Ein Prüfer soll illegal HU-Plaketten gegen Geld vergeben haben. Foto: dpa-Zentralbild

Der hauptangeklagte Prüfingenieur schweigt weiter. Selbst Fahrzeuge im Ausland sollen HU-Plaketten bekommen haben.

Im Prozess um den tausendfachen Schwindel mit Auto-Prüfplaketten haben fünf Angeklagte ein Geständnis abgelegt. Der Prüfingenieur wird inzwischen psychiatrisch begutachtet.

Stuttgart - Acht Männer stehen wegen Bestechung und Bestechlichkeit vor der 19. Strafkammer des Landgerichts. Fünf Autowerkstattbetreiber haben die Manipulationen mit den Plaketten der Hauptuntersuchung (HU), landläufig Tüv-Plaketten genannt, zugegeben. Zwei Autohändler schweigen. Sie sind sich keiner Schuld bewusst und wollen Freisprüche. Der Hauptangeklagte, ein 60 Jahre alter Prüfingenieur, der für die Gesellschaft GTS Autos geprüft hat, schweigt. Auf Antrag seines Verteidigers Wolfgang Pantzer ist jetzt ein psychiatrischer Gutachter hinzugezogen worden.

Der Hauptangeklagte aus dem Raum Reutlingen, der gegen Bestechungsgeld tausendfach Prüfplaketten auch für Rostlauben ausgegeben haben soll, könne vermindert schuldfähig sein, so sein Verteidiger. Gegenüber seiner Familie und seinem Chef habe er sich in den letzten Jahren merkwürdig verhalten, so der Anwalt. Zudem sei er ein Messie. Das bestätigt ein Kripobeamter im Zeugenstand. „Die Wohnung des Angeklagten war völlig vermüllt.“ Es sei so schlimm gewesen, dass man die Stadt angeschrieben habe – wegen hygienischer Bedenken.

Die fünf Werkstattbetreiber haben bestätigt, dass viele ihrer Kunden nur gekommen seien, weil sich herumgesprochen habe, man bekomme bei dem 60-jährigen Prüfingenieur locker die Prüfplakette, auch für Schrottkisten. Die Ermittlungen der Polizei, ausgelöst durch einen anonymen Hinweis, haben Haarsträubendes ergeben. „Zum Teil haben Prüfungen gerade einmal zwei Minuten gedauert“, so der Kripomann. Auch hätten fünf Fahrzeuge die HU-Plaketten bekommen, obwohl die Wagen im Ausland gestanden seien.

Eine normale HU mit Abgasuntersuchung dauere nicht unter 25 Minuten, stellt der Polizist klar. Die korrekte Prüfung koste 53 Euro. Die Kundschaft, die eine illegale HU wollte, wurde mit 80 bis 150 Euro zur Kasse gebeten. Da scheint ein ziemlicher Batzen Geld zusammengekommen zu sein. Bei der Festnahme stellte die Polizei 210.000 Euro in bar im Auto des Ingenieurs sicher.

Der angeklagte Tatzeitraum erstreckt sich von 2011 bis 2012. Die Staatsanwaltschaft geht von mehreren Tausend Fällen aus, hat die Anklage aber für den Prozess auf 477 konkrete Einzeltaten eingedampft.

Nach dem anonymen Hinweis hatte die Polizei begonnen, den Ingenieur zu beschatten und sein Telefon abzuhören. Und sie ist selbst mit drei mängelbehafteten Autos in verdächtige Werkstätten gefahren. Der 7-er BMW und die zwei Golf, die niemals eine HU-Plakette hätten bekommen dürfen, fuhren mit Plakette vom Hof. Selbst in einer Art Scheune in Waldenbuch habe der Ingenieur eine HU-Prüfung vorgenommen, so der Kripobeamte vor Gericht.

Der ganze Schwindel, der im Stuttgarter Prozess thematisiert wird, scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Auch die Staatsanwaltschaft Tübingen ermittelt. „Ein Sumpf“, so der Stuttgarter Ankläger. Der Prozess wird am 4. Februar fortgesetzt.

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