Zeigt sich über die Enthüllungen schockiert: Nigerias Präsident Muhammadu Buhari Foto: dpa/Michael Kappeler

In Nigeria werden immer mehr sogenannte Koranschulen geschlossen. Dort sollen Jugendliche und Kinder massiv misshandelt worden sein. Die Details sind erschütternd.

Abuja - Keine Woche vergeht ohne eine neue haarsträubende Enthüllung. Allein in diesem Monat hob die nigerianische Polizei im Norden Nigerias vier angebliche Koranschulen aus, in denen Hunderte der jugendlichen Insassen – manche waren gerade mal fünf Jahre alt – gefesselt, geschlagen und sexuell missbraucht worden sind. Präsident Muhammadu Buhari kündigte die Schließung aller derartigen „Folterschulen“ an. Insgesamt besuchen im muslimischen Norden des bevölkerungsreichsten afrikanischen Staats rund zehn Millionen Jugendliche regelmäßig Koranschulen.

 

Der vorerst jüngste Fall wurde aus Daura im Bundesstaat Katsina, der Heimat des Präsidenten, gemeldet. Dort befreite die Polizei jetzt mehr als 70 Jugendliche und Männer im Alter zwischen sieben und 40 Jahren, die nach ihrer Rettung zum Teil ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Sie seien „wie Tiere“ behandelt worden, sagte Rabiu Umar der BBC: „Ich erhielt jeden Tag 30 Peitschenhiebe, zehn am Morgen, zehn am Mittag und zehn am Abend.“ In einem einzigen Raum hätten 40 Insassen ohne Decken und Matratzen schlafen müssen: Was sie zu Essen bekamen, „hätte nicht einmal einem Hund geschmeckt“.

Hunger, Schläge, sexueller Missbrauch

Der Eigentümer der Schule habe sich jeden Abend zwei oder drei junge Männer ausgesucht, um sie in sein Haus mitzunehmen. „Er machte mit ihnen, was er wollte. Und wenn sie seinen Wünschen nicht nachkamen, befahl er den Wärtern, sie zu foltern.“ Die meisten der Insassen hätten wegen des Schmutzes unter Hautausschlägen und wegen ihrer Behandlung unter psychischen Störungen gelitten. „Wir mussten Hunger, Schlaflosigkeit, Schläge und sexuellen Missbrauch aushalten. Mir fehlen die Worte, um das alles zu beschreiben“, fügte der gut 20-Jährige hinzu, bevor er in Tränen ausbrach.

Seine Eltern hätten ihn in das Rehabilitierungszentrum gebracht, weil er die Schule geschwänzt habe, fuhr Umar fort. Sie hätten monatlich rund 80 US-Dollar Schulgeld bezahlt – in dem Glauben, dass er eine religiöse Ausbildung bekommen würde. „Doch man hat uns überhaupt nichts gelehrt“, berichtete Umar: „Wir haben nicht einmal gebetet.“ Als die „Schule“ von der Polizei ausgehoben wurde, flohen einige der Insassen. Sie trauten offenbar den Beteuerungen nicht, dass ihre Qual nun zu Ende sei.

„Ich hatte keine Ahnung, was sich hier abspielt“

Die Almadschiris genannten Koranschulen sind im Norden Nigerias eine feste Einrichtung. Vor allem ärmere Familien geben ihre heranwachsenden Jungen oft in die Lehranstalten, wo sie den auf Arabisch geschriebenen Koran lesen lernen und ihren Lebensunterhalt meist durch Betteln verdienen. Bei den jetzt ausgehobenen Einrichtungen handelt es sich um eine verschärfte Version solcher Zentren. Einige der Eltern zeigten sich nach den jüngsten Razzien entsetzt über die tatsächlichen Vorgänge in den „Folterschulen“, andere fragten sich nur ratlos, wo sie jetzt ihre Kinder unterbringen sollen.

Bereits im Juli hatte Präsident Buharieine Revision der Koranschulen angekündigt, sich aber gegen eine sofortige Schließung aller derartigen Einrichtungen ausgesprochen. Zuerst müssten Alternativen für die Schüler gefunden werden, hieß es. Jetzt aber ordnete Buhari die sofortige Schließung an: „Keine verantwortliche Regierung kann die Existenz von Folterkammern und körperlichem Missbrauch im Namen angeblicher Erziehung dulden“, hieß es in einer Stellungnahme des Regierungschefs. Die Polizei nahm bereits mehrere Eigentümer der „Folterschulen“ und deren Wachpersonal fest. „Mir tut es schrecklich leid, dass ich meinen Sohn hier hergeschickt habe“, zitiert Reuters den Vater eines Insassen, Alhaji Lawal Garka: „Ich hatte keine Ahnung, was sich hier abspielt.“