Michael wohnt im Heim und muss einen Großteil seines Lehrlingsgehalts abgeben. Doch er lässt sich trotz der Motivationsbremse nicht beirren.
Bad Dürrheim - Michael träumt von einem Auto, vom Führerschein, vielleicht von einem Urlaub. Übertrieben viel Glück hat der 19-Jährige bisher nicht gehabt. Als er 13 Jahre alt war, starb seine Mutter. Es folgten schwierige Jahre mit dem Vater und der schnell auf den Plan getretenen Stiefmutter. Gewalt und Alkohol kamen ins Spiel. „Als ich 16 war, wollte ich nicht mehr nach Hause“, erzählt der junge Mann gelassen.
„Ich wollte hierher“, sagt Michael. Er sitzt im Speiseraum des Kinderheims der Stiftung Off Road Kids in Bad Dürrheim und lächelt verhalten. Dreieinhalb Jahre ist er jetzt da. Es gefällt dem freundlichen Teenager gut. Doch finanziell würde es ihm besser gehen, würde er nicht im Heim leben. Michael macht eine Lehre als Straßenbauer. Im zweiten Lehrjahr bekommt er 940 Euro netto. Davon bleiben ihm 250 Euro. 75 Prozent muss er abgeben. Für die Unterbringungskosten im Heim. So sieht es der Gesetzgeber vor. Es gilt der Grundsatz wie bei Erwachsenen, dass sich an den Kosten der Sozialhilfe beteiligen muss, wer etwas verdient.
Von Eltern oder Oma ist nichts zu erwarten
„Ich wollte das am Anfang gar nicht wahrhaben“, berichtet Michael. „Das Arbeiten macht so natürlich weniger Spaß.“ Die anderen Lehrlinge wohnen kostenfrei bei den Eltern, sie können sich ein Auto kaufen. Davon kann Michael im Moment nur träumen. Heimkinder haben keine Eltern, oder eine Oma, die ihnen ab und zu etwas zuschießen. Michaels Traum? „Ein Audi A3, Baujahr 1998, der kostet 2500 Euro.“
Das bleibt vorerst Illusion. Erst müsste der Führerschein gemacht werden. Mindestens ein Jahr müsste er seinen ganzen Verdienst auf die Seite legen, um in die Fahrschule gehen zu können. Der Arbeitgeber erwartet, dass er spätestens ein Jahr nach Ende der Lehre fahren darf. „Sonst ist der Job weg.“ Straßenbauer müssen mobil sein. Michael gefällt sein Beruf. „Ich will das machen und ich möchte mich zum Polier hocharbeiten“, sagt er zuversichtlich. Doch die Sache mit dem Geld macht ihm zu schaffen. „Wenn ich nichts abgeben muss, bin ich motivierter. Ich würde mich schon mit 25 Prozent mehr zufrieden geben.“ Vielleicht könnte er dann sogar auf einen Urlaub sparen.
Heimleiter will sich nicht mit kleinen Schritten zufrieden geben
Da fährt Markus Seidel empört dazwischen. Der Vorstandssprecher der Stiftung Off Road Kids macht sich dafür stark, dass die 75-Prozent-Regelung komplett fällt. Ein Heimplatz koste zwischen 4000 und 7000 Euro, sagt er und betont: „Ein Kind, das ins Heim kommt, kann nichts dafür, dass es in der Jugendhilfe lebt.“ Anders als manche Erwachsene in der Sozialhilfe, so Seidel.
Er will seinen Schützlingen einen guten Start in ein selbstständiges Leben ermöglichen. Mit 21 sollten die Kids ausziehen. Seidel möchte, dass sie dann ein kleines finanzielles Polster haben. Eigentlich müssten sie mehr verdienen, weil ihnen ja niemand aus der Familie etwas zusteckt, meint er. Und vor allem: „Wie sollen wir vermitteln, dass sich Leistung lohnt, wenn die Kids vom Lohn fast nichts haben?“ Denn eines möchte er unbedingt vermeiden: Dass die einstigen Straßenkinder wieder auf der Straße landen. Und: „Ich habe keine Lust, die Kinder unserer Kinder auch im Heim zu erziehen.“
Die jetzige Regelung hat in Seidels Augen nur Nachteile. Von den Betroffenen abgesehen sei sie auch ein bürokratisches Unding. Ein Jugendamt entscheide anders als das nächste. Manchmal gebe es sogar innerhalb der Ämter unterschiedliche Auffassungen. „Das Gesetz wird nicht geändert, weil Heimkinder keine Lobby haben“, argwöhnt er.
Politik will „unfaire Härte“ beseitigen
Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache. Der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Rombach hat im Mai schon einen Vorstoß gemacht und verlangt: „Diese Ungerechtigkeit muss endlich abgeschafft werden, damit Heimkinder trotz ihrer erschwerten Ausgangsbedingungen motiviert ins Berufsleben starten können.“ Thomas Poreski, sozialpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, fordert, dass der Bundesgesetzgeber diese „unfaire Härte“ schnellstmöglich beseitigt. „Kinder und Jugendliche in Heimen und in Pflegefamilien müssen auf ihrem schwierigen Weg in die Selbstständigkeit ermutigt und nicht bestraft werden“, sagt er.
Auf Bundesebene wird jetzt ein erneuter Anlauf gemacht, das Gesetz zu ändern. Im aktuellen Beteiligungsverfahren hat sich Landessozialminister Manfred Lucha (Grüne) „für eine Absenkung der Kostenbeteiligung bis hin zum völligen Verzicht ausgesprochen“, berichtet sein Sprecher. Er macht Heimkindern Hoffnung. Gegenüber unserer Zeitung sagte er: „Angesichts der laufenden Gespräche zeichnet sich die Chance ab, dass die Regelung zur Kostenheranziehung im Sinne der jungen Menschen geändert werden soll. Darauf setzen wir und bringen uns weiter mit Nachdruck dafür ein.“
Für Michael sollte die Regelung schnell kommen. Obwohl er gerne zur Arbeit geht, macht er sich Sorgen: „Den Aufstieg nach der Lehre zu schaffen, ist schwerer, wenn man nichts sparen kann“, sagt er. „Man fühlt sich einfach als Person nicht wohl.“