Die Herrenberger Geburtshilfe schließt zum 8. Mai endgültig. Chefärztin Ines Vogel hat hier im Kreißsaal unzählige Mütter begleitet und Babys bei der Geburt betreut. Nun endet diese Ära. Foto: Stefanie Schlecht

Seit 1982 galt die Geburtshilfe im Krankenhaus Herrenberg wegen ihres familiär ausgerichteten Konzepts als eine der beliebtesten Adressen für werdende Eltern. Nun ist endgültig Schluss.

Kein schmerzerfüllten Schreie, kein Babyweinen, keine Freudentränen – am vorletzten Tag in der Geburtshilfe Herrenberg scheint kurz vor der Schließung am 8. Mai etwas Ruhe eingekehrt. Geboren werden darf aber noch. In den letzten Tagen lief der Betrieb auch noch wie gewohnt: In den Kreißsälen brachten noch fünf Frauen ihre Kinder zur Welt. Und auf der Wochenstation wurden die Neu-Mütter und ihre Neugeborenen versorgt.

 

44 Jahre lang war dies Alltag. Damit ist nun endgültig Schluss. Die Geburtshilfe zieht um nach Nagold. Entsprechend wehmütig blicken Ärzte und Ärztinnen, Pflegekräfte und Hebammen auf das bevorstehende Ende. Es sind die Menschen, die die Abteilung über Jahrzehnte geprägt haben. Unter ihnen auch Ines Vogel, Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe. Wie der Großteil des Teams wird auch Vogel nach 22 Jahren ab Freitag in der neuen Nagolder Frauenklinik ihre Dienste für Mütter, Väter und Babys verrichten.

Herrenberger Geburtshilfe war in besonderer Klinik untergebracht

In den vergangenen Tagen, so die Chefärztin, wehte ein Hauch von Abschied durch die Gänge: „Es war eine Traurigkeit zu spüren. Wir haben gemerkt, wie gut wir es hier in diesem schönen Krankenhaus hatten mit den hohen Decken, den hellen Räumen, den kurzen Wegen zwischen den Abteilungen und vor allem dem kollegialen Miteinander.“ Das Gros der Mitarbeiter habe den neuen Arbeitsplatz bereits in Augenschein genommen. „Die anfängliche Verunsicherung schwindet langsam und die Stimmung hellt sich auf“, fügt Vogel an.

Das Abschiedsgefühl lasse sich aber nicht verbergen, wie auch die Leitende Oberärztin Ute Mika betont: „Es war zuletzt ein schrittweiser Abschied mit ganz vielen letzten Malen. Man wusste: Das mache ich hier heute zum letzten Mal. Und mit der einen Kollegin werde ich hier auch nie wieder zusammenarbeiten.“

Gefühle von Wehmut verspüren auch die Hebammen. Ohne ihr Engagement, so auch Ines Vogel, wäre die Geburtsstation nicht über mehr als vier Jahrzehnte eine solche beliebte Adresse für werdende Eltern gewesen. Hebamme Elke Egeler erzählt: „Da wir wussten, dass das vermutlich das letzte Baby sein wird und diese Geburt für uns auch emotional sein wird, waren wir ausnahmsweise mal mit zwei Hebammen im Kreißsaal dabei. Wir wollten das nochmal erleben.“

Schließung der Herrenberger Geburtshilfe war Schock für Team

Der Moment, der seit 2023 absehbar war, ist nun da. Als vor drei Jahren entschieden wurde, dass es für die Herrenberger Geburtshilfe trotz ihres hervorragenden Rufes nicht mehr weitergehen wird, saß der Schock tief, erinnert sich Ines Vogel: „Das Unverständnis war groß. So auch die Protestbereitschaft, besonders bei den Hebammen. Die haben das Konzept des hebammengeführten Kreißsaals aufgebaut und mit Leidenschaft betrieben.“

In den vergangenen Wochen musste dann der Normalbetrieb in Herrenberg gemeistert werden. Parallel durften sich alle rund 70 Mitarbeitenden der Geburtshilfe- und Gynäkologiestation mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass sie bald einen neuen Arbeitsplatz haben oder in Ruhestand gehen.

Die Herrenberger Chefärztin betont allerdings auch: „Ich habe immer wieder gesagt, dass dies ein ökonomisch begründeter Prozess ist. Den können wir nicht aufhalten. Wir müssen uns ja auch finanzieren. Und 24 Stunden eine Anästhesie aufrechtzuerhalten – was die Basis einer Geburtshilfe ist – ist nicht möglich.“

Die Frauenärztin ist überzeugt: „Deshalb sollten wir versuchen, das, was uns in Herrenberg ausgemacht hat, nach Nagold zu transportieren.“ Damit ist vor allem der „besondere Geist“, der mit ihnen verbunden war, gemeint. „Es gab immer ein liebevolles Miteinander unter Kollegen und gegenüber den Frauen. Es ging stets familiär zu. Die frühe Familienzusammenführung war unser Markenzeichen“, sagt Vogel.

Familiäre und kollegiale Atmosphäre bleibt in Erinnerung

Elke Egeler und Eva Keller, beide Hebammen, können ihrer Chefärztin nur beipflichten. Für die langgedienten Geburtshelfer wird vor allem die besondere Arbeitsatmosphäre und die vertrauensvolle Zusammenarbeit in Erinnerung bleiben. „Wir haben uns blind verstanden. Wir haben hier auch gewisse Freiheiten gehabt, unser Verständnis einer frauenorientierten und babyfreundlichen Geburtshilfe umzusetzen“, sagt Egeler. Eva Keller war 39 Jahre lang, fast seit Anbeginn der 1982 gegründeten Abteilung, an Bord. Sie sagt ohne Umschweife: „Das hier war unser Leben. Das wird immer bleiben.“

Ines Vogel und ihr Team wünschen sich daher, dass es gelingt, den „Herrenberger Geist“ auch auf Nagold zu übertragen. „Unser Ziel ist, dass in der Geburtshilfe trotz des Standortwechsels eine Kontinuität geschaffen wird, weil das Team das umsetzt, was es schon in Herrenberg ausgemacht hat“, sagt Vogel. In Sachen Ausstattung müsse sich der neue Arbeitsplatz, die Frauenklinik Nagold, nicht verstecken. „Wenn im Herbst alle Umbauten abgeschlossen sind, werden die Möglichkeiten dort sehr gut sein. Wir freuen uns nun auch, dass es endlich losgeht. Ich habe nämlich das Gefühl, schon zehn Meter Anlauf genommen zu haben. Jetzt möchte ich auch abspringen“, sagt die Frauenärztin.

Geburtshilfe Herrenberg

Anzahl der Geburten
Es wird geschätzt, dass seit 1982 rund 47 000 Geburten stattgefunden haben. Mit anfangs auch Zwillingsgeburten ist die Zahl der Babys sogar noch höher.

Rekord
Im Jahr 1988 wurden rund 1440 Geburten verzeichnet. Das war in 44 Jahren Geburtshilfe die höchste Anzahl an Geburten pro Jahr.