Es braucht nicht immer neue Medikamente, um den Kampf gegen Krebs zu gewinnen. Es kann auch gelingen, indem man bestehende Therapien neu miteinander kombiniert: Forscher der Uniklinik Tübingen haben so die Überlebenschance von Kindern mit einem Neuroblastom drastisch erhöht.
David hat nur wenige Erinnerungen an den Ausnahmezustand, in dem sich seine Familie befand – damals vor rund zwölf Jahren, als er im Kindergartenalter an Krebs erkrankte. Wieder einmal. Schon als Baby hatten die Ärzte bei dem Jungen ein Neuroblastom entdeckt und gleich behandelt. Doch der Krebs kehrte zurück und bildete Metastasen. „Mir war klar, dass ich schwer krank war“, sagt der 15-jährige Jugendliche rückblickend. Aber erst heute wisse er, was diese Zeit für ein Kampf war – für ihn, für die Familie und nicht zuletzt für die Ärzte der Uniklinik Tübingen, die bei der Therapie des Jungen völlig neue Wege beschritten haben.
90 Prozent der Patienten sind jünger als sechs Jahre
Gerade das Neuroblastom, ein Tumor, der dem autonomen Nervensystem entstammt, ist eine der größten Herausforderungen in der pädiatrischen Onkologie: Es tritt früh auf – 90 Prozent der Patientinnen und Patienten sind jünger als sechs Jahre, der Altersdurchschnitt bei Diagnosestellung liegt bei 14 Monaten. „Das größte Problem bei der Behandlung dieser Tumorart ist die Entwicklung von therapieresistenten Rückfällen“, sagt Peter Lang, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Allgemeinen Pädiatrie, Hämatologie und Onkologie an der Tübinger Kinderklinik. Wenn Tumore trotz Behandlung erneut wachsen, haben Kinder bislang eine Überlebenswahrscheinlichkeit von etwa 20 Prozent.
Kinderstudien sind komplizierter
Vor 15 Jahren haben Lang und sein Team, darunter der Kinder- und Jugendarzt Tim Flaadt, begonnen, nach Wegen zu suchen, die Überlebenschancen von Patienten wie David zu steigern: „Uns geht es darum, die schon vorhandenen Mittel und Therapieformen auf neue Weise zu kombinieren, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen.“
Krebstherapien für Kinder zu entwickeln ist ein herausfordernder Prozess, bestätigt Olaf Witt, Direktor des Hopp-Kindertumorzentrums Heidelberg. Dabei sind diese dringend erforderlich – insbesondere für die rund 500 krebskranken Kinder, die hierzulande pro Jahr einen Rückfall erleiden. „Da verstirbt die Mehrzahl leider immer noch.“
Doch die Erforschung von neuen Wirkstoffen ist schwierig – „teils, weil die behördlichen Auflagen sehr hoch sind, aber auch weil das Interesse der Pharmaindustrie in diesem Bereich sehr begrenzt ist“, sagt Witt. Denn Krebs bei Kindern ist viel seltener als bei Erwachsenen: Etwa 2000 Kinder erkranken pro Jahr an einem Tumorleiden.
Das körpereigene Abwehrsystem wird gepusht
Auch ist die Wahl der Medikamente bei Kindern viel komplizierter als bei Erwachsenen, weil die Mehrheit der verfügbaren Therapien für die Behandlung von Kindern keine Zulassung haben. „Kinderonkologen können oft nur Anleihen machen aus den Entwicklungen im Bereich der Erwachsenenonkologie“, so Witt, Wissenschaftler und Arzt am Deutschen Krebsforschungszentrum und Uniklinikum Heidelberg. So ist es aber schwerer, eine Therapie zu finden, die speziell auf die Biologie des Tumors eines Kindes abgestimmt ist. Reicht die klassische Behandlung mithilfe von Chemotherapie, Bestrahlung sowie einer Operation nicht aus, setzen Kinderonkologen bei der Behandlung inzwischen auch auf Immuntherapien.
