Kroatiens Präsidentin Grabar-Kitarovic Eine Konservative auf Kuschelkurs

Von Adelheid Wölfl 

Bei der Fußball-WM in Russland hat die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic einige Sympathiepunkte gesammelt.

Zagreb - Als sie die kroatischen und die französischen Spieler bei strömendem Regen umarmte, wirkte sie genauso volksnah, wie sie es sein will, ohne jegliche Künstlichkeit. Kolinda Grabar-Kitarovic ist genau deshalb bei Weitem die beliebteste Politikerin Kroatiens. Als sie 2015 zur Präsidentin gewählt wurde, wollte sie nicht in den für Tito gebauten Präsidentenpalast auf den Hügeln über Zagreb einziehen, sondern mitten in der Stadt arbeiten und leben. Doch das Protokoll ließ das nicht zu.

Das Protokoll ist nicht unbedingt ihre Sache. Die spontane Offenheit, die sie nun als Fußballfan in Russland zur Schau trug, wurde in Kroatien von jenen gerügt, die sie gerne distanzierter sehen würden. Im Ausland kam ihr Auftritt jedoch gut an. Fast wirkte die 50-Jährige wie eine Cheerleaderin – ein „American Girl“ jedenfalls. Tatsächlich ging sie bereits als Jugendliche im Rahmen eines Austauschprogramms für einige Zeit nach Los Alamos (New Mexico).

Grabar-Kitarovic stammt aus einer konservativen Familie

Grabar-Kitarovic wuchs im Hinterland von Rijeka auf, ihr Vater war Fleischhauer, und sie wollte als Jugendliche Stewardess werden. Dann studierte sie Spanisch und Englisch in Zagreb und besuchte Mitte der 1990er Jahre die Diplomatische Akademie in Wien. Weitere Studienaufenthalte in den USA folgten. 2003 wurde sie Parlamentarierin und kurze Zeit später Ministerin für Europäische Integration.

Als Botschafterin in Washington (2008 bis 2011) und stellvertretende Generalsekretärin bei der Nato (2011 bis 2014) kam ihr die Nähe zu den USA wieder zugute. Bereits damals wurde sie als willensstark bis stur wahrgenommen, jedenfalls als äußerst durchsetzungsfähig. Ihre Kollegen in der Nato sollen sie „Swambo“ genannt haben – eine Abkürzung für „She who must be obeyed“ – also „die, der man gehorchen muss“. Auch als Staatschefin versucht Grabar-Kitarovic möglichst viel Einfluss zu nehmen, obwohl die Verfassung nur vorsieht, dass sie bei den Bestellungen der Botschafter und Konsule, der hochrangigen Militärs und der Geheimdienst-Direktoren mitreden kann. In der Vergangenheit gab es deswegen einige Konflikte mit der Regierung. Grabar-Kitarovic hat ein kompliziertes Verhältnis zu Premierminister Andrej Plenkovic, der zwar aus derselben Partei kommt, aber viel liberaler ist als sie und der durchschnittliche HDZ-Wähler.

Sie gibt sich als Anwältin des Volkes

In ihrer Heimatpartei, der konservativen HDZ, der sie 1993 beitrat, wird sie dem rechten Flügel zugerechnet, zu dem sie auch als Präsidentin ausgezeichnete Kontakte pflegt. Sie stellt sich gerne hinter die Militärs, ist gegen die Schwulen-Ehe, sie äußerte sich positiv gegenüber dem verurteilten Kriegsverbrecher Slobodan Praljak, der sich vor ein paar Monaten das Leben nahm, und sie bezeichnete den revisionistischen Marko Perkovic alias Thompson einmal als ihren Lieblingssänger.

Als Staatschefin versucht sie, die Volksanwältin zu spielen und die Regierung dazu anzutreiben, die Anliegen der einfachen Leute zu thematisieren. Sie besucht immer wieder kroatische Städte, um für die Bürger greifbar zu sein. Die Leute mögen sie, weil sie stolz ist, aus einer einfachen Familie zu kommen. Die Katholikin heiratete 1996 Jakov Kitarovic, mit dem sie zwei Kinder, Katarina und Luka, aufzieht.

Mitunter tritt sie als eine Art Schattenaußenministerin auf. In Moskau nutzte sie angeblich die Gunst der Stunde, um mit Präsident Wladimir Putin über die Ölraffinerie in Slavonski Brod zu sprechen, in der russisches Geld investiert wurde. Als außenpolitisch problematisch wird ihre Beziehung zu den radikalnationalen Kroaten im Nachbarland Bosnien-Herzegowina gesehen. Grabar-Kitarovic mischte sich in die dortige Politik ein und forderte eine Reform des Wahlgesetzes zugunsten der Kroaten im Land, von denen viele einen kroatischen Pass haben und sie damit auch gewählt haben.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie Ende 2019 eine weitere Amtszeit als Präsidentin antreten wird. Dann wird sie wohl wieder die Regierung vor sich hertreiben und Fußballer umarmen.

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