Ute Börner hofft darauf, dass ihr jemand hilft, die Saatkrähen loszuwerden. Foto: Marta Popowska

In Stammheim zeigt sich, wie problematisch es werden kann, wenn eine geschützte Vogelart zum Störfaktor wird.

Einen Wecker benötigen Ute Börner und ihre Nachbarn seit ein paar Jahren nicht. Gegen 4 Uhr am Morgen ertönt täglich ein Chor aus heiseren Krah, Krah, Kraahs. „Das geht bereits im Februar los und ist dann vor allem in der Brutzeit eine Dauerbeschallung bis Sonnenuntergang“, sagt die Stammheimerin. In den Platanen vor ihrem Haus entlang der Korntaler Straße hat sich eine Kolonie Saatkrähen angesiedelt, die mit den Jahren immer größer wurde. In ihrer Verzweiflung haben Ute Börner und ihr Mann sich an verschiedene Stellen in der Stadtverwaltung gewandt und nun, da ihnen bisher niemand weiterhalf, auch an den Bezirksbeirat.

 

Anfang des Jahres als die Bäume noch kahl waren, zählte Ute Börner rund 30 Nester in den Baumkronen. Bis Mitte April legt jedes Weibchen zwei bis sechs Eier. In der Summe kommunizieren dann zahlreiche Jungvögel mit den erwachsenen Brutpaaren. „Der Lärm ist das Schlimmste“, sagt sie. Doch das sei längst nicht alles.

Auch die Wäsche ist nicht mehr sicher

Die stimmbegabten Saatkrähen haben nämlich auch sichtbare Auswirkungen. Sie verschmutzen die Balkone, ebenso die Gehwege, die Straße und die Autos mit ihren Ausscheidungen. „Wir können den Balkon eigentlich nicht mehr nutzen und auch keine Wäsche zum Trocknen aufhängen“, sagt Börner, führt hinter das Haus und zeigt auf die verwaiste Wäschespinne. „Niemand im Haus trocknet seine Wäsche mehr draußen.“

Wieder auf der Straße joggt eine Nachbarin vorbei und erwähnt, dass die Plagegeister auch auf ihren Balkon kommen. „Es ist schrecklich, die kacken alles voll“, sagt sie und läuft weiter.

In ihrer Verzweiflung hatten sich Ute Börner und ihr Mann Michael Evert bereits 2021 an die Stadt gewandt. Bisher gab es keine Lösung. Zuletzt erhielt das Ehepaar die Rückmeldung vom Amt für Umweltschutz, dass es, kurz gesagt, schwierig würde. Denn Saatkrähen sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz geschützt. Ende der 1950er Jahre waren sie fast ausgerottet. Doch heute hat sich ihre Population stabilisiert. Laut dem Naturschutzbund (Nabu) gibt es in Deutschland wieder 200 000 Tiere (Stand 2019).

Amt sieht keinen Handlungsbedarf

Ute Börner wünscht sich einen Rückschnitt der Bäume. Doch das Amt für Umweltschutz schrieb ihr, es müssten „zwingende Gründe“ vorliegen, um Bäume zurückzuschneiden und so die Nester nach der Brut zu entfernen. Dazu zähle die Verkehrssicherheit oder „unzumutbare Belastungen“. Auf Nachfrage unserer Zeitung teilt das Amt mit: „Der Lärm und Verschmutzungen von wild lebenden Vögeln stellt zum einen keinen atypischen Sonderfall dar, noch sind hier unzumutbare Belastungen zu sehen, die Maßnahmen zulassen würden, die gegen europäisches Artenschutzrecht verstoßen würden.“ Lärm von Vögeln oder Verschmutzungen mögen für bestimmte Personen beeinträchtigend sein, würden aber letztlich ein Stück Rest-Natur innerhalb der Stadt darstellen, deren Auswirkungen man im Rahmen des geltenden Rechts hinnehmen müsse. Und selbst wenn man die Platanen zurückschneide, führe das lediglich zur Verlagerung der Kolonie und damit zu Problemen an anderer Stelle.

Bezirksbeirat befasst sich nun mit dem Thema

Das bestätigt auch Michael Schmolz, Fachbeauftragter für Vogelkunde beim Nabu Stuttgart. „Ein Rückschnitt der Bäume kann auch zu einer Zersplitterung der Kolonie führen und so eventuell zu mehr Wachstum“, erklärt der Diplom-Biologe. Er verstehe die Anwohner, möchte aber zu bedenken geben: „Wir akzeptieren Verkehrslärm und den Rasenmäher nebenan, aber fühlen uns von Vögeln gestört. Dabei sollte man froh sein, dass es Arten gibt, die sich an den Menschen angepasst haben.“ Jahrelang habe man Krähen bejagt und nun, da sich ihr Bestand erholt hat, weichen sie auf sichere Siedlungen aus. „Das sind zum Teil menschgemachte Probleme“, sagt er. Er sieht keine Erfolg versprechenden Methoden. „Saatkrähen sind sehr clevere Tiere. Sie mit Knallgeräuschen etwa wie Platzpatronen zu vertreiben, ist keine dauerhafte Lösung, denn sie kapieren schnell, dass davon keine echte Gefahr ausgeht“, sagt Schmolz. Was er jedoch schon erlebt habe, sei, dass Kolonien plötzlich aufgegeben werden. Warum, das wisse man oft nicht. Aber es ist ein Hoffnungsschimmer für die Anwohner in Stammheim.

Ein Krähenmanagement gibt es in Stuttgart jedenfalls bislang nicht. In der jüngsten Sitzung hat sich auch Stammheims Bezirksbeirat mit dem Thema befasst. In einem gemeinsamen Antrag wurde nun einstimmig formuliert, die Stadtverwaltung solle Möglichkeiten prüfen, wie man die Zahl der Saatkrähen reduzieren und eine „erneute Besiedelung der Bäume in der Korntaler Straße und anderswo in Stammheim verhindert werden kann“. Am 2. Juli will sich das Amt für Umweltschutz in der Bezirksbeiratssitzung dazu äußern.