Foto: dpa/Laura Lewandowski

Religiöses Symbol und modisches Accessoire – was das Kopftuch im jeweiligen Kontext bedeutet, darüber hat eine Kulturanthropologin in Stuttgart gesprochen.

Stuttgart - Eine junge Frau sitzt am Steuer eines offenen Cabrios. Sie fährt durch die Stadt, zieht Blicke auf sich. Sie trägt eine große Sonnenbrille, und der Fahrtwind lässt ihr modisches Kopftuch ein wenig flattern. Ein Bild, das eine Debatte auslösen könnte? Wohl kaum. Dann steigt sie aus und: trägt noch immer ihr Kopftuch. Doch jetzt ist dasselbe Kleidungsstück von einem Augenblick auf den anderen kein modisches Accessoire mehr. Plötzlich ist die junge Frau als Muslima und die Kopfbedeckung, die vielleicht eben noch bewundert wurde, für viele als ein Symbol ihrer Unterdrückung zu erkennen.

Es ist ein Gedankenspiel. Aber eines, dass – zumindest in westlichen Gesellschaften – irritiert: Religiöses Symbol und modisches Accessoire? „Die Möglichkeit der Wandelbarkeit des Symbols Kopftuch wird bei Muslimen nicht unterstellt“, sagt die deutsche Kulturanthropologin Fatma Sagir. Die Wissenschaftlerin der Universität Freiburg untersucht popkulturelle Ausprägungen unter islamischen Jugendlichen. Am Donnerstagabend ist sie eine von drei muslimischen Frauen, die auf Einladung des Hauses der Geschichte und im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Hut ab!“ über das „Symbol Kopftuch“ auf dem Podium des Otto-Borst-Saals diskutieren. Was dieses häufig so umstrittene Symbol im jeweiligen Kontext tatsächlich bedeutet, werde häufig vom Betrachter für sich entschieden, ohne dass die Person dazu befragt wurde, sagt Sagir. Keine gute Voraussetzung für eine offene gesellschaftliche Debatte.

Kopftuch keine Voraussetzung für Gläubigkeit

Fragt man Jwanita Khatib-Saleh, warum sie das Kopftuch trägt, fällt die Antwort jedoch eindeutig aus: „Es ist für mich ein Gottesdienst“, sagt die in Deutschland aufgewachsene Tochter palästinensischer Eltern, die sich im Stuttgarter Verein coexist engagiert. Für sie sei wichtig, „die Deutungshoheit“ darüber zu behalten, was das Kopftuch für sie bedeute. Den religiös motivierten Zwang zum Kopftuch lehnt auch sie ab.

Die Autorin Emel Zeynelabidin, die über 30 Jahre lang Kopftuch getragen und es 2005 bewusst abgelegt hat, kann, wie sie sagt, auch ohne eine gläubige Muslimin sein. „Ein erwachsener Gläubiger muss anders glauben als ein Kind.“ Oder anders ausgedrückt: Das Kopftuch ist keine Voraussetzung dafür, eine gläubige Muslimin zu sein. Sollen also alle Muslima am besten ihr Kopftuch ablegen? Die Frage von SWR-Redakteur Mark Kleber, der das Podiumsgespräch moderiert, verneint Zeynelabidin vehement: Diese Erkenntnis setze einen Lernprozess voraus, den die muslimischen Frauen in der deutschen Gesellschaft selbst durchleben sollen. Ein gesetzlich verordnetes Kopftuchverbot lehnt die Kopftuch-Gegnerin deshalb ab: „So ein Prozess dauert Jahre“, sagt sie. „Würde man die Frauen zwingen, ihr Kopftuch abzulegen, wäre das, wie wenn man sie zwänge, sich zu entblößen.“

Offene Debatten unter jungen muslimischen Frauen

In diesem Zusammenhang macht die Kulturanthropologin Fatma Sagir darauf aufmerksam, dass es vor allem im digitalen Raum viele junge Musliminnen gibt, die genau diese Auseinandersetzungen mit ihrem Glauben bereits engagiert führen: „Das Internet wird von diesen oft sehr jungen Frauen genutzt, um sich auszuprobieren.“ Das führt mitunter dazu, dass dort die religiösen Vorstellungen von Züchtigkeit durch explizite Posen, ausgeprägtes Make-up und anderes gebrochen werden, obwohl die Frauen gleichzeitig ihr Kopftuch tragen. „Es gibt Musliminnen mit Kopfbedeckungen, die gepierct sind, die Tätowierungen tragen oder offen lesbisch leben.“ Diese Realität sei vielen außerhalb dieser Lebenswelt völlig fremd.

Genau diese offene Debatte unter jungen muslimischen Frauen in Deutschland macht Fama Sagir jedoch auch optimistisch für die Zukunft: „Werden sich die Muslime dahingehend entwickeln, dass sie es ohne mit der Wimper zu zucken annehmen, wenn eine Frau das Kopftuch anzieht und auch wenn sie es auszieht?“ Die Wissenschaftlerin hat jedenfalls große Hoffnung, dass die junge Generation von Muslimen und Nicht-Muslimen diesbezüglich ein ganz anderes Bewusstsein für ihr Zusammenleben entwickeln.

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