Korruptionsskandal in Regensburg “Wolli“ warf mit Geld nur so um sich

Von Paul Kreiner 

„Er kniet sich rein“: Joachim Wolbergs und sein Wahlkampfslogan Foto: dpa
„Er kniet sich rein“: Joachim Wolbergs und sein Wahlkampfslogan Foto: dpa

In Regensburg könnte der größte kommunale Bestechungsskandal in Nachkriegsdeutschland aufgedeckt werden. In seinem Zentrum steht der suspendierte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD). Immerhin: Reden kann der Mann – da sind sich alle einig.

München - Regensburg ist Weltkulturerbe. Regensburg war Römerstadt, Kaiserstadt, immerwährender Reichstag. Als Studentenstadt ist Regensburg gerade mächtig in, und wegen der reichen Industrie boomt die Stadt an allen Ecken und Enden. Ihr Altstadtkorsett ist ihr längst zu eng geworden. Die Stadt baut, wo sie nur kann. Der örtliche Fußballverein ist gerade wieder in die Zweite Liga aufgestiegen. Auch da geht was vorwärts. Politisch aber hängt Regensburg mächtig durch.

Die Staatsanwaltschaft an diesem Donnerstag gegen Joachim Wolbergs (SPD), den suspendierten Oberbürgermeister, Anklage erhoben: Bestechlichkeit, krumme Finanzbeschaffung für seinen Wahlkampf, millionenschwere Kungelei mit einem Baulöwen wirft die Anklage dem 46-Jährigen vor – und der Baulöwe soll gleich mit vor Gericht. Die Affäre aber, die den größten städtischen Bestechungsskandal in Nachkriegsdeutschland darstellen dürfte, geht noch weiter. Mit Wolbergs ist nämlich auch der zurückgetretene SPD-Fraktionschef im Stadtrat, Norbert Hartl, als Profiteur und „Gehilfe und Mittäter“ angeklagt. Und ganz am Ende der siebenseitigen Pressemitteilung versteckt sich ein bedeutender Satz: Es seien „weitere Ermittlungsverfahren gegen verschiedene Personen anhängig“ – und jedenfalls einen prominenten Namen kennt die Öffentlichkeit schon: Hans Schaidinger (68) ist der Vorgänger Wolbergs im Amt des Oberbürgermeisters. Der Ex-OB gehört der anderen Partei an, der CSU, und das heißt, dass die Staatsanwaltschaft im offenbar recht hemdsärmelig regierten Regensburg ein größeres, lagerübergreifend geknüpftes Netz an Korruption und verwandten Machenschaften verborgen sieht.

Fußball im Schlamassel

Alles hängt mit dem Boom der Stadt zusammen. Und mit dem Fußball. Mit Brot und Spielen also, wie bei den alten Römern. In der Zeit vor 2014, in der Joachim Wolbergs OB werden will – um jeden Preis hat er das gewollt, sagen Leute, die ihn kennen – steckt der SSV Jahn Regenburg in dicken finanziellen Schwierigkeiten. Da trifft es sich gut, dass ein anderer, der viel Geld hat, auch unbedingt was will: Volker Tretzel, Bauunternehmer, will das Gelände der aufgelassenen Nibelungenkaserne haben, um dort hunderte von Wohnungen zu erstellen. 35 Hektar Fläche, Projektvolumen: 100 Millionen Euro. Da ist Musik drin.

Und Tretzel bekommt das Gelände, obwohl er nicht das günstigste Angebot vorgelegt und der Stadtrat ihn deshalb zuerst hat abblitzen lassen. Aber seit Mai 2014 ist Wolbergs OB; mehr als 70 Prozent der Stimmen hat er bei der Stichwahl erhalten – und gleich am Tag nach seinem Amtsantritt kassiert er die Ausschreibung. Er lässt für das Nibelungen-Areal eine neue Ausschreibung formulieren, eine die exakt auf Tretzels Unternehmen „zugeschnitten“ ist, wie die Staatsanwaltschaft meint. Und damit ja nichts schief geht, schickt der städtische Fraktionschef der SPD die ersten Entwürfe per Fax an den Baulöwen: Der soll in Rot vermerken, wo er Änderungswünsche hat.

Im Oktober 2014 teilt der Stadtrat das Nibelungen-Gelände tatsächlich dem „Bauteam Tretzel“ zu. Und als der SSV Jahn Regensburg sechs Tage später die dringend nötige Kapitalerhöhung beschließt – unter seinem Aufsichtsratschef Joachim Wolbergs –, ist Tretzel mit insgesamt 2,8 Millionen Euro dabei. „Diese Zuwendungen soll der angeschuldigte Unternehmer für den Zuschlag beim Kasernenareal in Aussicht gestellt haben“, sagt die Staatsanwaltschaft.

Sonderbarer Machtwechsel

Womöglich hat Tretzel schon länger etwas „in Aussicht gestellt“, noch unter dem CSU-Stadtoberhaupt Schaidinger. Denn als dieser 2014 altershalber aus dem Amt schied, wechselte er beinahe nahtlos über in einen Beratervertrag beim „Bauteam Tretzel“: für 20 000 Euro Monatshonorar und das Recht, die Segelyacht des Unternehmers kostenlos zu nutzen. „Mit Skipper“, wie die Staatsanwaltschaft anmerkt.

Schon der Amtswechsel im Regensburger Rathaus ließ sich merkwürdig an. Kurz vor dem Wahltag demontierte Schaidinger in aller Öffentlichkeit den OB-Kandidaten seiner eigenen Partei, der CSU – und machte damit die Bahn frei für den SPD-Mann Wolbergs, der schon seit 2008 Dritter Bürgermeister war. Und nicht viel weniger lang, so die Staatsanwaltschaft, könnte Wolbergs auf der Gehaltsliste des Bauunternehmers gestanden haben.

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