Bauer Vohl beim Ernten seiner Schützlinge, der Rundkrautköpfe: Traditionell von Hand. Foto: Julia Schuster

Beim Bauern Walter Vohl zeichnet sich eine schlechte Spitzkrautsaison ab. An diesem Tag fährt er nur runde Krautköpfe ein. Er erntet immer dann tagesfrisch, wenn er einen Anruf aus der Sauerkrautfabrik erhält.

Filder - Walter Vohls Traumwetter sind fünfzehn Grad, grauer Himmel und „nachts mal nen Regen“. Dass er damit in der Minderheit ist, weiß er. „Aber wünschen darf man sich das doch.“

Der 65-Jährige ist Bauer auf den Fildern. Seit über 40 Jahren pflanzt er in Stetten Kartoffeln, Mais, Getreide und Kraut an. Die Landwirtschaft hat in seiner Familie Tradition; das Land hat er von seinem Vater übernommen. „Wir können unseren Hof bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen“, sagt Vohl. Die Reise in die Vergangenheit endet dort, denn während des Krieges seien die Kirchenbücher verbrannt worden, sagt er.

Das zweite schlechte Jahr in Folge

Tradition ist auf der Filderebene auch das Kraut. Vohl steht auf seinem Acker. 50 000 Köpfe, schätzt der Mann aus Stetten, hat er auf seinem über zwei Hektar großen Gelände verteilt. Dieses Jahr hat er fünf verschiedene Sorten angebaut, darunter Rundkrautköpfe und, natürlich, das berühmte Filderspitzkraut. Doch die Ernte von Letzterem scheint bei Vohl nicht gut auszufallen – schon im zweiten Jahr in Folge. „Aus einem Hektar bekomme ich normalerweise 100 Tonnen – dieses Jahr wird es deutlich weniger sein.“

Schuld daran ist das Wetter. Durch den nassen Frühling hat der Weißkohl auf seinem Acker zu wenige Wurzeln geschlagen. „Da, wo ich stehe, war im Frühjahr ein See“, sagt Vohl. Die Wurzeln fehlten dem Kohl im heißen Spätsommer der vergangenen Wochen. Die oberen Bodenschichten waren bei dreißig Grad staubtrocken. Vor allem das Filderkraut, die Kohlspezialität auf den Fildern, konnte sich bei den heißen Temperaturen nicht gut entwickeln. „Das verträgt die Hitze nicht – Kraut wächst in kühlen Herbstnächten, wenn der Boden feucht ist“, sagt Vohl.

Nahschub wird per Telefono bestellt

Für 100 Kilogramm Spitzkraut bekommt er knapp neun Euro, für Rundkraut etwas weniger. Geerntet wird auf Abruf. 48 Stunden vorher kommt der Anruf aus der Sauerkrautfabrik in Bernhausen: Hallo, wir brauchen Nachschub. Dann muss alles schnell gehen. Bauer Vohl rückt zum Ernten aus – so wie heute. „Wir liefern von Ende August bis Anfang Dezember“, sagt er. Verstärkung bekommt er auf dem Feld von seiner Frau, seiner Schwester und der Nachbarin. Zu viert stehen sie mit dem Krautmesser bewaffnet auf einem Acker mit Rundkrautköpfen.

„Das, was heute noch Handarbeit ist, ist die Ernte“, sagt Vohl. Das empfindliche Filderkraut wird ganz von Hand geerntet, denn seine Blätter sind zu fein für eine Maschine und würden sonst kaputtgehen. Beim Rundkraut brauchen Vohl und seine Helfer weniger Fingerspitzengefühl: Das Kraut darf auch mit der Maschine geerntet werden. Aber dafür sind die Krautreihen jetzt noch zu eng. Erst müssen ein paar Reihen für die Fahrspur von Menschenhand frei gemacht werden.

Zuerst zieht Vohl die Blätter zur Seite und schlägt den Strunk ab, dann wird der Kopf geschält, bis er weiß ist. Weiß geputzte Ware nennt die Fabrik das Resultat. Der Ernteprozess sieht schnell aus, die Helfer sind geübt. Für einen Kopf brauchen sie kaum mehr als ein paar Sekunden. Dabei kann ein Krautkopf bis zu fünf Kilo wiegen. Nach getaner Arbeit können da schon mal die Arme schmerzen.

Nach der Ernte geht die Arbeit weiter

„Unsere Arbeit ist hier erst erledigt, wenn links und rechts die Köpfe liegen“, sagt Vohl. Das stimmt nicht ganz, die Arbeit geht nach dem Ernten nämlich weiter: Später sammelt der Bauer den Weißkohl mit der Gabel ein, lädt ihn auf den Hänger und fährt ihn zum Wiegen. Auch das muss schnell gehen. Sind die Köpfe erst einmal geerntet, müssen sie bei gutem Wetter innerhalb von 36 Stunden in die Fabrik – sonst verderben sie.

Bei einer normalen Erntemenge ist Vohl drei bis vier Tage die Woche mit dem Kraut beschäftigt. „Man muss ein gewisses Faible dafür haben – aber auf den Fildern hat Kraut Tradition“, sagt der Bauer. Kleine Betriebe wie er haben nur wenig Fläche zu Verfügung. Deshalb setzen sie auf das, was der Verbraucher vor Ort will. Sie achten auf eine kurze Vermarktungskette. Und immerhin: „Das Kraut ist der erste Exportartikel der Filder, das war schon bei der Seefahrt so, als man sich mit Sauerkraut vor Skorbut schützte“, sagt Vohl.

Der Bauer sieht im Kraut viele Vorzüge: Kohl sei ein Vitamin-C-Träger, einfach zuzubereiten, gut für die Verdauung, schmackhaft. Und Vohl isst es selbst gern – nur anders als beim Vegetarier „gehört bei mir zum Sauerkraut auch eine Griebenwurst dazu“, sagt Vohl.

Veränderung auf dem Markt

Bei allen Vorteilen und Vorlieben: Vohl spürt eine Veränderung auf dem Markt – heute ist der Bedarf an Kohl geringer. Außerdem zog sein Betrieb früher die Pflanzen selbst. Heute kommen die Jungpflanzen aus einer Gärtnerei. „Nur um die Samen des Filderkrauts kümmert sich meine Frau immer noch persönlich“, sagt Vohl. Das Filderkraut sei feiner als das Rundkraut und deshalb im Hofladen von seinen Kunden geschätzt.

Sein Telefon läutet, Vohl muss los. Ein Kalb ist aus einer Weide ausgebüxt und steht vor dem Zaun. Die Kuh-Mama will jetzt hinterher. Bevor das passiert, muss Vohl das Tier einfangen. Ob sie das nächste Jahr denn wieder Kraut anbauen? Das kann der Bauer jetzt noch nicht abschätzen. Die Einbußen dieses Jahr tun weh. Aber: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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