Das Karl-Olga-Krankenhaus steht vor großen Veränderungen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die geplante Umstrukturierung des Karl-Olga-Krankenhauses hat heftige Kritik ausgelöst. Das Haus verliere seine Funktion als Notfallklinik und als Stadtteilkrankenhaus. Die wirtschaftlichen Risiken seien groß.

Stuttgart - Erst im Oktober hat das Karl-Olga-Krankenhaus (KOK) im Stuttgarter Osten Jubiläum gefeiert. 1894, also vor 125 Jahren, wurde das Haus vom württembergischen König Karl und seiner Frau Olga gegründet. Auf der Einladung zu einem Jubiläumsvortrag stand zu lesen, das KOK sei „ein evangelisches Krankenhaus für den Stuttgarter Osten“. An dieser Selbstbeschreibung sind inzwischen aber starke Zweifel aufgekommen.

Erst vor drei Wochen ist bekannt geworden, dass der Klinikkonzern Sana für das KOK bis im Frühjahr eine weitreichende Umstrukturierung plant. „Das hatte ich nie erwartet“, sagt Eckhart Fröhlich, der dort bis 2014 zwei Jahrzehnte lang Chefarzt für Innere Medizin war. Bisher sei das KOK ein gut funktionierendes Haus der Grundversorgung und ein „bürgernahes Krankenhaus für den Stuttgarter Osten“ gewesen, in dem auch Notfallpatienten gut versorgt gewesen seien. Nun, so fürchtet der ehemalige Chefarzt, werde aus dem „24-Stunden-Gesamtangebot-Krankenhaus eine Bestellklinik von Montag bis Freitag ohne Nachtdienst und ohne Wochenenddienste“.

Man setzt auf eine stärkere Spezialisierung

Wie berichtet, soll das Karl-Olga-Krankenhaus zum Herz- und Bewegungszentrum entwickelt und enger mit dem Bethesda-Krankenhaus verzahnt werden. Das hat die Sana 2016 vom Agaplesion-Konzern und der Bethanien-Diakonissen-Stiftung übernommen. Dem dortigen Schwerpunkt Altersmedizin wird die Gastroenterologie, die sich mit dem Magen-Darm-Trakt befasst, und die Viszeralchirurgie, die Chirurgie des Bauchraums, zugeschlagen, die bisher im Karl-Olga-Krankenhaus angesiedelt waren. Geschlossen wird dort neben der Allgemein- und Viszeralchirurgie und der Inneren Klinik I auch die Gefäßchirurgie und damit drei von 13 Abteilungen.

Das Bethesda-Krankenhaus verliert zwei seiner bisher sechs Abteilungen: Die Fußchirurgie kommt ans KOK, wo sich die Orthopädie, die Endoprothetik und die Wirbelsäulenchirurgie befindet. In den Stuttgarter Osten wandert auch die Unfallchirurgie des Bethesda. Insgesamt soll im Karl-Olga-Krankenhaus 15 Beschäftigten gekündigt werden, darunter neben drei Chefärzten auch sechs Oberärzte. Thomas Ewald, Regionalgeschäftsführer der Sana, begründete den Schritt mit dem Zwang zu einer stärkeren Spezialisierung durch politische Vorgaben. Mit der Umstrukturierung wolle man „die Wettbewerbsfähigkeit der beiden Häuser stärken“ und die Standorte „langfristig sichern“, so Ewald.

Vertrauen wird zerstört

Eckhart Fröhlich ist nicht der Einzige, der über die Pläne der Sana den Kopf schüttelt. „Ich bin fast aus den Latschen gekippt“, sagt Markus Klett, Vorsitzender der Stuttgarter Ärzteschaft, über seine Reaktion. Einen derartigen Vorgang habe es in der Stuttgarter Krankenhauslandschaft „noch nicht gegeben“, betont Klett. Nicht nur, dass das Thema von der Klinikleitung „wie eine geheime Kommandosache“ behandelt werde. Wie Eckhart Fröhlich fragt sich auch Markus Klett, wie das KOK in der neuen Aufstellung noch an der Notfallversorgung in der Stadt wird teilnehmen können. Für die Patientenversorgung im Stuttgarter Osten sei der Schritt jedenfalls nicht gut, die „kurzen Wege“ zum Krankenhaus, das alle Patienten versorgen kann, seien damit Vergangenheit, so Klett. Und da man medizinisch wichtige und gut funktionierende Abteilungen auflöse, frage er sich, wie man „aus solchen Rumpfabteilungen etwas Vernünftiges schmieden will“. Man zerstöre „mit einem Federstrich“ Vertrauen bei Ärzten und Bürgern, das jahrelang aufgebaut worden sei, sagt Markus Klett. Davon werde sich das Haus „nicht so schnell erholen“.

Kritik an „Renditedenken“

Fröhlich ärgert, dass die Kommunalpolitik zu der Verschlechterung der Patientenversorgung in der Stadt schweigt. Er glaubt, dass der Schritt der Sana „aus rein wirtschaftlichen Gründen“ vollzogen werde, weil man „nur noch anbietet, was sich wirtschaftlich lohnt“. Ein Kenner der Verhältnisse sieht den Schritt als Folge eines Strategiewechsels hin zu einem stärkeren Renditedenken, den die Sana vor wenigen Jahren vollzogen habe. Dies zeige beispielhaft das KOK, welches das zweite der kleineren und breit aufgestellten Krankenhäuser gewesen sei, das die Sana später in der ganzen Republik in größerer Zahl übernommen hat.

Regelmäßig ist in Gesprächen über das KOK von zurückliegenden Fehlentscheidungen die Rede, von häufigen Managerwechseln, von mangelnden Investitionen. Skepsis vernimmt man auch angesichts der jüngsten Weichenstellungen. Die Übernahme des stark defizitären Bethesda-Krankenhauses sei ein „Fehlkauf“ gewesen, sagt einer, der die Stuttgarter Krankenhauslandschaft gut kennt. Die künftige Konzentration auf die Orthopädie berge einige Risiken, nicht nur wegen der auch in diesem Bereich erheblichen Konkurrenz in Stadt und Region. Im Karl-Olga-Krankenhaus, das wirtschaftlich gut dastehe, sehen sich deshalb einige als Opfer einer verfehlten Geschäftspolitik. Im Bethesda könne dem Personal wegen der Übernahmekonditionen „nicht gekündigt werden“, sagt ein Mitarbeiter des KOK. „Das ist bitter“, sagt ein Stuttgarter Krankenhausmanager über die Entwicklungen in dem Traditionskrankenhaus.

Mitarbeiter sehen sich als Opfer

Von einer entfernteren Warte aus sehen die Dinge freilich anders aus. Matthias Einwag, Hauptgeschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), betrachtet den Vorgang als ein Beispiel für den seit etwa eineinhalb Jahrzehnten laufenden Strukturwandel im Krankenhauswesen hin zur Zusammenfassung von Standorten und zur Bildung von medizinischen Schwerpunkten. „Das ist nichts Besonderes“, sagt Einwag. Die Treiber dieser Entwicklung seien der medizinisch-technische Fortschritt, politische Vorgaben, der Fachkräftemangel. „Und dieser Trend verstärkt sich“, sagt der Hauptgeschäftsführer des BWKG.

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