Ein ganzer Jahrgang zukünftiger Erstklässler wurde nicht von Ärzten des Gesundheitsamts angeschaut. Auch andere Aufgaben der Behörde wie die Schwangerenberatung musste coronabedingt stark reduziert werden. Die neue Leiterin des Kreisgesundheitsamts in Böblingen, Anna Leher, benennt im Interview die Probleme.
Böblingen - Fast ein Jahr war die Leitung des Böblinger Gesundheitsamts vakant. Im Oktober trat dann Anna Leher ihren neuen Job an – pünktlich zum Beginn der zweiten Corona-Welle. Im Interview erzählt sie von den Herausforderungen in der Pandemie.
Frau Dr. Leher, seit Oktober sind Sie die Chefin des Böblinger Gesundheitsamts. Was hat Sie bewogen, ausgerechnet mitten in der Pandemie einen solchen Job anzunehmen?
Mich interessiert das Thema Bevölkerungsgesundheit. Das ist gerade in dieser Zeit sehr in den Blick gerückt. Entsprechend hat mich die Aufgabe, das Gesundheitsamt zu übernehmen, natürlich gereizt. Und – als ich mein Amt angetreten habe – hätte wohl niemand mit dieser Entwicklung gerechnet.
Wie sahen die ersten Monate im neuen Job aus?
Wir waren nahezu vollständig mit Corona-Themen beschäftigt, vor allem mit den Ermittlungen und der Kontaktnachverfolgung. Dafür haben wir befristet 30 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt und hatten zudem auch die Unterstützung durch die Bundeswehr. Aber viele Aufgaben mussten wir zurückstellen.
Seit Jahresbeginn werden wieder Unterlagen von Erstklässlern gesichtet
Was denn?
Beispielsweise mussten vergangenes Jahr die Untersuchungen der Kindergartenkinder vor der Einschulung ab März ausfallen. Wir haben in diesem Jahr dann wieder damit begonnen lediglich die Unterlagen zu sichten und Kinder, bei denen Kinderärzte, Erzieherinnen oder Eltern einen Bedarf anmeldeten, näher zu untersuchen.
Das bedeutet: ein ganzer Jahrgang künftiger Erstklässler wurde nicht untersucht. Befürchten Sie keine unentdeckten Probleme?
Wie gesagt, wir haben alle Unterlagen gesichtet, die wir von den Kindern bekommen haben. Etwa 50 Prozent aller Kinder eines Jahrgangs sind unauffällig, bei den anderen nehmen wir Kontakt auf und schauen sie in Einzelfällen auch an. Natürlich ersetzt das keine Untersuchung, es stellt einen Kompromiss dar.
Welche Aufgaben hat das Gesundheitsamt außerdem?
Das Gesundheitsamt hat ein Auge auf die Gesundheit der Bevölkerung und insofern ein breites Aufgabenspektrum. Wir koordinieren zum Beispiel die zahnärztlichen Untersuchungen in den Grundschulen. Wir führen Beratungen für Schwangere durch und bieten auch gesundheitliche und Ausstiegsberatung für Prostituierte an. Es gibt auch Angebote für HIV-Infizierte und zur AIDS-Vorsorge. Außerdem kontrollieren wir beispielsweise das Wasser in den Schwimmbädern und die Hygiene in Einrichtungen.
Während der Hochphase von Corona gab es keine Beratungen
Wie viele Beratungen sind das im Jahr?
Vor Corona gab es rund 1800 Beratungsgespräche mit Schwangeren pro Jahr und 2000 im Bereich der Prostituierten-Beratung.
Und während Corona?
Während der Hochphase mussten wir die Beratungen aussetzen oder sehr stark zurückfahren. Dafür hatten wir einfach keine Kapazität. Jetzt steigen wir wieder langsam ein.
Nicht nur Corona, auch andere Krankheiten sind dem Gesundheitsamt meldepflichtig. Was bedeutet das?
