Matthias Mörike geht mit 62 Jahren in den Ruhestand. Foto: Werner Waldner

Matthias Mörike hat die Kindersportschule ins Leben gerufen. Nun geht er in Ruhestand.

Kornwestheim - Er versteht sich, weil er Sportwissenschaft an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert hat, in der Theorie, aber ebenso gut in der Praxis. Nach anfänglichen Versuchen als Radrennfahrer verschrieb sich Matthias Mörike (62) dem Basketball und dem Triathlon.

 

Herr Mörike, was wäre in Ihrem Sportlerleben anders verlaufen, wenn es damals schon eine Kindersportschule gegeben hätte?

Bei mir hätte sich gar nicht so viel geändert, weil ich daheim mit einem großen Garten, mit dem Bodensee vor der Tür und mit Wäldern in der Nähe immer die Möglichkeit hatte, mich sportlich zu betätigen. Sport bedeutete für mich stets Freiheit. Ich konnte mich auf mein Rad setzen, und dann war ich weg. Genau das wollte ich mit der Kindersportschule umsetzen: dass die Kinder sich ohne jeglichen Zwang für den Sport begeistern.

Garten, ein See, Wälder – davon können Kinder in Kornwestheim nur träumen.

Die Bedingungen waren schon gut. Laut der Motorik-Modul-Studie des Robert-Koch-Instituts ist der organisierte Sport in Deutschland durchaus gut aufgestellt. Die Mängel gibt’s im unorganisierten Sport. Was fehlt, ist das spontane Vor-die-Tür-Gehen und mit anderen Kindern kicken oder spielen.

Und dann kommen Sie mit der Kindersportschule daher und organisieren den unorganisierten Sport.

Das könnte man auf den ersten Blick meinen. Aber wir wollen ihn nicht organisieren, sondern wir wollen den Kindern Angebote machen. Wir wollen, dass der Sport Eingang in den Alltag der Kinder findet. Man kann im Unterricht auch in anderen Fächern als Sport Bewegung integrieren. Durch die handelnde Auseinandersetzung mit der Umwelt lernen sie ja viel besser. Der Mensch ist seit Millionen von Jahren darauf ausgelegt, dass er sich bewegt.

Sie sind in der Kindersportschule ein Mann der ersten Stunde. Was ist vom ursprünglichen Konzept noch übrig?

Sehr viel. Unser Grundsatz ist das übergreifende Sportangebot – mit einer Mitgliedschaft in einem Verein oder über die Stadt kann man auf eine große Vielfalt an Bewegungsmöglichkeiten zurückgreifen. Und das gibt es nach wie vor. Mit einem hauptamtlichen, bei der Stadt beschäftigten Leiter der Kindersportschule ist gewährleistet, dass alle Kinder eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten und eine zentrale Verwaltung alle Angebote koordiniert.

Anliegen ist es nicht, möglichst früh zu erkennen, welche Sportart fürs Kind die richtige ist, um die Weichen für eine erfolgreiche Sportkarriere zu stellen?

Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Nach wie vor richten wir den Fokus darauf, die Kinder möglichst umfassend auszubilden, weil jede Sportkarriere auf einer guten Basis fußt. Früher ging es dabei mehr um die Talentfindung und Talentförderung. Mittlerweile hat der soziale Aspekt aber deutlich zugenommen. Wir wollen und müssen die soziale Kompetenz der Kinder schulen und wir wollen, dass sie den Weg zu einer lebenslangen Bewegungskarriere finden. Wir kümmern uns sehr viel auch um Kinder, die mit weniger sportlichem Talent gesegnet sind. Die haben es mindestens genauso nötig wie die anderen und sie haben das Recht auf eine Unterstützung, auch wenn sie einmal keine sportlichen Spitzenleistungen erbringen werden. Auf der anderen Seite haben natürlich auch sportlich talentierte Kinder den berechtigten Anspruch, dass ihre Begabung unterstützt und gefördert wird.

Wie versetzt man Kinder ohne sportliches Talent in Bewegung? Die haben doch vermutlich mit einem viel größeren inneren Schweinehund zu kämpfen.

Nein, das sehe ich nicht so. Sie haben genau den gleichen Spaß an der Bewegung wie andere Kinder auch. Nur das Ergebnis ist ein anderes. Deshalb müssen wir niederschwelligen Sport anbieten und solchen, der nichts mit dem Messen von Leistungen zu tun hat, sondern Spaß an der Bewegung vermittelt.

Haben sich die Kinder im Laufe der 30 Jahre, die Sie an der Kindersportschule gearbeitet haben, verändert?

Das sportliche Niveau ist gesunken, und wir müssen unser Augenmerk sehr darauf richten, dass das soziale Miteinander geschult wird. Was sich auch geändert hat: Kinder haben schon immer ihre Grenzen ausgetestet und gerne auch provoziert. Das müssen sie auch, um zu erfahren, wo sie stehen. Geschulte Betreuerinnen und Betreuer wissen damit umzugehen – das ist im Grunde kein Problem. Mittlerweile aber gibt es viele Kinder, die gar nicht mehr wissen, dass sie mit ihrem Verhalten Grenzen überschreiten.

Sie haben vor Jahren mal in einem Interview beklagt, dass zu Ihnen und Ihren Kollegen hauptsächlich die Kinder von gesundheitsbewussten Eltern kommen. Müsste man die Kindersportschule nicht zu einem verpflichtenden Angebot machen?

