Plastik, Putzlappen und andere Störstoffe: In den Biotonnen des Landkreises soll kein Plastik landen. Darum wird nun kontrolliert. Unterwegs mit zwei Müllsheriffs.
Der Fahrtwind auf dem Trittbrett des elektrobetriebenen Müllwagens vertreibt den schlechten Geruch der Biomülltonnen, die gerade geleert und zurück an den Straßenrand geschoben worden sind. Mit einem gewagten Hopser ist der 31-jährige Müllwerker Jakub Siecinski wenige Momente später schon wieder vom Trittbrett abgesprungen und strebt auf die nächsten Mülltonnen zu, die die Bewohner der Wilhelm-Haspel-Straße in Sindelfingen in aller Frühe auf den Bürgersteig gestellt haben.
Die Kunst des Kompostierens
Er und sein Kollege Serdar Demir, 36, sind zurzeit nicht nur Müllwerker, sondern in gewisser Weise auch Detektive: Sie sollen Fremdstoffe im Biomüll aufspüren. Das Landratsamt Böblingen und sein Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) beteiligen sich aktuell an einer bundesweiten Kontrollaktion. „Wir wollen erreichen, dass der Biomüll möglichst sortenrein ist“, sagt der Betriebshofsleiter Joachim Predl. Es werde nämlich immer aufwendiger, Kompost herzustellen, der unter anderem für die Landwirtschaft gebraucht wird, weil immer mehr nicht-biologischer Abfall entfernt werden müsse. Zudem seien Küchenabfälle wichtig, um bei der Vergärung Biogas zu gewinnen. „Biomüll ist also wichtig fürs Klima“, sagt Joachim Predl.
„Den Biomüll riecht man im Sommer“
Um das Bewusstsein der Bürger im Kreis Böblingen für das Problem zu erhöhen, greift der AWB nun zu erzieherischen Methoden. Sehen die Müllwerker in der Tonne etwas, das dort nicht reingehört, bleibt die Mülltonne stehen – und es wird dem Landratsamt gemeldet, dass die betreffende Tonne sogenannte Störstoffe enthält. Über einen Aufkleber werden die Besitzer der Tonne darüber informiert, was sie nun tun können: Entweder, sie entfernen die Störstoffe und stellen die Biotonne zur nächsten regulären Leerung wieder hin, oder sie bestellen in dringenden Fällen eine kostenpflichtige Sonderabholung.
Siecinski und Demir sind inzwischen ein paar Mülltonnen weiter. Sie teilen sich die Tour auf. Eine Hälfte fährt Demir und Siecinski leert die Tonnen, danach wird getauscht. „So ist keiner von uns am Ende der Schicht völlig erledigt“, sagt Demir. Sieben bis acht Kilometer läuft trotzdem jeder jeden Tag. In der Regel fahren die beiden Müllwerker immer eine andere Strecke, sie sind Springer. Eine feste Tour haben sie nicht. Für die beiden ist das ideal. „Jeder Tag ist für uns anders“, sagt Demir. Auch, welchen Müll sie abholen und zur Deponie nach Leonberg-Warmbronn fahren, ändert sich regelmäßig. An den Geruch gewöhne man sich aber schnell. „Papier und Restmüll ist kein Problem, nur den Biomüll riecht man im Sommer ein bis zwei Monate lang schon noch“, sagt Demir. Neun Jahre lang ist der junge Mann aus Istanbul beim AWB, genießt es, viel draußen zu sein. Siecinski, der aus Polen stammt, fing vor fünf Jahren als Müllwerker an. Seit zwei Jahren sind die beiden ein Team.
Wenn die Tonne stehen bleibt, sind die Leute sauer
Mit geübtem Griff öffnet Siecinski zunächst den grünen Deckel und schaut auf den Inhalt. „Hier gibt es wieder Störstoffe“, sagt er und zeigt in die Biotonne. Der Gestank hängt um den Müllbehälter wie eine Wolke. Mit dem Öffnen des grünen Deckels ist zudem ein Schwarm Fruchtfliegen aus der Tonne aufgestiegen.