Influenza ist zum Beispiel meldepflichtig, AIDS oder auch bestimmte Durchfallerkrankungen. Auch eine Infektion mit dem Hantavirus, das durch Mäuse übertragen wird, gehört dazu. Diese Fälle nehmen mittlerweile wieder zu. Nach der Meldung ans uns kontaktieren wir dann die Leute. Bei bestimmten Krankheiten sprechen wir Quarantäneanordnungen aus, bei anderen geben wir Empfehlungen oder bieten Beratung an.
Durch Corona wurde die Digitalisierung beschleunigt
Das Image des Gesundheitsamts war bisher nicht so gut. Hat sich das durch Corona geändert?
Ja, ich denke schon. Immerhin kennen uns jetzt viele Menschen. Bisher hatte man ja kaum Kontakt zu uns, wenn man nicht vielleicht gerade ein Kind im Einschulungsalter hatte. Ich denke, die Leute nehmen uns jetzt auf jeden Fall mehr wahr.
Die Gesundheitsämter gelten als altmodisch. Fax statt Digitalisierung, hieß es in den vergangenen Monaten, behinderten die Arbeit.
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Anfangs wurde tatsächlich überwiegend mit Fax gearbeitet. Mittlerweile laufen aber die meisten Prozesse digital. Diese Umstellung während der Hochphase der zweiten Corona-Welle war eine enorme Herausforderung für unsere Mitarbeiter. Bei den Aufgaben zur Pandemiebekämpfung kommen jetzt nur noch selten Faxe rein. Wo das noch vorkommt, liegt es daran, dass einzelne Institutionen noch nicht ans digitale Meldesystem angeschlossen sind.
Hat die Digitalisierung die Arbeit tatsächlich beschleunigt?
Eindeutig ja. Und zudem ist das digitale Arbeiten weniger fehleranfällig, weil ja die Daten nicht mehr händisch eingetragen werden müssen.
Sie sind eigentlich Zahnärztin. Was reizt Sie an der Leitung des Gesundheitsamts?
Ich habe einen Master in Public Health und brenne für das Thema Bürgergesundheit. Da kann man viel steuern und gestalten.
Untersuchungen zur Gesundheit der Bürger im Kreis
Wie denn?
Bei uns ist ja zum Beispiel die kommunale Gesundheitskonferenz angesiedelt. Da geht es um Themen wie die Kindergesundheit und ärztliche Versorgung im Kreis. Sehr gerne möchte ich beispielsweise Erhebungen zum Gesundheitszustand der Bürger im Kreis machen, um zu sehen, wo wir stehen.
Wie ist die personelle Ausstattung Ihres Amts? Ausreichend?
Jein. Im Zuge der Pandemie ist ja viel aufgestockt worden, Aber diese 30 zusätzlichen Mitarbeiter zur Kontaktnachverfolgung wurden nur bis September befristet eingestellt. Ich denke nicht, dass wir bis dahin die Pandemie im Griff haben und ich kämpfe dafür, die Leute zu behalten. Zudem ist es nach wie vor schwierig, ärztliche Stellen zu besetzen. Aktuell sind bei uns zwei Arztstellen unbesetzt.
Auch Ihre Stelle war ein Jahr vakant.
Ja, die Bezahlung im öffentlichen Dienst ist nicht vergleichbar mit der Bezahlung in den Krankenhäusern und auch viele Arztpraxen bieten inzwischen flexible Arbeitszeitmodelle an. Für das öffentliche Gesundheitswesen muss man definitiv das Interesse mitbringen.
Corona wird eine Krankheit wie die Influenza sein
Wie wird der Herbst werden? Gibt es eine neue Corona-Welle?
Ich hoffe, dieser Herbst wird besser als im letzten Jahr. Aber noch einmal: die Pandemie ist noch nicht vorbei. Ein Problem ist, dass mit sinkender Inzidenz auch die Impfbereitschaft vieler Menschen sinkt. Das zeigen Länder wie Israel. Ich appelliere an die Bürger: Lassen Sie sich impfen und halten Sie sich weiter an die Vorsichtsmaßnahmen! Wir werden dauerhaft mit Corona leben müssen. Aber irgendwann wird es eine Krankheit wie die Influenza sein. Dann hoffe ich, dass wir wieder auch andere Themen angehen können.