„Kürbis zu verkaufen“, steht auf dem Schild beim Kürbisstand des Ehninger Biolandwirts Jochen Bodemer. Nicht immer werfen die Kunden im Austausch für einen Kürbis auch Geld in die Kasse – Bodemer hat auch schon Unterlegscheiben darin gefunden. Foto: Stefanie Schlecht

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser? Im Kreis Böblingen kämpfen Hofläden und Kürbisstände mit dreisten Dieben. Ein Landwirt in Schönaich musste deshalb sogar seinen Laden schließen.

Die Nacht senkt sich über den Radweg an der Döffinger Straße zwischen Darmsheim und Dagersheim. Im herbstlichen Nebel werfen vorbeifahrende Autos ein gespenstisches Licht auf die kleine Wiesenfläche am Straßenrand. Dort parkt der Ehninger Biolandwirt Jochen Bodemer und lädt Kürbisse unterschiedlichster Größe von der Ladefläche seines Pickups. Zuvor hat er allerdings als allererstes nach seinen Tageseinnahmen geschaut.

 

„Bei uns wurde schon dreimal die Kasse geknackt“, erzählt Bodemer. Immer abends, in der Dämmerung, fahre er hinaus an seinen Stand an der Döffinger Straße zwischen Darmsheim und Dagersheim, um neue Kürbisse anzuliefern und die Kasse zu leeren. Die Kürbisse kosten zwischen 1,50 und neun Euro pro Stück. Da kommt einiges zusammen – vorausgesetzt, die Leute bezahlen auch für die Ware.

Unterlegscheiben anstelle von Münzgeld

Viele würden auch mit Vorsatz und Böswillen betrügen, verweist Bodemer auf eine Holzkiste, in der er Unterlegscheiben und andere Gegenstände sammle. Manche Betrüger würden diese anstelle von Münzgeld in die Kasse werfen. „Damit’s kläppert“, erklärt der Landwirt. Vor kurzem habe er auch einen Stab mit beidseitigem Klebeband in der Kasse vorgefunden, um Geld damit herauszufischen. Das habe aber wohl nicht geklappt, schließt er aus dem abgebrochenen Stab, den er in der Kasse vorgefunden habe.

„Die meisten Leute sind ehrlich“, sagt Biolandwirt Jochen Bodemer ungeachtet der Schwarzen Schafe. Foto: Eibner-Pressefoto

Zumindest bei Kürbissen gehe die Rechnung auf. Sonst würde sich dieses Geschäft für ihn auch gar nicht lohnen. In der Vergangenheit habe er es auch mit einem Selbstbedienungsstand für Apfelsaft und Kartoffeln versucht. „Das war eine Katastrophe“, erzählt er. Solche Wege, ihre Erzeugnisse direkt an die Menschen zu bringen, nutzen mittlerweile viele Landwirte.

„Irgendwann mussten wir einfach die Reißleine ziehen“

Immer häufiger verkaufen sie ihre Produkte nicht mehr nur über den Handel, sondern auch über eigene Hofläden, kleine Verkaufsstände oder Automaten am Hof. Denn der Trend zum direkten Einkauf beim Erzeuger oder im Hofladen nimmt zu: Während 2019 in Deutschland noch 15,78 Millionen Menschen so einkauften, waren es 2025 bereits 17,02 Millionen – wie die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) zeigt.

Doch wo Vertrauen die Grundlage des Verkaufs ist, wird dieses leider auch immer wieder missbraucht. Diese Erfahrung musste auch Markus Holzapfel aus Schönaich machen. Der Landwirt betrieb mit der Unterstützung seiner Eltern mehrere Jahre einen kleinen Selbstbedienungsladen auf dem familieneigenen Pferdehof, bevor er ihn im vergangenen Jahr schließlich aufgeben musste – zu oft stimmte die Kasse am Ende des Tages nicht. „Irgendwann mussten wir einfach die Reißleine ziehen“, sagt Holzapfel.

Fehlbeträge in der Kasse wurden immer mehr

Fast sechs Jahre lang hat die Familie den Hofladen auf Vertrauensbasis betrieben; er entstand ursprünglich aus dem Verkauf von Milch und Eiern. Nach und nach kamen noch mehr Produkte hinzu, die die Familie von Landwirtschaftsbetrieben in der Region bezogen hat. „Wir haben den Hofladen morgens um 7 Uhr aufgemacht und abends um 22 Uhr wieder zu“, erzählt Markus Holzapfel. „Zunächst war nichts zu merken von Diebstählen – wir konnten das ganz gut sehen, weil wir jeden Tag die Kasse geleert haben.“

Doch nach und nach „hat sich das so eingeschlichen“, sagt Holzapfel. „Ab Anfang 2023 hat man gemerkt, dass die Waren immer häufiger nicht bezahlt werden.“ Das Ganze habe sich über das Jahr hinweg immer weiter verschlimmert, die Fehlbeträge in der Kasse seien immer mehr geworden. Ende 2023 habe man dann begonnen, die Präsenz beim Selbstbedienungsladen zu erhöhen. „Der Verkaufsraum lag ja zentral mitten im Hof. Wenn ich zum Beispiel mit den Futterschubkarren für die Pferde vorbeigefahren bin, habe ich immer einen Blick darauf geworfen, wer kommt und wer geht.“

Diebe konnten trotz verstärkter Präsenz nicht lokalisiert werden

Aber auch wenn manche Leute häufiger als andere am Hofladen anzutreffen waren, wollte sie Holzapfel deshalb noch lange nicht unter Generalverdacht stellen, denn: „Es konnte ja auch immer sein, dass sie einfach etwas vergessen haben.“ Die Diebe konnte Holzapfel jedenfalls trotz verstärkter Präsenz nicht lokalisieren. „Es war ja nicht so, dass da jemand vorbeikam und plötzlich waren alle Eier weg“, sagt Holzapfel.

Anfang 2024 musste es sich die Familie schließlich eingestehen: Der Hofladen rechnete sich nicht mehr, war im Gegenteil mittlerweile eher ein Minusgeschäft. Holzapfel: „Für diesen kleinen Umsatz war der Schaden zu groß.“ Die Schließung des Hofladens hätten viele Kunden sehr bedauert, sagt Holzapfel. „Einige sind aus allen Wolken gefallen, als sie von den Diebstählen gehört haben.“

Kleiner Anteil unehrlicher Kunden reicht, um immense Verluste zu bringen

Für viele Kunden sei der Einkauf beim Hofladen ein richtiges Erlebnis gewesen, erinnert sich Holzapfel. „Man kam mit den Kindern vorbei, streichelte die Pferde, nahm ein paar Eier mit und genoss das Bauernhofeis.“ Bei seinen nächsten Worten hört man Holzapfel deutlich das Bedauern an: „Die Entscheidung, den Laden zu schließen, ist uns nicht leicht gefallen.“ Zwar seien die Kunden, die nicht bezahlt hätten, nur ein kleiner Prozentsatz gewesen. Aber einer, der viel Schaden angerichtet hatte.

Über den Radweg an der Döffinger Straße hat sich nun vollends die Dunkelheit gelegt. Jochen Bodemer hat mittlerweile alle Kürbisse entladen. Er bleibt kurz stehen und reibt sich das Kinn. „Aber“, betont er, „mir ist wirklich wichtig zu sagen, dass die meisten Leute ehrlich sind. Viele zahlen auch mehr, als sie müssten“, berichtet Bodemer. „Ich denke, das ist einfach ein Spiegel der Gesellschaft“, ist er überzeugt.