Funktionskräfte für die Intensivstation sind Mangelware in den Krankenhäusern. Foto: Stoppel

Im Wettbewerb um Funktionskräfte im OP und auf der Intensivstation bezahlt das Klinikum Stuttgart freiwillige Zuschläge. Acht große Krankenhausträger in der Region üben massive Kritik an dieser Praxis. Diese gehe zu Lasten der anderen und gefährde zuletzt die Patientenversorgung in der Region.

Stuttgart - Der Wettbewerb um Fachkräfte in der Krankenpflege verschärft sich. Ein Symptom: Die Krankenhausträger im Großraum Stuttgart greifen das Klinikum der Landeshauptstadt an, weil dieses freiwillige Zulagen an Funktionskräfte im OP und auf den Intensivstationen bezahlt. In einem Schreiben an Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) und an die Fraktionen des Gemeinderats kritisieren acht große Träger der Region die Praxis im Klinikum der Stadt. Diese gehe zu Lasten der anderen Häuser, schade dem ganzen Standort und schädige zuletzt auch die Patientenversorgung.

Das Klinikum der Stadt Stuttgart bezahlt Zulagen an Funktionskräfte von bis zu 400 Euro pro Monat. Damit will man Personalengpässe beseitigen und die große Zahl teurer Leasingkräfte reduzieren. Diese Praxis soll Mitte des Jahres beendet werden. Doch die anderen Träger in Stadt und Region scheinen dem nicht zu trauen. Ende voriger Woche haben sie nach einem Treffen ihre Sicht der Dinge nochmals OB Kuhn dargelegt. Durch die einseitigen übertariflichen Zulagen im Klinikum werde „der Markt für Fachpersonal in und um Stuttgart zu Lasten der anderen Kliniken leer gesaugt“, heißt es in dem Schreiben. Diese seien in der Folge gezwungen, „weitere Betten oder ganze Stationen zu schließen“.

Auch in anderen Häusern werden Zulagen verlangt

Einige Effekte zeigen sich bereits. So hätten einige Pflegekräfte des Marienhospitals ebenfalls Zulagen gefordert. „Zwei OP-Kräfte haben gekündigt, da wir keine Zulagen zahlen“, sagt Pressesprecher Rainer Kruse. Das Robert-Bosch-Krankenhaus zahlt nun auch Zulagen. „Sonst bleiben uns die Intensivkräfte weg“, sagt der Ärztliche Geschäftsführer Mark Dominik Alscher. „Das können wir uns bei unserer großen Notaufnahme nicht leisten.“

Es bestehe Einigkeit, dass die Pflege besser vergütet werden sollte, dies müsse aber im Rahmen von Tarifverträgen geschehen. Einseitige Zulagen führten zu einem „Wettrüsten“, das zu Konflikten unter den Berufsgruppen führe und „zur Verschlechterung der ohnehin angespannten wirtschaftlichen Situation vieler Krankenhäuser“. Anders als das städtische Klinikum seien diese „nicht in der komfortablen Lage, Verluste aus Steuermitteln auszugleichen“. Die aktuelle Praxis gefährde auch die „Versorgungssicherheit“ für Stuttgart und das Umland. Verärgert sind Klinikträger, dass der Ärztliche Geschäftsführer des Klinikums Stuttgart, Jan Steffen Jürgensen, den Wettbewerbern unlängst „Rosinenpickerei“ vorgeworfen hat, also dass sich diese Patienten mit lukrativen Befunden aussuchten, was der Stuttgarter Maximalversorger nicht machen könne. Mit Kennzahlen etwa zur Notfallversorgung machen die Träger deutlich, dass nicht das städtische Klinikum, sondern die übrigen Häuser die Hauptlast trügen.

Vorwurf der „Rosinenpickerei“

Unterzeichnet haben das Schreiben in Stuttgart das Robert-Bosch-Krankenhaus, das Marienhospital, das Diakonie-Klinikum und die Sana-Kliniken, aus dem Umland die RKH Klinken der Landkreise Ludwigsburg, Enzkreis und Karlsruhe, die Medius-Kliniken des Kreises Esslingen, das Klinikum Esslingen und der Klinikverbund Südwest mit Sitz in Sindelfingen.

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