Bewohner der Weststadt in Kornwestheim sehen ihr Viertel als benachteiligten Brennpunkt und kämpfen gegen eine neue Geflüchtetenunterkunft. Trügt das Sicherheitsgefühl?
Junge Männer, die sich in Hinterhöfen herumtreiben, viel Polizeipräsenz, private Sicherheitsdienste: All das zeige, dass die Weststadt Kornwestheims ein Brennpunktviertel ist. Das sagen zumindest Anwohner und Gegner einer neuen Flüchtlingsunterkunft in der dortigen Bolzstraße. Lässt sich das mit Fakten belegen?
Anlass der Diskussion ist die geplante Umwandlung eines Wohnheims in eine städtische Unterkunft für Obdachlose und geflüchtete Ukrainer. Am Donnerstag entscheidet der Gemeinderat darüber. Eine Bürgerinitiative will die Bewohner westlich der S-Bahn-Trasse in Kornwestheim einen. Ihr Antrieb: Die Weststadt kommt zu kurz, eine solche Unterkunft ist zu viel für das Stadtviertel.
In den letzten Jahrzehnten sind dort viele Mietskasernen entstanden, um den hohen Zuzug aufzufangen. Auch aktuell wird nachverdichtet, zum Beispiel mit dem Neubau an der Poststraße. Außerdem gibt es in der Weststadt bereits eine große Unterkunft – die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes.
Im Rathaus teilt man die Bedenken der BI in Sachen Bevölkerungsdichte und Sicherheit nicht: Das Gebäude in der Bolzstraße als Unterkunft zu nutzen, biete sich an, weil es der Stadt ohnehin gehöre, eine passende Aufteilung habe und der bisherige Mieter gekündigt hatbe. Eine strukturelle Benachteiligung oder gar sicherheitspolitische Probleme sehen Oberbürgermeister Nico Lauxmann und sein Leiter für Sicherheit und Ordnung, Michael Siegel, nicht.
Aufwertungen in der Weststadt
Die Weststadt habe in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Aufwertungen erfahren. Da wäre etwa das Bewohner- und Familienzentrum, das die Stadt zur Quartiersarbeit 1985 eingerichtet hat. Außerdem sind am früheren Salamanderwerk Wohnungen, eine Kita und Gewerbe entstanden. In der Weststadt wurden seit 2001 darüber hinaus drei Spielplätze gebaut und die Jahnhalle modernisiert.
Der Grund für den vorübergehenden Einsatz eines Sicherheitsdienstes ist weniger die Sicherheitslage, sondern in erster Linie unberechtigtes Parken.
Michael Siegel, Fachbereichsleiter Sicherheit und Ordnung
Auf den Vorwurf, dass es wegen der Kriminalität in der Bolzstraße gegenüber des Wohnheims schon einen privaten Sicherheitsdienst gebe, sagt Ordnungsamtschef Siegel: „Der Grund für den vorübergehenden Einsatz eines Sicherheitsdienstes ist weniger die Sicherheitslage, sondern in erster Linie unberechtigtes Parken.“ Der Eigentümer habe zudem auf Hinweise reagiert, dass auf dem privaten Gelände Drogen konsumiert würden.
Polizei sieht keine erhöhte Kriminalität
Ähnlich wie im Rathaus bewertet Jan Farger, Leiter des Polizeireviers Kornwestheim, die Lage. Eine auffällige Häufung bestimmter Straftaten oder von Polizeieinsätzen sei dort nicht zu beobachten.
Aus viel Polizeipräsenz zu schließen, dass ein Viertel ein Brennpunkt ist, liege nicht nahe. „Wir wollen Präsenz zeigen“, sagt Farger. So könne man Straftaten verhindern oder sei als Ansprechpartner gleich vor Ort. Konkret wird der Revierleiter, wenn es um Flüchtlingsunterkünfte geht: Die Zahl der Taten dort und von Menschen, die dort lebten, sei nicht höher als im Rest der Stadt.
Kürzlich war zudem bekannt geworden, dass es im Sommer 2025 eine versuchte Vergewaltigung einer Bewohnerin des Wohnheims in der Bolzstraße gab. „Einen Zusammenhang zwischen dieser Tat und der aktuellen Debatte rund um das Wohnheim in der Bolzstraße und der geplanten Unterbringung von Geflüchteten aus der Ukraine kann aus Sicht der Stadtverwaltung allerdings nicht hergestellt werden“, teilt das Rathaus mit. Der inzwischen verurteilte Täter hatte die Frau bereits am Bahnhof verfolgt – und hätte dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch in jedem anderen Stadtgebiet, getan, so die Stadtverwaltung weiter.