Kosmetikstudios dürfen seit Montag wieder öffnen. Aber die Kundinnen bleiben aus. Die Branche ist verärgert über die Vorgaben.
Stuttgart - Die Euphorie ist der Ernüchterung gewichen: Seit Montag dürfen Kosmetikstudios zwar wieder öffnen, die Kundinnen müssen aber, sobald sie den Mund-Nasen-Schutz abnehmen, einen tagesaktuellen Schnelltest vorweisen – der nicht privat vorgenommen werden darf. Sprich: Die Behandlungsstühle bleiben leer, die Kosmetikerinnen fühlen sich verschaukelt. Gleiches gilt für die Barbershops. Besser haben es da andere Sparten der sogenannten körpernahen Dienstleistung getroffen: Tätowierer, Piercer und sogar Sonnenstudios dürfen Kunden empfangen.
Mirca Gönner hat am Samstag eine Stunde lang vergeblich beim Discounter angestanden, um Teststäbchen zu bekommen. Auch ihre Apotheke musste passen. Seit Montag hat sie ihr „Haus der Schönheit“ an der Sonnenbergstraße wieder geöffnet – aber es gibt keine Tests und damit auch keine Kundinnen. „Das ist ein wahnsinniger Humbug“, sagt die Kosmetikerin, die das Geschäft seit 40 Jahren betreibt, über die Vorgaben des Landes. Besonders ärgert sie, dass die Information für ihre Branche so kurzfristig kam. Auf die Schnelle hieß es: Laden putzen, Personal planen, Kundentermine vereinbaren. Aus ihrer Sicht wäre es besser gewesen, wenn es einen 14-tägigen Vorlauf gegeben hätte, um sich auf die Öffnung vorzubereiten.
Höheres Risiko beim Zahnarzt
Nägel lackieren oder Wimpern färben ist erlaubt, da die Kundinnen dazu den Mund-Nasen-Schutz nicht abnehmen müssen. „Aber wer kommt schon allein deswegen zu mir?“, fragt Mirca Gönner, die ohnehin der Meinung ist, dass ihre Arbeit für die Kundin keine Gefahr birgt. „Ich trage eine Maske und außerdem ein Gesichtsschild. Wenn ich Mitesser entferne, dann hinter dem Vergrößerungsglas. Wie machen das bitte schön die Zahnärzte? Die sind noch näher an den Menschen dran als ich. Das ist unfair.“
Inzwischen weiß Mirca Gönner, dass für einen Besuch bei ihr ein privat durchgeführter Selbsttest nicht reicht. Wer in Baden-Württemberg einen Termin bei der Kosmetikerin oder beim Barbershop vereinbart, muss zuvor zu einem Testzentrum oder einer Apotheke gehen und dort einen sogenannten angeleiteten Test machen. Die pragmatische Lösung, dass die Tests von den Salons durchgeführt werden, damit das Vier-Augen-Prinzip greift, ist nicht vorgesehen.
Das ist in Nordrhein-Westfalen anders, wo es laut der Handwerkskammer Düsseldorf bis 1. April möglich ist, einen Corona-Selbsttest zu machen, „der von den Kunden unmittelbar am Ort der Dienstleistung in Anwesenheit des Personals durchgeführt“ wird. In Bayern gelten nach Angaben der Handwerkskammer sogar „die gleichen Hygienemaßnahmen wie für Friseure. Eine Testpflicht für Kunden ist in der Verordnung nicht vorgeschrieben.“ Auf eine Nachfrage unserer Redaktion, wie die Vorgabe umzusetzen ist, hat sich das Landessozialministerium bisher nicht geäußert.
Arbeiten bis Mitternacht
Mirca Gönner hat inzwischen mit dem Testzentrum am Flughafen telefoniert, wo man den ersten Termin um 9 Uhr vereinbaren kann. Viele Apotheken, die Tests anbieten, öffnen erst um 9.30 Uhr. Da man Wartezeiten einkalkulieren muss, sind Kosmetikbehandlungen am Vormittag schlecht planbar. „Sollen wir jetzt bis Mitternacht arbeiten?“, fragt die Kosmetikerin, der bereits einige Kundinnen abgesagt haben, weil ihnen der Aufwand zu groß ist.
Beim Barbershop The Gentlemens Club in der Tübinger Straße sind bisher noch keine Termine zum Bartschneiden vereinbart worden. Der Salon ist offen, da hier auch Haare frisiert werden, aber rund 30 Prozent des Umsatzes fehlen, schätzt der Betreiber Kürsad Dogan. „Die Rasur ist bei uns eine wichtige Einnahmequelle“, betont er. Sollten private Schnelltests doch noch zulässig werden, müsste er die Kosten auf die Rasur aufschlagen, meint er. Denn sonst rechne sich die Dienstleistung nicht. Dennoch bleibt Dogan optimistisch: „Wir hoffen, dass das Geschäft so schnell als möglich wieder anläuft.“
Keine Tätowierungen im Gesicht
Obwohl die Studios für Piercings und Tattoos wieder öffnen dürfen, warten einige Betriebe in Stuttgart noch eine Woche ab. Auch weil sich die Inzidenzwerte schnell wieder ändern können. Das Team von Bold As Love Tattoo an der Hohenheimer Straße arbeitet seit Dienstag wieder. Die Kunden brauchen keinen Test vorzuweisen oder zu machen, aber medizinische Masken, und für besondere Fälle hat man eine pragmatische Lösung gefunden: Tätowierungen im Gesicht werden bis auf Weiteres nicht durchgeführt.
Selbst im Gesicht ist seit Montag wieder eine nahtlose künstliche Bräunung möglich. Das sei kein Problem, sagt Anna Scibelli, die Chefin des Sun-Sun-Sonnenstudios an der Silberburgstraße im Stuttgarter Westen. Sie hat seit Montag ihren Laden wieder geöffnet und trägt Einmalhandschuhe und Mund-Nasen-Schutz. Die Kunden dürfen diesen abnehmen, wenn sie allein in der geschlossenen Kabine sind, die nach dem Sonnenbad desinfiziert wird. Anna Scibelli hatte ihr Geschäft drei Monate lang geschlossen und hat, obwohl ihr Steuerberater alle Anträge eingereicht hat, wie sie betont, bisher keine staatlichen Hilfen bekommen. „Ich bin richtig enttäuscht“, sagt sie. „Ich musste vom Geld meines Mannes leben. Allein hätte ich mir nicht mal meine Miete leisten können.“