Nach einem mutmaßlichen Angriff mit Hieb- und Stichwaffen geht der Prozess gegen fünf junge Männer weiter. Foto: dpa

Im Prozess gegen fünf junge Männer verliest die Richterin einen Brief.

Kornwestheim - Es ist der Mutter des Angeklagten ein Bedürfnis gewesen, dem Gericht den Sohn in eigenen Worten zu beschreiben. Sie schrieb der Vierten Strafkammer am Landgericht deswegen einen Brief. Eigentlich, so war es der Wunsch der Mutter, hätte diesen nur die Vorsitzende Richterin lesen sollen. Doch das ging nicht. Dass sie Erläuterungen und Informationen nicht für sich behalten könne, sondern allen Prozessbeteiligten zur Verfügung stellen müsse, hatte die Richterin der Mutter gesagt – diese stimmte zu, dass der Brief öffentlich verlesen werden dürfe.

Die Mutter versuchte darin, eine andere Seite des 25 Jahre alten Hauptangeklagten darzustellen. Zur Erinnerung: Schon seit November verhandelt das Landgericht gegen fünf junge Männer. Ihnen wird vorgeworfen, im Februar 2018 ihr Opfer in der Kornwestheimer Dorfwiesenstraße mit Hieb-, Stich- und Schlagwaffen angegriffen zu haben. Die Staatsanwaltschaft beschreibt die Aktion als Racheaktion, als Kampf um Einfluss. Das Opfer des Angriffs gehörte früher einmal den heute verbotenen Red Legions an, einer kurdischen Gruppierung. Die Angeklagten wiederum sollen mit diesen verfeindet und selbst in gangähnlichen Strukturen unterwegs gewesen sein und könnten der mittlerweile ebenfalls verbotenen türkischen Gruppierung Osmanen nahe gestanden haben. Zumindest der 25-Jährige soll wohl mit den Kreisen bekannt gewesen sein.

Bei ihm versucht das Gericht nun zu klären, ob er als Drahtzieher der Attacke – bei der er selbst nicht dabei war – in Frage kommt. Das Schreiben der Mutter zeichnete erwartungsgemäß ein freundlicheres Bild des jungen Mannes. Sie berichtete von seiner schweren Kindheit, von den Konflikten mit dem Vater. Die Trennung der Eltern habe ihm zu schaffen gemacht, er sei in der Folge schnell aggressiv geworden, habe Verhaltensstörungen und Depressionen entwickelt. „Es war für uns alle eine schwere Zeit“, schreibt die Mutter. Und: „Er freundete sich mit den falschen Menschen an, konsumierte Drogen, um den Kopf freizubekommen.“

Auch das Innenleben ihres Sohnes bewertete die Frau: „Innerlich ist er immer noch das verletzte Kind“, sagte sie, schrieb von einem „humorvollen und sensiblen Menschen“ mit „harter Schale und weichem Kern.“

Die Mutter ist sich sicher: Wenn der junge Mann irgendwann wieder auf freien Fuß kommt, dann wird er sein Leben ändern. „Der Wille, sich zu ändern, ist groß in ihm“, schrieb sie. Er wolle eine Familie aufbauen.

Weitere versöhnliche Worte gab es von einem weiteren Angeklagten. Er hatte sich beim vorherigen Verhandlungstag nicht so verhalten, wie das Gericht es gerne sieht. Stattdessen hatte er in türkischer Sprache Beleidigungen gegen den 25-jährigen Mitangeklagten ausgestoßen, außerdem soll eine Drohung in Richtung einer jungen Frau im Publikum gefallen sein.

Nun ließ er von seinem Anwalt verlauten, dass ihm das leid tue. „Er will sich für sein Verhalten entschuldigen.“ Die Richterin goutierte das, zeigte auch Verständnis für die angespannte Gefühlslage der Angeklagten nach etlichen Verhandlungstagen. Sie betonte aber auch: So geht es trotzdem nicht. „Ich spreche kein Türkisch, aber ich kann einen Übersetzer hier dazu setzen“, sagte sie und warnte damit vor weiteren Vorkommnissen.

Zu einem dritten Angeklagten verlas man einen unspektakulären Bewährungsbericht. Am 20. März wird die Verhandlung fortgesetzt.