In der Krawallnacht hat sich eine Studentin mitreißen lassen und Beamte wüst beleidigt. Sie bereut die Tat sehr. Wie erklärt sie ihren Ausreißer?
Stuttgart - Vor dem Kino steht ein komplett zerstörtes Polizeiauto. Einsatzkräfte bilden Ketten, um den Zugang zum Schlossplatz zu sperren, aber noch kommt man durch. Auf dem Schlossplatz tobt die Menge, eine aggressive Horde, überwiegend junge Männer, gegen die Polizei. Das ist die Szene, die sich vor Marlene Bast (Name geändert) entfaltet, als sie mit einer Handvoll Freundinnen am Abend des 20. Juni 2020 auf den Schlossplatz tritt. Die Clubs sind zu, die Clique junger Frauen hat sich an der Theo umgesehen. Dort trifft man sich, Autoposer und Kleinwagenfahrer drehen ihre Runden – Ausgehroutinen in Zeiten von Corona. Von dem, was später als Krawallnacht Schlagzeilen machen wird, hatten sie ein paar Meter weiter um die Ecke noch nichts mitbekommen. Erst stehen sie am Rand, schauen sich das Treiben an. „Bei der Treppe haben wir beobachtet, was sich da abspielt in der Menschenmenge“, schildert die Studentin. Oft wurde für das, was geschah, der Begriff „eine Art Bürgerkrieg“ verwendet. „Das trifft es nicht. Das war eher ein Aufstand“, sagt die 20-Jährige. Erst schaut sie nur. Dann passiert etwas, was die junge Frau, behütet aufgewachsen in einer kleinen Stadt im Landkreis Ludwigsburg, davor nicht für möglich gehalten hätte: Sie wird zur Täterin. Der Sog der Ereignisse packt auch sie.
Das Wort „leider“ fällt immer wieder
„Es war schnell klar: Passanten gegen Polizei, das waren die Fronten“, schildert sie. Sie erkundigten sich bei Umstehenden: „Uns wurde gesagt, die Polizei habe jemanden angegriffen.“ Am nächsten Tag erfährt sie aus den Medien, wie verzerrt diese Darstellung war. Der Initialfunke der Krawalle war eine Routinekontrolle eines mutmaßlichen Drogenhändlers am Eckensee. Darüber regen sich die Beobachter auf, drehen auf und durch und beginnen mit den Angriffen auf Polizisten, plündern Geschäfte.
Erklären kann es sich Marlene Bast bis heute nicht, was in ihr den Schalter umgelegt hat. Es ist einfach so passiert. „Leider.“ Das Wort fällt ein ums andere Mal, wenn sie über die Nacht spricht. „Wir sind reingekommen und waren plötzlich mittendrin“, fasst sie in Worte, was sie gut ein Jahr später zutiefst bereut. Es sei schnell klar gewesen, dass die Polizei auch die Frauenclique wegdrängen würde vom Schlossplatz. An der Buchhandlung vorbei durch eine Querstraße zurück auf die Theo. Da geht es mit ihr durch und sie schreit die Beamten wüst an. „Wichser, ‚all cops are bastards‘, und ich weiß nicht, was ich noch alles geschrien habe“, sagt sie zerknirscht.
Die Eltern sind enttäuscht
Das bleibt nicht ohne Folgen. Schon bald nach der Krawallnacht wird sie entdeckt. Eine Freundin aus der Heimatstadt gibt den Tipp, als sie Marlene auf einer Aufnahme aus der Nacht erkennt. „Das ist meine ehemalige Schulkameradin“, verrät sie der Polizei. Die Anzeige folgt: Zehnfache Beamtenbeleidigung und Landfriedensbruch werden Marlene Bast vorgeworfen.
Die Schmach, dass die Eltern es als Erste erfahren, ist der erste Schlag, der Marlene Bast mit voller Wucht trifft. „Morgens um 6 Uhr stand die Polizei vor der Haustür“, obwohl sie längst zum Studium ausgezogen ist. Die Mutter „ging völlig durch die Decke, verständlicherweise“, sagt die 20-Jährige. Nicht nur weil sie im Schlafanzug vor der Polizei gestanden habe. „So habe ich dich nicht erzogen“, musste sich die junge Erwachsene auch noch anhören.
