Kostenloses Busfahren in Tübingen Vom Nulltarif profitieren nur wenige

Von Christine Keck 

Freie Fahrt für freie Bürger, dennoch hält sich samstags in Tübingen der Ansturm auf die Busse noch in Grenzen. Foto: Horst Haas
Freie Fahrt für freie Bürger, dennoch hält sich samstags in Tübingen der Ansturm auf die Busse noch in Grenzen. Foto: Horst Haas

Die Bundesregierung erwägt, in fünf Modellstädten den kostenlosen Nahverkehr einzuführen. In Tübingen ist der Nulltarif schon umgesetzt: Dort gilt seit Kurzem samstags freie Fahrt für alle, doch viele Fahrgäste haben bereits Monatstickets.

Tübingen - Unauffälliger könnte die Botschaft kaum angebracht sein. Auf einem schmalen Aufkleber am Kassenautomaten gleich beim Einstieg des Busses ist sie zu lesen: „Samstags kostenlos Busfahren im Stadtgebiet Tübingen.“ Das bringe ihr leider nichts, sagt Dorothea Gebhard, sie hat einen Sitz in der ersten Reihe der Linie 1 ergattert. Draußen schneit es, drinnen im Bus, der am Tübinger Bahnhof startet, ist es mollig warm. „Ich habe ein Jobticket, ich arbeite beim Land“, sagt sie und dass sie es besser fände, wenn der Bus das ganze Jahr über umsonst wäre.

Die Neckarstadt mit ihren fast 90 000 Einwohnern hat bereits umgesetzt, was die Bundesregierung im Kampf um saubere Luft in fünf Modellstädten realisieren will: einen fahrscheinfreien Bus. Zumindest samstags. Schwarzfahren geht dann nicht mehr, die Kontrolleure können frei nehmen. Weil ein zentrales Parkhaus in der Innenstadt saniert werden muss und das 20 Monate dauert, hat der Gemeinderat eine Bus-Flatrate eingeführt. 200 000 Euro hat die Stadt dafür beiseitegelegt, pro Samstag entgehen ihr 5000 Euro an Ticketeinnahmen.

Ein fertiges Konzept zum Gratisbus liegt in der Schublade

Die Berliner Pläne für Gratisbus- und -bahn haben den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer elektrisiert. „Wir sind bundesweit die einzige Stadt, die ein fertiges, vom Gemeinderat intensiv diskutiertes Konzept zum kostenlosen Nahverkehr vorliegen hat“, sagt der Grüne, der sein Dienstauto längst gegen ein Dienstpedelec eingetauscht hat. Palmer will unbedingt in die Runde der möglichen Erprobungsstädte aufgenommen werden. Wenn schon Revolution im Nahverkehr, dann auf jeden Fall mit Tübingen.

In einem offenen Brief an die zuständigen Minister wirbt Palmer für das Flatrate-Vorhaben und rechnet vor, was das in Tübingen kosten würde. Der größte Brocken wären die Verluste aus den Fahrscheineinnahmen von jährlich neun Millionen Euro. Dazu kämen sechs Millionen Euro, um die Kapazität um ein Drittel auszubauen. Die Verkehrsplaner gehen davon aus, dass sich die Zahl der Fahrgäste von 20 Millionen pro Jahr auf 27 Millionen erhöhen würde. Ein Anstieg, den Tübingen gut bewältigen könnte, da sind sich alle einig.

Ein bisschen mehr als sonst an Samstagen sei schon los, versichert der Busfahrer Namani Fadil, er hat den Kassenautomaten hinter sich im Blick. „Ich gebe den Leuten Bescheid, dass sie kein Ticket zu ziehen brauchen“, erzählt er. Doch an diesem Vormittag muss er kaum jemanden aufklären. Von den gut 20 Fahrgästen haben alle Monatskarten, ein Mix aus Schüler, Senioren und Leuten mit Jobticket. Erst an der Endhaltestelle oben auf dem Herrlesberg nimmt Ruth Kaiser Platz. 55 Jahre alt, leidenschaftliche Radlerin, aber bei diesem Schmuddelwetter umgestiegen auf den Bus. „Ich fahre mit, weil es heute kostenlos ist“, sagt sie strahlend. Sie hat einen großen Rucksack für die Einkäufe dabei. „Ein Auto kannst du in Tübingen sowieso vergessen“, viel zu unpraktisch in der engen Altstadt.