Nein, das geht nicht. Unseren Einsatz in Kindergärten und Schulen werden wir in Zukunft aber weiter ausbauen. Dort treffen wir auf alle Kinder, auch auf die, die nicht mehr rückwärtslaufen können oder die Probleme beim Treppensteigen haben. Denen müssen wir ein entsprechendes Bewegungsangebot machen – entweder in der Kindersportschule oder im Ganztag in der Schule.

Wäre es nicht Aufgabe der Schulen und Kindergärten selbst, die Kinder zur Bewegung zu motivieren?

In den Schulen ist der Sport unterrepräsentiert – gerade vor dem Hintergrund, wie wichtig der Sport für die soziale Kompetenz und die Persönlichkeitsentwicklung und wie wichtig die Bewegung für den Lernerfolg sind. Ein zielführender Sportunterricht ist in den Schulen nicht immer leicht durchzuführen. Die Klassen sind zu groß und haben eine heterogene Leistungsstruktur. Hier können wir die Lehrkräfte, die nicht selten fachfremd unterrichten, unterstützen, weil wir innerhalb der Sportstunde besser individuell auf einzelne Schülerinnen und Schüler eingehen können.

Die Schule benotet die sportlichen Leistungen. Das muss nach Ihren Maßstäben doch kontraproduktiv sein?

Ich finde es in der Tat nicht gut, weil sie die frustrieren, die zu guten Leistungen nicht in der Lage sind. Die Gefahr ist groß, dass sich genau diese Kinder auch in späteren Jahren nicht mehr sportlich betätigen, obwohl es für sie gerade besonders wichtig wäre.

Vor 15 Jahren hatte die Kindersportschule 1500 Kinder, sechs hauptamtliche Trainer und 60 Übungsleiter. Wo steht die Kiss heute nach diversen Sparrunden der Stadt Kornwestheim und einer Pandemie?

Vor der Pandemie waren es 1750 Jungen und Mädchen, dann sind wir auf rund 1300 Kinder zurückgefallen – nicht weil Mitglieder ausgetreten sind, sondern weil keine mehr nachkamen. Es waren damals sechs Lehrkräfte, aber nicht alle mit einem 100-Prozent-Deputat. Wenn alle Stellen wieder besetzt sind, sind es wieder sechs Lehrkräfte. Insgesamt sind die Deputate tatsächlich nur geringfügig reduziert worden.

Bei der SVK-Delegiertenversammlung hat Ehrenpräsident Heinz Kipp Kritik daran geäußert, dass sich die Stadt nicht mehr ausreichend um die Kindersportschule kümmert. Zu Recht?

In den vergangenen Monaten gab’s in der Tat wegen verschiedener Teilzeitmodelle und einer Kündigung personelle Engpässe. Gutes Personal zu finden, ist aber nicht ganz einfach, weil wir auf einem insgesamt hohen Niveau arbeiten. Durch meine langjährige Arbeit mit den Vereinen und innerhalb der Stadtverwaltung weiß ich aber, dass beiden Seiten daran gelegen ist, den Kindersport auf allen Ebenen voranzubringen.

Was ist das Schöne an der Arbeit mit Kindern?

Es macht unendlich viel Spaß, weil Kinder von Natur aus sehr positiv eingestellt sind. Es wird bei uns viel gelacht, Sie werden immer wieder überrascht, was Kinder machen und sagen. Und wenn Sie mit Kindern arbeiten und es richtigmachen, dann ist der Erfolg programmiert.

Sie arbeiten ja auch mit Erwachsenen und betreuen unter anderem den Lauftreff. Ist das ein mühsameres Geschäft?

Ich habe 25 Jahre lang auch die Herzsportgruppe geleitet. Nein, mühsamer ist es nicht, wenn es Ihnen gelingt, Vertrauen zu den Erwachsenen aufzubauen und eine Fröhlichkeit in die Gruppe hineinzubringen. Die Teilnehmer müssen spüren, dass ihnen die Bewegung guttut und dass sie Fortschritte machen. Und dann sind die Erwachsenen den Kindern durchaus ähnlich. Für die Erwachsenen gilt übrigens wie für Kinder: Es geht nicht nur um die körperliche Fitness, sondern auch um das soziale Miteinander.

Ist das richtig: Matthias Mörike legt im Ruhestand die Beine hoch, weil er sich in seinem Leben genug bewegt hat?

Sicherlich nicht. Sport wird in meinem Leben immer ein prägendes Element bleiben, weil er mich immer begeistert hat und immer begeistern wird. Ohne Sport fühle ich mich nicht wohl. Ich freue mich darauf, dass ich ihn nun treiben kann, wenn ich Lust darauf und nicht dann, wenn ich Zeit dazu habe.

Sportlich

Matthias Mörike,
62 Jahre alt, erblickte in Heilbronn das Licht der Welt. Der Pfarrerssohn ist am Bodensee aufgewachsen – unter, so berichtet er, idealen Bedingungen. Mörike hat nach dem Abitur Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Mörike ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter.

Die Kindersportschule,
derzeit getragen von der Stadt und zehn Vereinen, besteht 30 Jahre. Ziel ist es, mehr Bewegung in den Kinderalltag zu bringen.