Die US-Polizei erschießt einen Freund
Nüchtern analysiert Marlene Bast, wie sie die Menschen in jener Nacht einteilt. Gruppe eins habe „nur dagestanden und zugeschaut“. Gruppe zwei „hat sich mitreißen lassen und Polizisten beleidigt“. Und Gruppe drei, „das waren die Maskierten, die Steine und Flaschen auf Polizisten warfen“. Die Studentin gehörte zur Gruppe zwei. „Leider.“
Sie habe in Deutschland noch nie negative Erfahrungen gemacht. Aber ein Erlebnis Ende des Jahres 2019 habe offenbar auch im Sommer 2020 noch in ihr gearbeitet, sagt die Studentin, und sie zu den Beleidigungen getrieben. „Ich habe zweieinhalb Jahre in den USA gelebt. Einer meiner Freunde aus dieser Zeit war ein halbes Jahr zuvor bei einer Polizeikontrolle getötet worden“, berichtet sie. Die amerikanischen Cops hätten ihn routinemäßig mit dem Auto gestoppt. „Dann dachte einer, er würde nach einer Waffe greifen, und schoss“, der Freund – ein Schwarzer – stirbt. „Natürlich weiß ich, dass unsere Polizei nicht so ist“, sagt die 20-Jährige. Die Ausbildung sei viel fundierter, in Amerika könne man nach fünf Monaten in den Dienst kommen. Aber es brennt trotzdem die Sicherung durch, sie überträgt die Wut auf die Polizistinnen und Polizisten in Stuttgart.
Die Strafe: ein dreiseitiger Aufsatz
„Der Tod meines Freundes in Amerika war noch nicht verarbeitet. Das weiß ich jetzt. Aber das ist keine Entschuldigung für mein Verhalten“, so habe sie es auch in ihrem Gerichtsverfahren gesagt. Der Vorwurf des Landfriedensbruchs gegen sie wurde fallen gelassen. Es blieben die Beleidigungen. 100 Stunden gemeinnützige Arbeit forderte die Staatsanwaltschaft. Der Richter ging auf 80 – aber verhängte diese nicht. „Er sah keine Möglichkeit, wie ich die unter Coronabedingungen leisten könnte.“ Stattdessen musste die Studentin einen Aufsatz schreiben. Drei Seiten über die Unterschiede zwischen der hiesigen und der amerikanischen Polizei.
Die Aufarbeitung war damit aber noch nicht zu Ende. Marlene Bast machte bei einer Wiedergutmachungskonferenz mit. Zusammen mit anderen Täterinnen und Tätern aus der Krawallnacht diskutierte sie mit Polizistinnen und Polizisten über das Geschehene. Das war für sie keine Strafe, sondern „eine sehr gute Möglichkeit, sich noch einmal bei den Opfern zu entschuldigen“.
Im Oktober startet eine Kunstaktion
Und Marlene Bast geht in noch eine weitere Runde. Weil in ihrer Gruppe auch Täter waren, die beim Kaufhaus Breuninger Scheiben eingeschlagen hatten, kam in einer Pause spontan eine Idee auf: Zusammen mit Freundinnen will sie eine Kunstaktion in einem Schaufenster des Hauses gestalten. Im Oktober soll es diese Aktion geben. Das Thema geht der Studentin nach. Nicht nur, wenn ihre Mutter zur Ermahnung ansetzt, wenn sie ausgeht: „Aber nicht wieder . . .“ „Jaaaaa, Mama!“, bremst sie das dann aus. Es ist nicht allein die Krawallnacht, die sie beschäftigt. Sondern auch die Ereignisse in den USA, aufgrund derer sie sich zum Mitmachen hinreißen ließ. Am liebsten würde die Politikstudentin eines Tages ein Projekt starten, um die Polizeiarbeit in den USA zu reformieren. Mit der hiesigen habe sie kein Problem. Auch wenn sie sich an einem Abend gegen sie stellte. „Leider“, sagt sie wieder.