In Templin wurde das Experiment vor gut zwei Jahrzehnten schon gewagt

Freie Fahrt für alle, hieß es schon einmal in Deutschland. Im brandenburgischen Templin, einem Kurort mit 16 000 Einwohnern, hat vor gut zwei Jahrzehnten der damalige Bürgermeister Ulrich Schoeneich Pionierarbeit geleistet. „Wir haben 1997 den fahrscheinfreien Nahverkehr umgesetzt, das hat wahnsinnig eingeschlagen“, berichtet der heute 67-Jährige. Der Landkreis habe damals überlegt, den Stadtbus einzustellen bei nur 40 000 Fahrgästen im Jahr. „Über die Kurtaxe wurden die kostenlosen Busse finanziert“, erzählt Schoeneich, der durch die halbe Republik tourte, um von den Marketing- und Umwelterfolgen zu schwärmen. Die Fahrgastzahlen kletterten in Spitzenjahren auf mehr als 600 000, der Autoverkehr ging zurück.

Die Beschwerde der Touristen, es sei unfair, dass nur die Kurgäste dafür zahlten, aber alle in Templin davon profitierten, führte im Jahr 2003 zum Ende des Nulltarifs. Eingeführt und beibehalten wurde stattdessen eine supergünstige Jahreskurkarte: die Templiner zahlen 44 Euro für ein übertragbares Jahresticket.

Vergeblich hatte Schoeneich in den Neunziger Jahren eine gesetzliche Neuerung gefordert. „Wir durften als Kommune keine Umlage für den öffentlichen Nahverkehr erheben, dabei hätten uns zehn D-Mark im Jahr pro Bürger gereicht“, sagt der Ex-Bürgermeister, der staunt, dass genau dies aus Tübingen gefordert wird. Da es die Mehrheit der Stadträte abgelehnt hat, die Grund- und die Gewerbesteuer anzuheben, brachte Boris Palmer im vergangenen Mai eine Nahverkehrsabgabe ins Spiel, eine Pauschale für alle Bürger der Stadt. 15 Euro pro Kopf und Monat seien zur Finanzierung nötig, kalkuliert Palmer und ärgert sich über die grün-schwarze Landesregierung, die eine Pflichtabgabe als Mittel zur Luftreinhaltung nicht vorsieht.

OB Palmer setzt auf eine Nahverkehrsabgabe

„Ich setze auf die Dynamik der öffentlichen Debatte“, sagt Palmer. Er würde gerne die Experimentierklausel im Kommunalrecht anwenden. Ein Zauberwort, das Türen öffnen könnte oder eben den rechtlichen Rahmen ein wenig dahin biegen, dass Tübingen probeweise eine Nahverkehrsabgabe erheben könnte. Ob das die Tübinger überhaupt wollen, steht auf einem anderen Blatt. Das wird sich 2019 entscheiden. Dann sollen die Bürger parallel zur Kommunalwahl über den Umsonstbus in einer Befragung abstimmen.

Auf halber Strecke zurück zum Hauptbahnhof will eine Seniorin beim Busfahrer zahlen. „Heute umsonst“, sagt er der 83-Jährigen, die erst glaubt, sich verhört zu haben. „Das ist mein Glückstag“, sagt sie erfreut, sie sei erst vor Kurzem in ein Pflegeheim nach Tübingen gezogen und kenne sich noch kaum aus. „Das muss ich all den anderen Damen erzählen, die wissen das nicht“, sagt sie aufgeregt, „dann fahren wir künftig zusammen Bus.“

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