Parade-Aktion: Sandro Peters (rechts) ist mit Kopfkicks am gefährlichsten. Foto: privat

Sandro Peters aus Kornwestheim hat sich die europäische Krone im Pointfighting aufgesetzt, einer Variante des Kickboxens. Im türkischen Antalya bezwang er im Finale seiner Gewichtsklasse den großen Favoriten.

Der Blick von Sandro Peters wanderte vor seinem Zweitrundenkampf nach oben. Um 15 Zentimeter überragte ihn sein Kontrahent Cevat Kir. Und dann hatte der Türke in der Sport Hall zu Antalya auch noch das Heimpublikum im Rücken. Keine einfachen Voraussetzungen also für den 21-jährigen Pointfighter aus Kornwestheim.

 

Mit seinen starken Kicks an den Gegner heranzukommen? Schwierig. „Aber dann habe ich mich schnell umgestellt, damit hat er wohl nicht gerechnet“, so Peters, der dann eben mit den Fäusten zulangte. Sechs Punkte erzielte er so, was ihm am Ende den 8:6-Sieg bescherte. So konnte es weitergehen.

Sandro Peters ist voller Selbstvertrauen und in Topform

Die Szene beschreibt Peters’ Siegeswillen einerseits und seine Topform andererseits. Zu den Europameisterschaften angereist war er mit dem klaren Ziel vor Augen: Ich will den Titel holen! Die Europameisterschaft des Verbandes Wako (World Association of Kickboxing Organizations) war Sandro Peters’ zweiter großer Auftritt im Dress der deutschen Pointfighting-Nationalmannschaft nach der Weltmeisterschaft vor gut einem Jahr in Italien. Damals gab’s Rang zwei in der Klasse bis 79 Kilogramm. Jetzt krönte sich der Kornwestheimer mit dem großen Titel, und das auch noch eine Gewichtsklasse höher (bis 84 Kilogramm).

Zurück auf die Matte: Dort bezwang Sandro Peters in seinem ersten Kampf Faris Svraka aus Bosnien-Herzegowina mit 11:0, was im Pointfighting als Technischer K.-O. gewertet wird. Am Ende brachte er einen eingesprungenen Kopfkick ins Ziel. „Das sieht man selten, bei einer so klaren Führung“, konstatierte Trainer Lazaros Emmanouilidis, der die Kämpfe seines Schützlings per Internet-Livestream verfolgte – und natürlich mehrmals pro Tag telefonischen Kontakt mit ihm hatte. Der Coach, der in Kornwestheim die Kampfsportschule Fight and Fun betreibt, bezeichnete den Titelgewinn als „bilderbuchmäßig, das kann man gar nicht in Worte fassen“.

Mit diesem Erstrundensieg qualifizierte sich Peters, der vor Ort von den Bundestrainern Laszlo Gömbös und Stefan Reinboth betreut wurde, für die European Games. Die steigen im kommenden Sommer im polnischen Krakau – und gelten gemeinhin als eine Generalprobe auch für Disziplinen, die möglicherweise einmal olympisch werden könnten. Für Peters sind diese Spiele das nächste große Ziel. Dort wird er als Mitglied von „Team Deutschland“ mit dabei sein.

Peters ist ein Kornwestheimer Eigengewächs

Sandro Peters trainiert, seit er acht Jahre alt ist, im Kornwestheimer Fight and Fun, ist dort mittlerweile Trainer des Aktiventeams „Lalli 1“ – benannt nach dem Spitznamen von Lazaros Emmanouilidis, Peters’ Vorgänger in dieser Funktion. Die beiden verbindet eine enge Freundschaft, sie sind zusammen zu unzähligen Turnieren im In- und Ausland gereist. Und es ist wohl kaum übertrieben zu sagen, dass der Kornwestheimer Spitzenkämpfer einiges von seinem Erfolg seinem Mentor zu verdanken hat. Derzeit konzentriert sich Sandro Peters ganz auf seinen Sport. Nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Lokführer beginnt er im September eine Lehre zum Bankkaufmann bei der Bausparkasse Wüstenrot.

Blick zurück nach Antalya: Nach dem Sieg über den Türken Cevat Kir ließ der Kornwestheimer ein 14:6 gegen James Meekin aus Großbritannien folgen. Aber eigentlich warteten alle ohnehin nur auf das Duell tags darauf mit Conor McGlinchey aus Irland. „Für die ganze Halle war er der Favorit“, so Peters, der die Sache voll konzentriert anging: am Abend früh ins Hotelbett und am nächsten Morgen noch ein Eisbad für die Beine, gepaart mit der Erkenntnis: „Ich fühle mich brutal gut.“ Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass es im Finalkampf stellenweise dramatisch zugehen würde.

Das Kommando ist klar: „Tu was, greif’ ihn an!“

In Runde eins arbeitete sich Peters eine knappe 6:3-Führung heraus. In der Pause – der Fight war für dreimal zwei Minuten angelegt – gab’s das Kommando der Bundestrainer: „Tu was, greif’ ihn an!“ Auch Lazaros Emmanouilidis vor dem heimischen Bildschirm fieberte mit und teilte die Einschätzung der Coaches. Und Sandro Peters tat wie geheißen: Mit drei Kopfkicks in Folge überrumpelte er seinen irischen Kontrahenten, der sich nurmehr mit einem viel zu hoch angesetzten Fußfeger zu helfen wusste. Die sogenannte „Medical Time“ in der Folge nutzte Peters, um sich noch einmal zu sammeln – und mit der übernächsten Aktion, erneut ein Kick, den Sieg in Form des technischen K.-O. perfekt zu machen.

Den Erfolg konnte der 21-Jährige zunächst kaum glauben. Zurück im Hotel, wo es wieder Handyempfang gab, sagte er zu Emmanouilidis: „Ich weiß gar nicht, was passiert ist, die Leute gratulieren mir alle!“ Tatsächlich durfte er sich über Glückwünsche quasi aus der gesamten Kampfsportwelt freuen – ein weiteres Zeichen, dass dieser Titelgewinn des jungen Mannes aus Kornwestheim etwas Außergewöhnliches war.

Pointfighting, ein besonderer Unterstützer und der SVK

Pointfighting
Pointfighting ist eine Variante des Kickboxens. Ziel in einem Kampf ist es, erlaubte Trefferflächen mit Kicks oder Schlägen zu treffen. Gekämpft wird nicht in einem Ring, sondern auf einer Matte, die Kontrahenten tragen Schutzausrüstung. Vieles geht beim Pointfighting um Schnelligkeit und Technik.

Youtuber
Ein prominenter Vertreter der Youtuber-Szene hat einen großen Anteil an Sandro Peters Erfolg. Sascha Hellinger, Macher der Webshow „Unsympathisch TV“ mit 2,8 Millionen Abonnenten auf Youtube, sponserte die Reise in die Türkei. Lazaros Emmanouilidis und Hellinger kennen sich schon länger, seit Letzterer im Fight and Fun ein Video drehen durfte.

SV Kornwestheim Zum Ende dieses Jahres wird die Kickbox-Abteilung beim SVK dichtgemacht. Bei ihr war das „Lalli 1“-Team beheimatet. Da jedoch Sandro Peters der einzige Vertreter ist, der einen „e.V.“ im Rücken braucht, wird er nach wie vor Mitglied des Vereins bleiben. „Das ist einfach eine bürokratische Entscheidung“, so Emmanoulidis, dessen Fight-and-Fun-Kämpfer für Wettkämpfe abseits von Welt- und Europameisterschaften direkt über die Kampfsportschule gemeldet werden.