Dabei wird das körpereigene Abwehrsystem so gepusht, dass es die Krebszellen angreift. „Die Immuntherapie des Neuroblastoms hat in Tübingen lange Tradition, in den 1990er Jahren wurde hieran intensiv geforscht“, sagt Lang. Auch für das Neuroblastom gibt es einen Antikörper, der sich an die Oberfläche der Tumorzellen binden kann, sodass sie vom körpereigenen Immunsystem angegriffen werden können.
Elf Jahre dauerte die Studie
Was in der Theorie stimmig klingt, erweist sich in der Praxis nicht immer als erfolgreich: „Das Immunsystem von krebskranken Kindern ist häufig sehr geschwächt“, sagt Tim Flaadt. Weshalb die Immuntherapie in vielen Fällen ihre volle Wirkung gar nicht entwickeln kann. Die Tübinger Ärzte haben daher versucht, im Vorfeld das Immunsystem der Kinder zu stärken – mit einer Übertragung von elterlichen Stammzellen. Sie sollten das Immunsystem der Kinder neu aufbauen und somit stärken.
Elf Jahre dauerte die Studie, an der 68 Kinder und Jugendliche mit Neuroblastomen teilgenommen haben, bei denen der Krebs wieder zurückgekehrt war. Unterstützung erhielten die Tübinger dabei von den Unikliniken Greifswald, Graz und Wien. Finanziert wurde sie zu einem Großteil von der Stiftung des Fördervereins für krebskranke Kinder Tübingen, der auch die Familien im Verlauf der Studie unter anderem mit psychosozialen Angeboten unterstützt hat.
David war einer der ersten Probanden. „Als ich in der Kinderklinik erfahren hatte, dass hier eine Studie gestartet werden soll, die Kindern wie David helfen sollte, habe ich keine Sekunde überlegen müssen“, sagt die Mutter.
Krebs betrifft die ganze Familie
Die Therapie hat einiges abverlangt: etwa die unsäglichen Nervenschmerzen, die David in der ersten Zeit als Nebeneffekt erlitten hat. Mehrere Nächte hat der damals Dreijährige aus medizinischen Gründen ohne die Mutter in der Klinik verbracht. Gleichzeitig galt es für die Eltern Davids kleinen Bruder zu versorgen. Er sollte nicht zu kurz kommen.
Doch es hat sich gelohnt – nicht nur für David: Knapp acht Jahre nach Ende der Langzeitstudie haben 53 Prozent der Kinder und Jugendlichen mindestens fünf Jahre überlebt, 43 Prozent davon ereignisfrei, das bedeutet ohne Rezidiv oder ein Fortschreiten der Erkrankung. „Diese Zahlen sind sehr vielversprechend, man kann davon ausgehen, dass mit der Kombinationsbehandlung ein Langzeitüberleben bei Neuroblastom-Rezidiv möglich ist“, sagt der Tübinger Kinderarzt Flaadt. Nun sollen die Ergebnisse in einer europaweiten randomisierten Studie geprüft werden.
David ist seit neun Jahren krebsfrei. Einmal jährlich wird sein Blut untersucht und sein Körper im Magnetresonanztomografen durchleuchtet, um einen zweiten Rückfall auszuschließen. „Ich weiß, dass ich Glück gehabt habe“, sagt der 15-Jährige. Hoffentlich, fügt er an, könnten das bald mehr Kinder sagen, die Krebs bekommen haben.
Neuroblastom
Pro Jahr bekommen etwa 150 Kinder die Diagnose für die Krebsart Neuroblastom. Sie kommt ausschließlich bei Säuglingen und Kleinkindern vor. Bei rund 30 Prozent erfolgt diese während der ersten zwölf Monate, 90 Prozent der Patienten sind jünger als sechs Jahre. Bei dem Tumor verbleiben Zellen in einem unreifen Stadium - vor allem in den Nebennieren, an der Wirbelsäule, im Kopf-, Hals- und Nackenbereich sowie im Bauch- und Beckenraum. Der Tumor zeigt sich in vielseitigen Facetten und beeinflusst das sogenannte sympathische Nervensystem, welches als Teil des autonomen Nervensystems unwillkürliche Aufgaben wie die Herz-Kreislauffunktion, Blasen- und Darmtätigkeit und den Energiestoffwechsel steuert.