Kraftklub heizten den Fans in der Schleyerhalle ordentlich ein. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Kraftklub haben am Freitag in der ausverkauften Schleyerhalle mit Wucht, Euphorie und rasantem Rap-Rock an den Mauern des Lebens gerüttelt.

Als Stimme einer Generation deklariert zu werden kann eine Bürde sein. Schon vom ersten Album an, „Mit K“ von 2011, wurde Kraftklub das zweifelhafte Vergnügen zuteil, mit ihrer Mischung aus erwachsener Wut, frühreifer Ironie und juvenilem Weltschmerz zum Sprachrohr nicht nur einer, sondern gleich zweier Generationen avanciert zu sein: Die ab Ende der 1980er Jahre geborenen Vertreter der Generation Y schlossen das Quintett aus Chemnitz ebenso schnell in ihr Herz wie die nachfolgenden „Millennials“ der Generation Z.

 

Sie alle, die Teenager und die Twens, die „Ypse“ und die „Zetties“, sind denn auch mit dabei am Freitagabend und erleben in der ausverkauften Stuttgarter Schleyerhalle, wie sich Kraftklub freispielen von der Last, Teil einer Jugendbewegung sein zu müssen. Politisch korrekt, empathisch und nachdenklich zeigen sich Felix Brummer & Co. – vor allem aber als voll auf Spaß getrimmte Rockband, die keinen Gedanken daran verschwendet, ob bei dieser Mischung nun jemandem vom einen zu wenig und vom anderen zu viel mit dabei ist.

Schiere Wucht und Dringlichkeit

Atemlos inszeniert das Quintett ein 25 Songs starkes Set aus rasanten Zweieinhalb-Minütern, die keine Angst davor haben, zur Hymne zu avancieren. Natürlich: Musikalisch ist das alles von überschaubarer Komplexität, das Schema aus massiv marschierendem Bass, sägenden Gitarren, rasant getakteten Knochenbrecher-Beats und Felix Brummers euphorischem, zwischen Rap und Rock changierendem Gesang variiert über die gesamten 130 Minuten nur minimalst. Doch was dieser Musik an Raffinesse, an Feinschliff fehlt, macht sie durch schiere Wucht und Dringlichkeit mehr als wett.

Bedenkenlos können sich Kraftklub auf ihr Konzept Marke „laut, hart und schnell“ verlassen, illuminieren ihre Bühne mit einem dreigliedrigen Oberlicht oft so fokussiert und direkt wie einen Boxring und leisten sich nur ein einziges Mal einen pathetischen Moment, wenn in „Angst“ Gitarrist Steffen Israel ein Solo theatralisch im Gegenlicht und hoch über den Köpfen des Publikums aus den Saiten fieselt.

Schleyerhalle im Ausnahmezustand

Doch meist setzen Kraftklub auf maximale Fannähe, wenn Felix Brummer die immer wieder aufbrandenden Moshpits dirigiert oder das Quintett plötzlich im Innenraum inmitten des Publikums aufspielt. Das Ergebnis ist eine Schleyerhalle im Ausnahmezustand, eine unentwegt tanzende, singende und adrenalingeladene Elfeinhalbtausend-Menschen-Arena am Rande zur Raserei.

Und die Hits wie „Fahr mit mir (4x4)“, „Wittenberg ist nicht Paris“, „Chemie Chemie Ya“ oder die Zugabenummer „Ein Song reicht“ als Soundtrack für jenen Zustand zelebriert, wenn der tägliche Frust einmal mehr an der Mauer des Lebens zerschellt und man doch immer wieder dagegen anrennt – so lange, bis endlich doch mal ein Stein herausbröckelt oder man wenigstens den Schmerz nicht mehr so sehr spürt.