Apotheker und Apothekerinnen aus dem Kreis Böblingen schlagen Alarm wegen einer gefährlichen Tiktok Mutprobe.
Eine neue Mutprobe auf der Plattform Tiktok bereitet Apothekern und Apothekerinnen im Landkreis Böblingen und darüber hinaus große Sorgen. Bei der sogenannten „Paracetamol-Challenge“ filmen sich Jugendliche dabei, wie sie eine Überdosis Paracetamol zu sich nehmen. „So ein Quatsch ist mir noch nie untergekommen“, sagt der Holzgerlinger Apotheker Björn Schittenhelm und warnt gleichzeitig, den Trend ernst zu nehmen.
In seinen eigenen Apotheken hat Schittenhelm noch nicht festgestellt, dass Jugendliche vermehrt Paracetamol kaufen, doch die Klick-Zahlen der Tiktok-Videos besorgen ihn: „Das ist nur eine Frage der Zeit“, sagt er. Mittlerweile habe sogar die Landesapothekerkammer in einem Rundbrief für dieses Thema sensibilisiert. Noch hat auch Isabell Kunath, Inhaberin der Apotheke am Markt in Ehningen und einer weiteren in Renningen, keine verstärkte Nachfrage nach Paracetamol Tabletten speziell von Jugendlichen bemerkt. Doch das Thema hat auch in ihren Apotheken Priorität: „Wir sind nun noch aufmerksamer bei der Abgabe von Paracetamol, insbesondere an jüngere Personen und stellen sicher, dass unsere Kundschaft die empfohlene Dosierung kennt und versteht“, sagt die Apothekerin.
Eine Überdosis Paracetamol kann tödlich enden
Denn eine Überdosis Paracetamol kann tödlich enden oder irreparable Leberschäden hinterlassen. „Das ist ein qualvoller Tod“, erklärt Björn Schittenhelm ohne Umschweife. Eine Möglichkeit, im Verdachtsfall einzuschreiten, hätte das Personal in der Apotheke schon, erklärt der Apotheker. Mehr als eine Packung Paracetamol pro Person werde in Apotheken sowieso nicht verkauft. Doch natürlich gebe es zahlreiche Schlupflöcher: Wer sich mehrere Packungen Paracetamol besorgen wolle, könne schlichtweg mehrere Apotheken anlaufen oder die Packungen im Onlinehandel kaufen – dort gebe es nämlich keine Limitierungen, erklärt der Apotheker.
„Arzneimittel sind keine Bonbons“
Eltern rät er, ihren Kindern klar zu machen, dass es sich bei Paracetamol nicht um eine harmlose Erkältungstablette handelt. „Arzneimittel sind keine Bonbons“, sagt er. Selbst, wenn Jugendliche einen solchen Versuch überleben würden, müssten sie mit den schweren Folgen einer Leberschädigung leben, warnt der Apotheker. Auch Isabell Kunath versucht, in der Apotheke und über die sozialen Medien Aufklärungsarbeit zu leisten: „Durch diese proaktive Aufklärung und verantwortungsbewusste Abgabepraktik hoffen wir dazu beizutragen, die Gesundheit unserer Kunden zu schützen und potenzielle Gefahren zu minimieren“, sagt sie.
Der Verband Pharma Deutschland hält in einer Mitteilung Apotheker und Apothekerinnen ebenfalls dazu an, beim Verkauf von Paracetamol an Jugendliche besonders vorsichtig zu sein. In dem Schreiben von Anfang Februar weist der Verband darauf hin, dass die Beschwerden bei einer Überdosierung meist erst bis zu 48 Stunden später auftreten, was das Problem verschlimmert: Dann sei es laut dem Verband meist zu spät für ein Gegenmittel – die einzige Rettung sei dann eine Lebertransplantation.
Der WDR berichtet, dass Tiktok selbst keine Beweise für einen solchen Trend auf der Plattform erkennen könne. Eine einfache Suche auf der Plattform führt jedoch zu Videos, in denen Jugendliche mutmaßlich in Krankenhausbetten liegen und über Schmerzen klagen. Gleichzeitig liefert die Suche allerdings auch zahlreiche Videos von Nachrichtenportalen und Apothekerinnen und Apothekern, die aufklären.
Immer wieder machen Jugendliche mit derartigen Mutproben Schlagzeilen. In der Vergangenheit sollen sich junge Leute dabei gefilmt haben, wie sie sich vor laufender Kamera strangulierten, bis sie ohnmächtig wurden. Ebenfalls potenziell gefährlich war ein Trend, bei dem Jugendliche Hühnchen mit dem Fiebersaft „NyQuil“ angebraten haben. Durch das Erhitzen sollen sich die Wirkstoffe konzentrieren und können so ebenfalls zu einer Überdosis führen.