen Stellen ein Gewinner der Reform. Doch unter den Polizisten herrscht Verunsicherung und Ärger.

So gibt es zwei Sichtweisen des Reformwerkes. Die eine, positive vertritt der künftige Ludwigsburger Polizeipräsident Frank Rebholz. Die kritische viele seiner Angestellten. „Wir verschlanken die Verwaltung und schaffen als Rendite zwei Stellen mehr in jedem Revier“, verspricht Rebholz. Am Dienstag hat er die neue Struktur vorgestellt. Demnach gibt es keinen ständigen Stellvertreter des Präsidenten, sondern einer der Leiter der neu geschaffenen Fachdirektionen nimmt diese Aufgabe wahr.

Wird der Böblinger Rudi Denzer Stellvertreter?

Ursprünglich war angedacht, dass Rudi Denzer als Böblinger Chef der feste Vize von Rebholz wird. „Das ist immer noch möglich“, sagt Rebholz. Er könne ja theoretisch Chef einer Fachdirektion werden und in dieser Funktion Rebholz vertreten. Der Kampf zwischen Böblingern und Ludwigsburgern habe jedenfalls „wahnsinnig viele Diskussionen“ ausgelöst, gibt Rebholz zu. Das Ergebnis: Böblingen bekommt zwar, wie geplant, die Leitung der Kriminalpolizei-Direktion, doch 80 Mitarbeiter bleiben in Ludwigsburg. Auch sonst sind viele wichtige Aufgaben in Ludwigsburg konzentriert. „Da hatte ich anfangs schon Bedenken“, sagt der Böblinger Vize Horst Failenschmid, doch es gebe eben mehr Kriminalität in Ludwigsburg.

Das neue, große Präsidium bekommt neue Verwaltungsebenen: So gibt es drei Unterdirektionen, je eine für die Kripo, die Reviere und den Verkehr. Die Kripo wird zusätzlich in acht Fachinspektionen unterteilt. Rebholz spricht dennoch von einfacheren Strukturen: „Wir entlasten so die Reviere von Leitungsaufgaben.“ So würden zwar nicht mehr Köpfe, aber rechnerisch mehr Stellen vor Ort ankommen. In vielen Fragen, von der Hundestaffel bis zu Bewerbungsgesprächen, sollen Aufgaben zudem vor Ort gelassen werden. „Dislozierung“ nennt das Rebholz: „Wir haben weit weniger zentralisiert als andere.“

So entsteht eine neue Mammutbehörde, die 890 000 Einwohner in 65 Kommunen versorgt. Insgesamt wechseln 100 Polizisten von Ludwigsburg nach Böblingen, 90 umgekehrt, in Leonberg entsteht mit 37 Beamten der Kriminaldauerdienst mit Fahndung im 24-Stunden-Betrieb. Doch damit nicht genug der Änderungen: Die Bereitschaftspolizei in Böblingen mit 410 Beamten wird aufgelöst, dafür entsteht dort ein neues Bildungspräsidium mit 80 Mitarbeitern. Ziemlich viel Wandel also, der Geld kostet. Die CDU-Abgeordnete Sabine Kurtz hat in einer Anfrage ans Innenministerium eine Zahl genannt bekommen: Rund 17 Millionen Euro sollen allein die Umbauten im Kreis Böblingen kosten.

Kritische Sichtweise der Belegschaft

Neben der Sichtweise von Rebholz gibt es noch eine andere, kritische. „Es herrscht große Verunsicherung“, sagt ein Mitarbeiter der Böblinger Polizei. Vor allem die zusätzlichen Verwaltungsebenen stoßen manchen sauer auf: drei neue Direktionen, vier zusätzliche Inspektionen und unzählige Führungsstäbe. „Das ist ein Stellenprogramm für den höheren Dienst“, heißt es in Polizeikreisen, „es entsteht eine Schattenwirtschaft.“ So mancher bezweifelt, ob so die Reviere mehr Stellen erhalten.

Es dreht sich ein gigantisches Personalkarussell. „Wir bekommen gerade viele Bewerbungen von Tübingen oder Pforzheim“, berichtet auch der Chef Frank Rebholz. Denn auch dort werden Behörden aufgelöst. Die Mitarbeiter durchlaufen nun ein sogenanntes „Interessenbekundungsverfahren“: Jeder darf drei Wünsche angeben, wo er arbeiten will. „Wir wollen soziale Härten vermeiden“, sagt Frank Rebholz, „aber am Ende muss das Präsidium auch funktionieren.“ Bis Dezember soll klar sein, wer künftig wo arbeitet.

„Viele sind natürlich verunsichert, Begeisterung herrscht nicht“, sagt der Personalratsvorsitzende Hans-Jürgen Potemke. Viele hätten schon jetzt weite Anfahrtswege, weil sie im Hinterland wohnten. Potemke: „Mit den neuen Standorten können schon 200 Kilometer am Tag zusammenkommen.“ Andere werden deutlicher: „Es gibt eine sehr riesige Unruhe.“ Der künftige Präsident Frank Rebholz wiegelt ab: „Die Aufregungen haben sich mittlerweile doch sehr versachlicht.“

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