Es kostet Überwindung, Siecinskis Fingerzeig zu folgen. In den Untiefen der Biotonne, in der eigentlich Unrat wie Obst- und Gemüsereste, Brot und Zeitungen sowie Eierschalen und Teebeutel entsorgt werden, ist ein Müllbeutel aus Plastik zu sehen. Darin modern Restmüll und Putzlappen in einer stinkenden Soße vor sich hin. „Die Tonne müssen wir stehen lassen“, sagt der Müllwerker. Trotzdem schiebt er sie an den Müllwagen, sodass der ID-Chip eingelesen werden kann. „Wenn die Leute dann anrufen und sagen, ihre Tonne sei nicht geleert worden, können wir beweisen, dass wir den Behälter nicht einfach vergessen haben“, sagt Siecinski. Oftmals seien die Leute sehr aufgebracht, wenn ihr Müll nicht abgeholt werde.
AWB setzt auf Aufklärung
Auf der Mülltüte in der Tonne steht zwar „kompostierbar“, aber dennoch darf sie im Kreis Böblingen nicht in die Biotonne. „Das wissen viele nicht“, erklärt der Betriebshofleiter Joachim Predl. „Es ist so, dass die Zeit in der Kompostieranlage einfach nicht ausreicht, dass sich diese Tüten zersetzen.“ Zudem sei es schlichtweg nicht möglich, zu Mikroplastik zerfallene Plastiktüten zuverlässig aus der Komposterde zu filtern. So kommt der Stoff von den Äckern doch wieder ins Grundwasser und in die Meere.
Wer also dieser Tage im Kreis Böblingen seine Biotonne an die Straße stellt, der sollte sehr genau kontrollieren, dass der Müll darin auch wirklich drin sein darf. Sonst kann es teuer werden.
Seit dem 18. September läuft die Aktion, an der sich mehr als 50 Landkreise und Kommunen beteiligen. Ab dem 13. Oktober wird ausgewertet. Dazu gehört auch der Vergleich mit den anderen Teilnehmern. „Eventuell müssen wir dann einen Maßnahmenkatalog erstellen“, sagt Predl. Details will er noch keine nennen. So viel aber doch: „Wir setzen weiterhin auf Aufklärung.“
18 Tonnen bleiben stehen
Serdar Demir und Jakub Siecinski haben auf ihrer Tour in Sindelfingen an diesem Tag 797 Biotonnen überprüft. 18 davon haben sie stehen gelassen, da bereits auf den ersten Blick Plastik, andere Wertstoffe, oder Restmüll darin zu sehen waren. In der Gegend, wo die beiden Müllwerker an diesem Tag unterwegs waren, gebe es allerdings hauptsächlich Einfamilienhäuser. Da sei der Biomüll erfahrungsgemäß eigentlich gut getrennt, weiß man beim AWB. „Das sind trotzdem 18 Tonnen zu viel“, bilanziert Predl.
Müllfahrzeuge im Kreis Böblingen
Zahlen
Insgesamt umfasst der Fahrzeugpool des Abfallwirtschaftsbetriebs Böblingen fast 100 Fahrzeuge. 42 davon sind Müllwagen.
Klimaschutz
Der AWB arbeitet daran, Fahrzeuge mit alternativen Antrieben in den Pool aufzunehmen. So verfügt er bereits über zwei Müllautos mit Wasserstoffantrieb. Auch einen Wagen mit Gasantrieb gibt es.
E-Müllauto
Seit Kurzem gibt es im Kreis Böblingen das erste vollelektrische Müllauto. Es fasst etwas weniger Müll und ist länger als andere Müllwagen. Dafür soll es einen Aktionsradius von bis zu 250 Kilometern haben. Im Juli 2024 soll ein zweites E-Müllauto kommen. Jetzt arbeitet der AWB an der Ladeinfrastruktur.