Der ökonomisch starke Südwesten, hier das Daimler-Werk in Stuttgart-Untertürkheim, würde einer Studie zufolge bei einem „harten“ Brexit jährlich 1,1 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verlieren. Foto: Stoppel

Der britische EU-Austritt, vor allem wenn er ungeregelt erfolgt, wird einer neuen Studie zufolge enormen wirtschaftlichen Schaden anrichten und verschiedene Regionen unterschiedlich hart treffen. In einer Kategorie liegt die Region Stuttgart weit vorn.

Berlin - In absoluten Zahlen gehören die Region Stuttgart und Baden-Württemberg zu den größten Verlierern, falls es Ende des Monats zu einem chaotischen Brexit ohne Austrittsabkommen kommt. Einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge, die die wirtschaftlichen Folgen des britischen EU-Austritts untersucht hat und passend zum EU-Gipfel an diesem Donnerstag veröffentlicht wird, müsste sich der Südwesten auf einen volkswirtschaftlichen Schaden von 1,11 Milliarden Euro im Jahr einstellen. Höher läge er im bundesweiten Vergleich mit 1,25 Milliarden nur in Bayern und mit 2,04 Milliarden in Nordrhein-Westfalen.

Der Regierungsbezirk Stuttgart mit seinen vielen Großunternehmen wie mittelständischen Firmen würde dem Gutachten zufolge mit einem Wirtschaftsleistungsverlust von 473 Millionen Euro die Hauptlast tragen. Lediglich die Regierungsbezirke Düsseldorf und Oberbayern würden vom sogenannten „No-Deal“-Szenario noch stärker in Mitleidenschaft gezogen. Dort würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut den Berechnungen 650 Millionen beziehungsweise 526 Millionen Euro sinken. Deutschland insgesamt muss sich demnach auf einen Einkommensverlust von 9,5 Milliarden Euro einstellen – und landet damit auf Platz 2 hinter Großbritannien selbst, wo der Schaden auf 57,3 Milliarden Euro taxiert wird.

Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung und die Bevölkerungszahl ergibt sich bei der Begutachtung möglicher Negativfolgen, die vor allem aus höheren Zöllen und sinkender Produktivität entstehen, ein anderes Bild. Nach Großbritannien wird speziell Irland den größten Schaden davontragen. Der BIP-Rückgang um 3,4 Milliarden Euro wirkt sich bei nur 4,7 Millionen Einwohnern viel härter aus – pro Kopf geht die Wirtschaftsleistung um 726 Euro zurück, während es in der Bundesrepublik nur 115 Euro sind. Die Wirtschaftskraft würde um 1,2 Prozent sinken, in Deutschland wäre ein Konjunkturrückgang um 0,3 Prozent zu befürchten.

Auch im bundesweiten Vergleich ist das Bild ein Anderes, wenn nicht die absoluten Zahlen zum Maßstab gemacht werden. Hier relativiert sich die Belastung Baden-Württembergs, da die Autoren der Studie eine um 0,13 Prozent geringere Wirtschaftsleistung prognostizieren. Hier ist Nordrhein-Westfalen mit einem errechneten Rückgang des BIP von 0,19 Prozent am stärksten betroffen. „Dies liegt auch daran, dass Großbritannien für den Export des Landes NRW (dritthöchste Ausfuhren) eine größere Bedeutung hat“ als für Baden-Württemberg oder Bayern, wo „beispielsweise Ausfuhren nach Asien und in die USA eine weit größere Rolle“ spielen, wie es in der Studie heißt. Groß ist der Schaden aber in jedem Fall, wie Dominic Ponattu, ein Mitautor der Studie, sagt: „Gerade Regionen mit produktiven Mittelstandsunternehmen wären von einem Brexit besonders betroffen. Dazu zählen in Deutschland unter anderem Regionen wie das Rheinland und Ostwestfalen sowie das Umland der Metropolen Stuttgart und Hamburg.“

Die Untersuchung, die in einem sogenannten „Gravitationsmodell“ die künftigen internationalen Handelsströme simuliert hat, kommt zu dem Schluss, dass ein „weicher“ Brexit, für den das britische Unterhaus das EU-Austrittsabkommen ratifizieren müsste, die negativen ökonomischen Folgen fast halbieren würde – statt 97 Milliarden Euro würden in Großbritannien und der EU „nur“ 54 Milliarden Euro an Wirtschaftskraft verloren. „Der Brexit könnte das Fundament des größten gemeinsamen Wirtschaftsraums der Welt schwer beschädigen. Brüssel und London müssen alles tun, um den Ausstieg vertraglich zu regeln“, sagt Aart de Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. Genau darum geht es an diesem Donnerstag beim EU-Gipfel in Brüssel.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: