Aufreger im Kaufhaus-Schaufenster: Breuninger setzt auf Kopftuch. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Einst ging die anständige Frau nicht ohne Kopfbedeckung aus dem Haus. Heute ist ein Kopftuch ein Politikum und steht schnell unter Islamisierungsverdacht. Aber warum ist der Bart, den inzwischen ein Großteil der Männer trägt, da außen vor?

Stuttgart - Man vermutet das Kaufhaus Breuninger „auf Islamisierungskurs“, weil es der Jahrzehnte währenden modischen Askese in Jeans und T-Shirt, in Aschgrau und Schmutzfarben einen bunten Sommer prophezeit, in dem die Frauen in Farben ertrinken und sich vorsichtshalber deshalb vielleicht auch Kopftücher aufsetzen werden.

Ist der Islam tatsächlich so bunt, schwelgt er wirklich in Blütenpracht, liebt er die kurzen Röcke und die High Heels, in denen die Schaufensterpuppen werben, schätzt er die Frau, die sich von so viel Tand verführen lässt und zum Scherz auch noch ein grellfarbiges Kopftuch aufsetzt?

Das ist nun eben europäische Modetradition, der dauernde Wechsel: Nach grau kommt bunt, nach bunt grau, nach Hose kommt Rock und so weiter. Diesmal wird die Mode, die die Achtundsechziger der sich emanzipierenden Frau vorgeschlagen haben, die Hosenmode, die es ihr erlaubte, wie ein Mann in der Öffentlichkeit sich schnell und wendig zu bewegen, durch eine Rückkehr zur Mode der fünfziger Jahre ein wenig aufgemuntert. Die Frau geht jetzt nicht mehr als Revolutionärin der Emanzipation in die Disco oder zum Gartenfest, sondern so, wie die Schülerin 1958 etwa, zur Abiturfeier: kurzes Röckchen, nettes Blüschen, die ersten Stöckelschuhe und ein Kopftuch, kess geknotet.

Die Achtundsechziger verordneten den Frauen das offene Haar

Nun allerdings hatte das Kopftuch – und da es gerade so ernst genommen und sein Tragen politisch aufgeladen wird, ist diese historische Erinnerung sehr nötig – Anfang der sechziger Jahre in der Tat einen geradezu politischen und aufklärerischen Zweck. Man hat es ganz vergessen, dass noch in der gesamten Nachkriegszeit die „anständige“ Frau auch bei uns ohne Kopfbedeckung nicht auf die Straße durfte – eine Mutter, eine Tante, eine Schwiegermutter ohne Hut!? Das wäre ungezogen gewesen – und ein Bekenntnis zu den losen Mädchen, die allerdings frech genug waren, schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit bloßem Haupt den Anstand zu brüskieren. Gegen diese Avantgarde betonte die Restauration der Nachkriegszeit noch einmal die gute Sitte auch für die junge Dame – und zu Recht führt der Geschäftsführer von Breuninger als Vorbild die Filmschauspielerinnen jener Jahre an. Man setzte damals das Kopftuch auf und nutzte den modischen Pfiff, denn man konnte diesen Lappen, anders als den steifen Hut, sobald er unbequem, warm, eng wurde, in der Tasche verschwinden lassen. Das Kopftuch war der Kompromiss der neuerdings berufstätigen Frau, die es aus beruflichen Gründen eilig hatte. Was die Schauspielerin vorführte, war die Mode der Sekretärin, jener Frau, die als erste die Chancen zu einem Beruf ergriffen hatte. Erst danach kamen die Achtundsechziger, die auch das Kopftuch verbannten und den Frauen das offene Haar verordneten – ein Skandal damals, heute eine Alltäglichkeit, weil diese Haartracht, die keine mehr ist, gar so wenig Aufwand kostet.

Dass sich kaum einer mehr an das Kopftuch als Provokation der guten Sitte erinnert, verwundert nicht; nur so aber ist es möglich, dieses Accessoire in der veränderten Situation unserer hypermoralischen Willkommenskultur als Anbiederung an den Islam zu sehen.

Ein Kopftuch macht Frauen nicht weniger selbstbewusst

Dabei könnte die Frau, die kleinlich um ihre Emanzipation besorgt ist, gerade in der Haltung derer, die die Kopftuchträgerin rügen, ein Stück Islam entdecken: Warum sind es wieder Männer, die wieder Frauen der Political Incorrectness anklagen und sie zur Ordnung rufen? Haben diese Moralapostel bislang die Islamisierung ihrer Geschlechtsgenossen überhaupt nicht bemerkt? Warum ist der Bart, den inzwischen ein Großteil der Männer trägt, und zwar ganz in Schnitt und Stil der islamischen Einwanderer, keine Islamisierung des Mannes? Warum gilt dies nur für die Frau mit Kopftuch?

Weil bei Männern jeder weiß, was er bei Frauen nicht wissen will: dass der bebartete Mann seine dekolletierte Freundin nicht anders behandelt als zuvor, da er keinen Bart hatte. Ebenso wird die Kopftuchträgerin nicht weniger selbstbewusst ihren Männern gegenüber sein. Es ist eines der wesentlichen Merkmale der europäischen Mode seit dem 19. Jahrhundert, dass sie Ernst in Spiel verwandelt, Symbole, an die eine Kultur noch glaubt, in Accessoires und dass sie so ihrer spottet.

Mode betreibt immer Entheiligung. Man konnte hierzulande auch schon Cowboy und Seemann sein, Hofdame oder Columbine. Die Mode ist ein Ausdrucksmittel, das vor allem mit Parodie arbeitet. Der bebartete Mann auf der Königstraße und seine betuchte Frau sind bestenfalls Parodien auf den Islam, nicht Bekenntnis zu ihm. Beim Auftritt dieses Paares hätte der Islam zu lernen, wie frei man mit sich und seinem Körper umgehen kann – und zwar bei uns und nach der Aufklärung, die alle Wahrheitsfragen relativierte und ihre Details dem modischen Spiel überließ.

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