Kreativität ist eine wichtige Ressource, wenn es gilt, für Probleme eigene Lösungswege zu entwickeln. Foto: dpa-tmn/Christin Klose

Es gibt es probates Mittel gegen Zukunftsängste: die eigene Schaffenskraft. Denn es ist beruhigend, wenn man seinen eigenen Ideen und Hände vertraut.

Die Idee wirkt völlig abwegig: Man geht auf den Flohmarkt oder zieht aus dem Sperrmüll aus einer Kiste einen alten Küchenvorhang heraus und schneidert sich flugs eine Hose daraus. Gerade Schnitt, oben ein Gummibund – fertig. Heute wäre das peinlich und lächerlich.

 

In den 1970er und 1980er Jahren schüttelten die Erwachsenen zwar auch den Kopf, den jungen Leuten war das aber egal. Ihnen gefiel es, wenn sie in Opas alten Hemden versanken oder Klamotten aus der Mottenkiste mit wenigen Handgriffen zu neuem Schick verhalfen. Hauptsache originell, individuell und keinesfalls normiert.

Vermutlich würden auch heute viele Menschen für sich reklamieren, individuell und originell zu sein, schließlich treffen auch sie ihre ganz persönliche Wahl und entscheiden, ob sie den Flur in der aktuellen Trendfarben streichen oder lieber zu einer modischen Tapete aus dem Baumarkt greifen. Auch Kleidung von der Stange kombiniert man nach eigenem Geschmack und Gutdünken.

Kreativität ist mehr, als schön zu malen

Und doch ist es ein Unterschied, ob man aus dem Ikea-Sortiment ein Regalsystem auswählt – oder selbst zu Hammer und Säge greift und vielleicht sogar Restposten aus dem Erbe der Großeltern modifiziert. Schwer vorstellbar in einer Welt, die Kreativität zwar für irgendwie wichtig hält, aber das vor allem auf Kinder bezieht. Kreativ meint dabei, zu malen, basteln oder kneten und also ästhetische Artefakte zu produzieren. Deshalb heißt es auch Kunstunterricht und Kunstschule.

Es hat nicht unbedingt was mit Kunst zu tun, sondern mit der Fähigkeit, mit den eigenen Händen sein Dasein zu formen. Foto: Imago//Dreamstime

Dieser Kurzschluss zwischen Kunst und Kreativität ist allerdings folgenreich. Denn Kunst gilt gesellschaftlich als eher entbehrlich und als Vergnügen für gute Zeiten. Deshalb wird der Kunstunterricht an Schulen eher stiefmütterlich behandelt und als Erstes zur Disposition gestellt, wenn es mal wieder um die schlechte Bildung der Kinder geht. Kunsterzieher sind ohnehin Mangelware, weil die Kunststudierenden, die Jahr für Jahr die Akademien verlassen, lieber „echte“ Künstler sein wollen, als sich mit Kindern abzugeben. So springt das grundsätzliche Gestaltungspotenzial der Kinder gleich mit über die Klinge.

Do it yourself: Das Dasein mit den eigenen Händen formen

Dabei hat es nichts mit Kunst zu tun, wenn man als Mensch seinen Lebensraum gestaltet. Es geht auch nur bedingt um Ästhetik, sondern vielmehr um die Fähigkeit, mit der eigenen Fantasie und den eigenen Händen sein Dasein zu formen und zu bestimmen. Die Kreativität ist eine nicht zu unterschätzende Ressource, um für Probleme eigene Lösungswege zu entwickeln. Das macht das Individuum ein stückweit unabhängig.

Während Corona entdeckten viele Menschen denn auch ihre Lust am Heimwerkern – nicht nur, weil unser aller Radius plötzlich auf die eigenen vier Wände reduziert war und zumindest die Baumärkte zeitweise offen waren.

Es wurde auch keineswegs umgeräumt oder gestrichen, weil die Wohnung dringend renovierungsbedürftig gewesen wäre. Die plötzliche Lust am Gestalten hatte vielmehr eine seelische Funktion und war tröstlich, weil sie das Gefühl von Selbstwirksamkeit verschaffte. Mit dem Werkeln eroberte man sich die Kontrolle über das eigene Leben zurück und spürte: Trotz eingeschränkter Möglichkeiten habe ich Handlungsspielraum und bin den äußeren Umständen nicht vollständig ausgeliefert.

Kochen heißt nicht, Püree aus der Tüte anzurühren

Das ist übrigens beim Kochen auch nicht anders. Wer darunter versteht, Püree aus der Tüte anzurühren oder sich von HelloFresh eine der Kochboxen zu bestellen, in der die Zutaten bereits vorbereitet sind, dem entgeht das beruhigende Gefühl, zur Not auch aus einer schrumpligen Zucchini ein passables Essen zu kreieren.

Obwohl die Geschäfte längst wieder voll sind, grassiert zunehmend Existenzangst, dass man sich die vielen Produkte, die angeblich für ein schönes Leben unverzichtbar sind, womöglich bald nicht mehr leisten kann. Tröstlich wäre da die Gewissheit, dass man Dinge nicht nur zur Not selbst gestalten kann, sondern die eigene Schaffenskraft sogar Freude und Befriedigung bringt. Man kann die alten Küchenschränke vom Handwerker durch neue ersetzen lassen, man kann die Türen aber auch bemalen oder mit Folie bekleben.

Aber, aber, ruft da der willige Konsument, dem eingebläut wurde, dass ein Lebensraum nur dann lebenswert ist, wenn darin alles optimal und zu 150 Prozent funktional ist. Die Konsumgesellschaft hat ganze Arbeit geleistet, unsere Kreativität im Keim zu ersticken, weil man besser an Kunden verdient, die die Idee der Perfektion über alles stellen. Wo jedes Produkt noch optimaler als alles zuvor sein muss, hat der persönliche Gestaltungswille wenig Platz.

Denn ein selbst gestrickter Pullover kann natürlich nicht bestehen neben atmungsaktiver, schnelltrocknender, temperaturregulierender und wärmeisolierender Funktionskleidung.

Aber soll man nie wieder singen, weil es andere besser können? Soll man im Garten erst gar keine Blumensamen ausstreuen, da einem der Gärtner doch ein perfektes Beet mit Blühgarantie anlegt?

Der Seele würde es allemal besser bekommen als Sorgen, ob man sich den Gärtner morgen überhaupt noch wird leisten können. Ein Versuch im Kleinen wäre es deshalb allemal wert. Und statt auf Malbuch und Buntstifte zu vertrauen, sollte man wenigstens den Kindern mit auf den Weg geben, wie beglückend es ist, die eigene kleine Welt mit zu gestalten – indem man vielleicht mal gemeinsam den alten Kinderzimmerschrank bemalt, statt wieder nur am Samstag zu Ikea zu fahren.