An der Hinteren Straße in Holzgerlingen leisten Abbrucbbagger momentan ganze Arbeit. Foto: factum/Bach

Fast vier Hektar sind zum Sanierungsgebiet erklärt worden – der Ort verändert sein Gesicht wie lange nicht mehr. Alte Häuser fallen der Abrissbirne zum Opfer. Scheunen, die landwirtschaftlich genutzt wurden, werden abgebrochen.

Holzgerlingen - An der Hinteren Straße in Holzgerlingen sieht es fast so aus wie nach dem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg. Gesteinsbrocken und Schutt prägen die Szenerie – die Stadt wird ihr Gesicht verändern. Auf dem Areal zwischen der Bahnhof- und der Gartenstraße entsteht ein neues Quartier mit zunächst drei neuen Gebäuden, wovon eines in einer L-Form errichtet wird. Neu überbaut werden 3,9 Hektar. Verantwortlich dafür ist die Böblinger Baugesellschaft (BBG), die 13 Millionen Euro investiert.

Zunächst werden 19 neue Wohnngen gebaut

„Es ist das größte Vorhaben seit vielen Jahren“, sagt Ioannis Delakos, der derzeitige Erste Beigeordnete der Stadt und frisch gewählte Bürgermeister, der die Nachfolge des altershalber ausscheidenden Wilfried Dölker antritt. Laut Delakos ist die Nachfrage nach Wohnraum in der 13 000-Einwohner zählenden Stadt riesig. Das liegt vor allem an der Lebensqualität von Holzgerlingen. Die Stadt hat in den vergangenen zehn Jahren 16,5 Millionen Euro in Schulen investiert und kann die Nachfrage nach U-3-Kindergartenplätze decken. Es gibt vier Sporthallen, ein Freibad und ein Freizeitgelände. „Und auch der Ausbau der Schönbuchbahn, die bald im 15-Minuten-Takt nach Böblingen fahren soll, wertet den Standort auf“, erklärt Rainer Ganske, der BBG-Geschäftsführer.

19 neue Wohnungen werden in dem Karree Stadtmitte-West gebaut, für kleine und größere Flächenansprüche. Singles können sich auf 47 Quadratmeter niederlassen, mehrköpfigen Familien oder Bewohner, die sich ausbreiten wollen, haben bis zu 175 Quadratmeter zur Verfügung. „Die Wohnungen gehen weg wie warme Semmeln“, ist sich Rainer Ganske sicher. Zumal in dem Quartier auf Aufenthaltsqualität Wert gelegt werde. Mit der geplanten Spielstraße, Flächen für Einzelhandel und vielleicht auch für ein Café, den mehr als 50 Parkplätzen und mit viel Grün darum herum hat das Architekturbüro Solarplan in Sindelfingen jüngst das Preisgericht überzeugt und den Zuschlag erhalten. „Außerrdem nimmt das Baukonzept die markante Struktur der ehemaligen Bauernhöfe auf“ mit den Giebeln und Dachtraufen, beschied die Jury. Die alten Gebäude stammen teilweise aus dem 18. Jahrhundert.

Möglicherweise werden acht weitere Wohnhäuser gebaut

Die drei Gebäude werden in einer ersten Baustufe errichtet, in Richtung Gartenstraße sind die Pläne noch nicht weiter gediehen. Die Grundstücksverhandlungen laufen noch. Wenn sie beendet sind, wird die BBG gemeinsam mit der Stadt einen Bebauungsplan aufstellen – möglicherweise für acht weitere Wohnhäuser.

Auch an einer besseren medizinischen Versorgung besteht Bedarf. Dem soll in dem L-förmigen Gebäude Rechnung getragen werden. „Besonders Fachärzte sind bei uns willkommen“, sagt Delakos. Er kann sich zudem eine psychiatrische Praxis vorstellen, medizinische Dienstleister wie Zahn- und Kieferchirurgen und eventuell auch eine Apotheke. „Was daraus wird, werden wir sehen“, meint Delakos.

Statt Ärzte sind ein Hotel und eine Bäckerei eingezogen

Doch gerade hier liegt sozusagen der Hund begraben. In Renningen etwa – einer vergleichbar großen Kommune – ist der Investor damit gescheitert, Arztpraxen in einem einen neuen Wohn- und Geschäftskomplex anzusiedeln. Alteingessene Ärzte hatten dort durchaus Interesse, in die modernen, barrierefreien Räume umzuziehen. Doch sind sich die Urbanbau-Gesellschaft und die Ärzte offenbar nicht über die Modalitäten einig geworden. Außerdem wurden die drei Gebäude an der Renninger Bahnhofstraße später fertig als geplant. Das elf Millionen Euro teure Gebäudeensemble war im Juli 2016 bezugsreif.

„Wir hätten gerne einen Augenarzt gehabt. Das hat sich zerschlagen“, sagt Peter Müller, der Erste Beigeordnete der Stadt. Doch habe ihnen die Kassenärztliche Vereinigung einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Fachärzte, die nicht nur Privatpatienten versorgen, haben es sehr schwer, eine Zulassung zu bekommen“, erläutert Müller. Stelle die Vereinigung laut ihrer Planung in einem Gebiet eine ausreichende oder eine Überversorgung fest, lehne sie die Niederlassung eines Arztes ab. Statt Ärzten sind in das Gebäudeensemble nun ein Hotel und ein Bäcker mit einem Café eingezogen. „Beides läuft sehr gut“, bilanziert Müller. Auch die Wohnungen waren schnell weg. „Der Bedarf ist bei uns schier nicht zu erfüllen“, sagt Müller, „ähnlich wie in Holzgerlingen“.

Böblinger Bauträger

Sozialwohnungen:
Die Böblinger Baugesellschaft (BBG) baut in Holzgerlingen auch 26 geförderte Sozialwohnungen und investiert rund sieben Millionen Euro. In der Schönaicher Straße entstehen drei Wohngebäude mit 14 Zwei-, fünf Drei-Zimmer- sowie sieben Vier-Zimmer-Wohnungen. Zudem werden 29 Tiefgaragenplätze sowie vier Stellplätze im Freien geschaffen. Die ersten Mieter sollen im Spätherbst 2019 einziehen. Derzeit verfügt die BBG über rund 320 sozial geförderte Mietwohnungen und ist damit der größte Anbieter von Sozialwohnungen im Raum Böblingen. Weitere Projekte mit bezahlbarem Wohnraum sind in der Böblinger Schafgasse und im Diezenhaldenweg geplant.

Baugesellschaft
: Das kommunale Wohnungsbauunternehmen BBG ist der größte Immobiliendienstleister im Kreis – als Bauträger sowie mit 1200 eigenen Wohnungen und der Verwaltung von 1600 Wohnungen für Wohnungseigentümergemeinschaften.

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