Das Gebäude in der Lilienthalstraße im Stadtteil Korntal wird eine Flüchtlingsunterkunft. Foto: Simon Granville

In Korntal-Münchingen richtet der Kreis eine Bleibe für Geflüchtete ein – wenig entfernt könnte eine Landeserstaufnahme entstehen. Die Sorgen in der Stadt wachsen.

Weltweit sind laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) rund 120 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Gründe dafür sind vielfältig: Krieg und Gewalt, Menschenrechtsverletzungen, politische, ethnische oder religiöse Verfolgung. „Ein Ende dieser dramatischen Situation ist zurzeit nicht absehbar“, teilt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit.

 

Bund, Länder und Landkreise haben jeweils unterschiedliche Verantwortlichkeiten. Letztlich leben die Geflüchteten in den Städten und Gemeinden, die ohnehin verpflichtet sind, Wohnraum für Geflüchtete nach Abschluss des Asylverfahrens bereitzustellen. Unter welchem Druck Land, Kreise und Kommunen stehen, zeigt sich im Strohgäu: Die Korntal-Münchinger Gemeinderäte befürchten die Häufung von Unterkünften auf engem Raum. CDU-Fraktionschef Oliver Nauth spricht von „Ghettoisierung“ und zitiert dabei eine bereits 2023 von der Kommune beauftragte Sozialstrukturanalyse, die genau davor warne. Auch sei dort von einer bereits belasteten Infrastruktur die Rede – beispielsweise fehlten seit langem Kitaplätze.

Tatsächlich sind im Stadtteil Korntal und dessen unmittelbarer Umgebung neue Unterkünfte beschlossen beziehungsweise werden überlegt. An der Markungsgrenze, in Stuttgart-Weilimdorf, wird eine Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) für bis zu 2500 Personen diskutiert. Der Stuttgarter Gemeinderat tagt am 5. Dezember.

Rund zwei Kilometer entfernt, in der Lilienthalstraße in Korntal, richtet der Landkreis Ludwigsburg für rund 250 Personen bis Oktober 2025 eine Gemeinschaftsunterkunft ein – nahe zweier Mehrfamilienhäuser, in denen die Stadt Korntal-Münchingen bereits Geflüchtete nach Abschluss des Asylverfahrens untergebracht hat.

Der Bürgermeister sieht auch Vorteile in den Plänen des Landkreises

Die Stadtverwaltung teilt laut ihrer Sprecherin Angela Hammer Nauths Befürchtung einer Ghettoisierung nicht: „Da wir bisher immer eine möglichst gleiche Verteilung der Fürsorgewohnungen auf alle Stadtteile angestrebt haben und auch die Gebäudeeinheiten nicht zu groß gewählt haben, sind die Flüchtlinge über das ganze Stadtgebiet verteilt.“ Eine Gemeinschaftsunterkunft sei immer größer ausgelegt, aber in der Stadt fehlten auch die Erfahrungswerte, um die Situation zu bewerten. In jedem Fall forciere die Stadt einen engen Austausch mit dem Landratsamt und dessen Betreuern vor Ort.

Bürgermeister Alexander Noak (parteilos) sieht auch Vorteile: Ohne eine Gemeinschaftsunterkunft müsse die Stadt mit einer jährlichen Zuteilung von rund 90 Geflüchteten rechnen. Die Geflüchteten müssten von der Stadt untergebracht und über städtisches Personal betreut werden – auch wenn bisherige Kapazitäten ausgeschöpft seien.

Alternativ dazu stehe die Unterkunft des Landkreises. Die Stadt bekomme jährlich 80 Prozent, also jährlich 200 Geflüchtete auf die Quote angerechnet. Sie habe somit auch noch „einen Puffer auf die Erfüllungsquote, selbst dann, wenn die Flüchtlingszahlen wieder steigen sollten“, so Noak.

Auch die Gerlinger treibt die Ballung von Flüchtlingsunterkünften um. Dort ist neben der bestehenden Unterkunft in der Weilimdorfer Straße eine zweite geplant. Laut der Stadt soll die Unterbringung für hundert Personen Ende 2026 fertiggestellt sein – die Kapazität am Standort wird damit verdoppelt. Vor allem die Jungen Gerlinger hatten diese Ratsentscheidung kritisiert, sie hielten an einer dezentralen Unterbringung fest. Für die Mehrheit des Gremiums überwog jedoch der Blick auf den Zwang, Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen – ohne dafür öffentliche Hallen belegen zu wollen.

Die Nachbarn in Ditzingen verfolgen die Diskussion aufmerksam

Die Ditzinger verfolgen die Entwicklung in ihrer Nachbarschaft aufmerksam. Allerdings verweist Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos) darauf, dass die Zugriffsmöglichkeiten schon der Standortkommune begrenzt seien. Solange eine Flüchtlingsunterkunft im Bestand nach bestehendem Recht möglich ist, hat selbst die direkt davon betroffene Kommune darauf keinen Einfluss.

Für die Kommunen geht es also darum, mit Land und Landkreis im Gespräch zu bleiben, um die bestmögliche Personalausstattung für die Flüchtlingsunterbringung zu erwirken. „Wir sind im Austausch“, sagt daher auch Makurath, ähnlich wie sein Amtskollege Noak. Die Stadt werde „zu gegebener Zeit überlegen, wir wir uns in die Diskussion einbringen können“.

Das Landratsamt betont die gleichmäßige Verteilung der Geflüchteten auf die Kommunen. Aufgrund der Erfahrungen an den kreisweit aktuell 36 anderen Standorten sei generell ein Sicherheitskonzept erstellt worden. Sollte es beim Betrieb einer Gemeinschaftsunterkunft zu Problemen und Beschwerden kommen, würden mit der Standortkommune Maßnahmen abgestimmt und gegebenenfalls vorübergehend auch mehr Personal eingesetzt.

Die Kommunen selbst finanzieren bereits eigenes Personal, um Geflüchtete im Ort besser zu unterstützen. Der Russland-Ukraine-Krieg hat diese Notwendigkeit noch verstärkt. Ein Beispiel: In Korntal-Münchingen leben derzeit 573 Flüchtlinge. Seit Kriegsbeginn kamen 614 ukrainische Flüchtlinge in die Stadt. Laut dem Landratsamt wurden 2022 kreisweit 7097, im Jahr 2023 insgesamt 1860 und im Jahr 2024 bis Ende Oktober 756 Geflüchtete aus der Ukraine registriert. Für 2025 rechne man mit vergleichbaren Zahlen wie 2024.