Viele Frauen leiden an der Krankheit Endometriose. Im Klinikum Esslingen steht Betroffenen jetzt eine Endometriose-Nurse zur Seite. Außerdem ist dort eine neue OP-Technik geplant.
Ivonne van der Lee weiß, wie frustrierend das Leben mit Endometriose sein kann. Sie erwischt es nach der Geburt ihres dritten Kindes. Vor ihrer Diagnose hatte sie den Begriff „Endometriose“ noch nie gehört. Van der Lee braucht lange Zeit, bis sie den richtigen Ansprechpartner findet, der sich gut mit der Erkrankung auskennt. „Ich habe immer wieder gehört, ich hätte nichts. Das macht etwas mit dir, weil du dann denkst, vielleicht bilde ich mir das wirklich ein“, sagt die 47-Jährige. „Das ist ein ganz schlimmes Gefühl. Und das machen ganz viele Endometriose-Patienten durch.“
Die 47-Jährige steht seit Kurzem am Klinikum Esslingen anderen betroffenen Frauen zur Seite. Ivonne van der Lee ist eine von dreien deutschlandweit: Seit dem 1. Oktober arbeitet die 47-Jährige aus Altbach im Kreis Esslingen am Klinikum Esslingen als Endometriose-Nurse. Bislang gibt es dieses Berufsbild nur an der Charité in Berlin und am Universitätsklinikum in Ulm – und jetzt eben auch am Endometriosezentrum des Klinikums Esslingen. Ivonne van der Lee ist dort nun eine Stütze für die vielen Frauen, die von der Erkrankung Endometriose betroffen sind.
Dabei verteilt sich gebärmutterähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter an anderen Stellen im Körper. Die Ursache der Erkrankung ist bisher nicht bekannt. Laut der Endometriose-Vereinigung Deutschland sind hierzulande zwischen 8 und 15 Prozent aller Mädchen und Frauen betroffen. Endometriose wird auch als „Chamäleon der Gynäkologie“ bezeichnet, denn die Symptome sind vielfältig und können je nach Frau voneinander abweichen. Viele Betroffene leiden unter starken Schmerzen während der Menstruation, weitere Symptome sind unter anderem Schmerzen beim Wasserlassen, beim Stuhlgang oder beim Geschlechtsverkehr. Endometriose kann außerdem zu einer eingeschränkten Fruchtbarkeit führen.
Die vielfältigen Symptome können die Diagnose erschweren. Im Durchschnitt dauert es sieben bis zehn Jahre, bis Betroffene erfahren, dass sie diese Erkrankung haben. Behandelt wird die Krankheit mit hormonellen Therapien oder durch Operationen, bei denen Endometriose-Herde entfernt werden.
Deshalb gibt es in Esslingen eine Endometriose-Nurse
Warum wurde am Klinikum Esslingen nun die Stelle der Endometriose-Nurse geschaffen? Endometriose sei eine chronische und oft belastende Erkrankung, die eine enge und langfristige Begleitung erfordere, sagt Prof. Dr. Alexander Hein, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde. „Mit der neuen Position einer Endometriose-Nurse möchte ich unseren Patientinnen eine feste Ansprechpartnerin zur Seite stellen, die sie während Diagnostik, Behandlung und Nachsorge begleitet.“ Diese Lotsenfunktion stärke die Zusammenarbeit zwischen Klinik, niedergelassenen Frauenärzten, Pflege, Sozialdienst und anderen Fachbereichen. „So entsteht eine vernetzte, strukturierte und verlässliche Betreuung, die sich konsequent an den Bedürfnissen der Patientinnen orientiert“, sagt Hein.
Die neue Endometriose-Nurse Ivonne van der Lee leitete vor ihrem Wechsel nach Esslingen die gynäkologische Ambulanz der Medius-Klinik Ostfildern-Ruit. Die 47-Jährige ist selbst von Endometriose betroffen und brennt dafür, anderen Frauen zu helfen. 2015 gründete sie die Selbsthilfegruppe „Endo Ladies“ für die Region Stuttgart. Mittlerweile hat die Gruppe 1600 Teilnehmerinnen, die auch außerhalb der Region leben.
Van der Lee soll ergänzend zur ärztlichen Beratung, in der über hormonelle und operative Therapiemöglichkeiten aufgeklärt wird, betroffenen Frauen Tipps geben, was sie zusätzlich selbst tun können, um den Leidensdruck etwas zu mindern und ihre Lebensqualität zu verbessern: Sie gibt etwa Empfehlungen zu Ernährungsweise, Osteopathie und Physiotherapie. „Die betroffenen Frauen erwarten das auch, dass sie zu der ärztlichen Beratung vom Endometriosezentrum noch ein bisschen mehr bekommen, was sie selbst tun können. Das versuchen wir mit meiner Person aufzufangen“, sagt Ivonne van der Lee. Mit der 47-Jährigen besteht am Klinikum Esslingen jetzt auch eine enge Verbindung zur Selbsthilfegruppe „Endo Ladies“, über die sich Betroffene gegenseitig unterstützen können.
Eine Stütze für Patientinnen
Ivonne van der Lee ist bei der Endometriose-Sprechstunde dabei, die einmal wöchentlich am Klinikum Esslingen stattfindet. Aber auch darüber hinaus steht sie betroffenen Frauen zur Seite, berät und beantwortet Fragen. Die 47-Jährige soll sich in ihrer neuen Position am Klinikum Esslingen außerdem um Veranstaltungen rund um das Thema Endometriose kümmern und netzwerken. Ihr Wunsch ist es, perspektivisch auch Kontakt zu Patientinnen auf der Station zu haben und Frauen mit Endometriose dort zur Seite zu stehen. „Das ist sehr viel wert und wir wissen aus anderen Bereichen, dass Patientinnen das sehr schätzen“, erläutert sie.
Neues OP-Verfahren am Klinikum Esslingen getestet
Am Klinikum Esslingen soll außerdem eine neue Methode für Operationen bei Endometriose eingeführt werden. Die Erkrankung wird heutzutage minimalinvasiv über kleine Schnitte im Bauch operiert, erläutert Dr. Karin Pethke, Oberärztin am Klinikum Esslingen und Leiterin des Endometriosezentrums. Bislang wurden die Endometriose-Herde herausgeschnitten oder mittels Stromverfahren entfernt. „Das Problem ist, dass wenn wir beispielsweise eine Endometriose-Zyste am Eierstock entfernen, automatisch auch ein bisschen gesundes Gewebe verloren geht“, so die Oberärztin. „Und das ist für die Patienten, die unter Umständen sowieso durch die Endometriose schon eine eingeschränkte Fruchtbarkeit haben, umso relevanter, wenn auch noch gesundes Gewebe verloren geht.“
Die neue Methode funktioniert mit hocherhitztem Helium. Damit können Endometriose-Herde sehr präzise und schonender zerstört werden, erläutert Pethke. Die neue Methode soll das alte Verfahren aber nicht ersetzen, sondern ergänzen. Für besonders tiefsitzende Endometriose-Herde etwa ist es nicht geeignet. Birgt das neue Verfahren irgendwelche Risiken? „Die operativen Risiken erhöhen sich durch den Einsatz von Helium nicht“, sagt Karin Pethke.
Bisher benutzt nur eine Klinik deutschlandweit hocherhitztes Helium für Operationen bei Endometriose. Am Klinikum Esslingen wurde die neue OP-Methode in drei Operationen getestet. Ihre Erfahrungen mit dem Verfahren seien sehr positiv, sagt Karin Pethke.