Durch eine Holzkonstruktion vor den Tunnelportalen sollen die Fledermäuse vor den Zügen der Hermann-Hesse-Bahn geschützt werden. Für sie bleibt ein Zwischenraum als Winterquartier. Foto: Lightworkart/Manuel Kamuf

Der FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Dieter Scheerer zweifelt die Finanzierung der Bahnreaktivierung an. Der Nabu verteidigt die hohen Ausgaben für den Artenschutz.

Ist der Bau der Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Renningen/Weil der Stadt ein „Fass ohne Boden“? So sieht es zumindest der FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Dieter Scheerer, der selbst in Weil der Stadt lebt. „Die Investitionen haben sich grob schon vervierfacht. Von der ursprünglichen Kostenschätzung von unter 50 Millionen Euro auf aktuell bisher 207 Millionen Euro“, rechnet der verkehrspolitische Sprecher seiner Fraktion vor.

 

Dabei seien die Arbeiten noch nicht beendet, und es könnten bis zum Start Ende Januar noch weitere Beträge dazu kommen. Wenn die Hesse-Bahn dann überhaupt starte, meint Scheerer mit besorgtem Blick auf erhebliche Verzögerungen bei einem anderen Projekt, der Schönbuchbahn.

Wer zahlt die Rechnung für die Hesse-Bahn?

Scheerer hat die Reaktivierung der Bahn-Strecke, vor allem deren Finanzierung, stets kritisch begleitet. „Ich bin für den öffentlichen Nahverkehr, aber nicht um jeden Preis“, sagt der FDP-Abgeordnete, der zu den Sitzungen im Landtag oft mit der S-Bahn nach Stuttgart fährt.

Auch kritisiert er, dass bislang nicht feststeht, aus welchem Topf die Bahnreaktivierung letztlich bezahlt werden soll. Ursprünglich war vorgesehen, dass das Land 75 Prozent der Bau- und Investitionskosten übernimmt – zuzüglich einem 15-prozentigen Planungskostenzuschuss. Den Rest zahlt der Zweckverband, dem der Kreis und die Stadt Calw sowie die Kommunen Ostelsheim und Althengstätt angehören.

Mittlerweile schlägt das Landesverkehrsministerium aber vor, das Projekt über ein Bundesprogramm zu finanzieren, welches 90 Prozent der Baukosten übernehmen würde. Allerdings ist das Bewerbungsverfahren dafür noch nicht offiziell gestartet. Wer letztlich die Rechnung übernimmt, ist also noch offen.

59 Minuten soll man ab Ende Januar von Calw bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof benötigen, wenn voraussichtlich die ersten Züge der Hesse-Bahn zunächst bis Weil der Stadt und ab Juni bis Renningen fahren.

Hesse-Bahn-Befürworter: „So wird Klimaschutz unbezahlbar“

„Wir sind zwiegespalten“, sagt Erwin Eisenhardt von der Bürgerinitiative Unsere Schwarzwaldbahn (BAUS) aus Renningen. „Einerseits freuen wir uns, dass der Starttermin endlich feststeht. Andererseits zeigt die Hesse-Bahn, wie schwierig es ist, in Deutschland eine Bahnstrecke zu reaktivieren.“

Nicht nur hätten Behörden das Projekt mit steigenden Auflagen verteuert, sondern auch sehr langsam gearbeitet und das Projekt so auch maßgeblich verzögert. „So wird Klimaschutz irgendwann unbezahlbar“, sagt Eisenhardt mit Blick auf den Transportweg Schiene, der weniger CO2-Emissionen verursacht als der motorisierte Straßenverkehr.

Die Hermann-Hesse-Bahn verbindet Calw und den Schwarzwald mit dem Stuttgarter S-Bahn-Netz. Foto: STZN-Grafik

Auch die 80 Millionen Euro für den Schutz geschützter Fledermäuse sieht man kritisch. Der Großteil davon entfällt auf die sogenannte Tunnel-in-Tunnel-Lösung, bei der in die zwei Bestandstunnel der Bahnstrecke neue, kleinere Röhren für die Züge eingezogen werden und den Flugsäugetieren dadurch ein Zwischenraum zum Überwintern bleibt.

„Wir bei der BAUS sind dafür, dass der Artenschutz berücksichtigt wird“, sagt Eisenhardt. „Aber dafür 80 Millionen Euro auszugeben? Das ernüchtert uns sehr, uns für solche Projekte einzusetzen.“

Nabu: Vom Negativ-Beispiel zu „guter Lösung“

Der Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg, der zwischenzeitlich die Hesse-Bahn durch eine Klage gestoppt und in deren Folge die Tunnel-in-Tunnel-Lösung zum Schutz der Fledermäuse miterarbeitet hat, sieht das anders: „Die Alternative wäre eine neue Trassenführung mit zwei neuen Tunneln gewesen. Das wäre vielleicht günstiger, vielleicht aber auch noch wesentlich teurer geworden“, sagt der Landesvorsitzende Johannes Enssle unserer Zeitung.

„Vermutlich hätte sich dann aber niemand darüber aufgeregt, weil es offenbar okay ist, für uns Menschen Geld auszugeben, für den Erhalt der Artenvielfalt und damit unserer Lebensgrundlagen aber offenbar nicht“, zeigt sich der Nabu-Chef irritiert von der Diskussion. Dem Land und dem Zweckverband sei das Projekt immerhin so wichtig gewesen, dass man trotz dieser Kosten für den Artenschutz an der Hesse-Bahn festgehalten habe.

Hesse-Bahn: ein Projekt, „das zu Beginn gezeigt hat, wie es nicht laufen sollte“

Enssle bedauert, dass man die Projektverantwortlichen durch eine Klage zum Fledermaus-Schutz haben zwingen müssen. Mittlerweile arbeite man aber mit dem Zweckverband sehr gut zusammen. Die Hermann-Hesse-Bahn sei „ein Projekt, das gleich zu Beginn gezeigt hat, wie es nicht laufen sollte, das im Laufe des Prozesses dann aber auf einen guten Pfad gekommen ist“. Bei der Tunnel-in-Tunnel-Lösung könne man sogar von einem Leuchtturm sprechen.