Zwischen Bescheidenheit und Starpose: Clueso am Freitagabend beim Konzert in Stuttgart Foto: Oliver Willikonsky/Lichtgut

Wir lassen uns das Singen nicht verbieten: Auch nach dem Ausscheiden der Fußballnationalmannschaft taugt das Lied „Zusammen“, das Clueso mit den Fantastischen Vier eingespielt hat, als Partyhymne. Das Konzert des Erfurters beim Mercedes-Benz-Konzertsommer kann das beweisen.

Stuttgart - Das frühe Aus der deutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft hat nicht nur bei hiesigen Biergartenbetreibern und Fanartikelverkäufern für heftige Kollateralschäden gesorgt, sondern auch in der heimischen Musikszene: Wer braucht schon eine Feierhymne, wenn es nichts zu feiern gibt? Der von Clueso und den Fantastischen Vier eingespielte Partypopsong „Zusammen“, gedacht als Zusammengehörigkeitsgefühle stimulierender Soundtrack für Public-Viewing-Abende und Autokorsos, versandete in diesen Wochen jedenfalls mindestens so sehr wie das Vertikalspiel von Reus, Özil & Co.

Aber immerhin: Die Karriere des Erfurter Popmusikers ist inzwischen relativ immun gegen solche externen Querschläger. Gut fünftausend Fans lockt Clueso am Freitagabend nach Cannstatt; damit ist sein Auftritt beim Mercedes-Benz-Konzertsommer zwar nicht ganz ausverkauft, aber allemal ordentlich besucht. Tagsüber betreibt die Eventabteilung des Automuseums hier während der Sommermonate eine vielfältige Erlebniswelt mit Improvisationstheater, Zaubershow oder Tigerentenrodeo, abends gibt’s Open-air-Kinoevents und auch mal ein Konzert.

Clueso als familienfreundlicher Sympathieträger

Mit Clueso haben die Veranstalter einen für diesen Zwecks fast idealen Künstler gefunden. Der 38-Jährige ist ein Sympathieträger, auf den sich ein bunt gemischtes Publikum problemlos verständigen kann; sein Sound ähnlich familienfreundlich wie das Rahmenprogramm und dabei juvenil genug, um auch jüngere Fans anzusprechen. Nachdenklich, zugänglich und gut gelaunt zeigt sich Clueso beim Auftritt in Stuttgart, wenn auch mit einem Hang zu inflationärer, musikalisch meist kaum untermauerter Besucheranimation. Begleitet wird er bei seinem Grenzgang zwischen Bescheidenheit und Starpose von einer achtköpfigen Band – darunter drei Bläser – mit gefälligem Gruppenspiel. Ein freundlich-ausgewogener Grundton, eine „wird schon werden“-Haltung durchzieht so das rund zweistündige Programm, vom Antidrogensong „Chicago“ über Liebes- und Befindlichkeitslieder wie „Wenn du liebst“ und „Pizzaschachteln“ bis zum melancholischen Finale „Barfuß“.

Die Musik dazu meidet, dem Tenor der Kompositionen folgend, allzu explizite Klänge und groovt stattdessen nach allen Seiten offen durch die Genres. Wie ein Schwamm hat Clueso in knapp zwanzig Karrierejahren allerlei Sounds von Reggae und Rap bis Pop und Songwritertum in sich aufgesogen, in Stuttgart tritt diese Vielfalt ungefiltert zu Tage. Bruce Springsteens „I’m on Fire“ wird da ebenso beiläufig adaptiert wie die Puhdys-Gemme „Wenn ein Mensch“ oder – hübsch rhythmisiert und bläserverstärkt – Udo Lindenbergs „Cello“. Doch gleitet diese Homogenität bisweilen auch in Konturenlosigkeit und Beliebigkeit ab. Man erschrickt fast, wenn die E-Gitarre mal etwas härter zupackt – wobei man sich das Zupacken hier etwa so vorstellen muss wie das Zweikampfverhalten von Sami Khedira gegen Südkorea.

Zwischen After-Work-Party und Popkonzert

Aber diese meist moderate Haltung passt recht gut zu einem lauen Sommerabend und in diese zwischen Benz-Museum und Benz-Niederlassung eingepasste und mit reichlich Feierabendschwerverkehr von der einen halben Steinwurf entfernten B 14 garnierte Location. Mit Imbissbuden, Bierbänken und Liegestühlen ist deren hinterer, etliche dutzend Meter von der Bühne entfernter Bereich eher als Chilloutzone angelegt denn als Konzertarena, aber der Clueso-Sound eignet sich für beide Areale: Vor der Bühne wird eifrig gewedelt und mitgesungen, hinten wird der Auftritt zur Begleitmusik für einen Abend mit Veggie-Sandwich, Burger vom Albrind und ein paar Drinks.

So funktioniert dieser Auftritt gleichermaßen als After-Work-Party wie als Popkonzert – wobei die Spannungskurve nach rund der Hälfte des Sets hörbar einknickt. Dann ist das Clueso’sche Lebensgefühl hinreichend auserzählt, das ein oder andere Duett mit Gästen wie der Sängerin Kat Frankie abgearbeitet, ehe kurz vor Schluss der schräge Elektrorock „Out of Space“ nochmals aufhorchen lässt. Ach ja: „Zusammen“ spielt Clueso selbstverständlich auch – und deklariert dieses musikalische WM-Opfer kurzerhand zum „ersten Vorrundenhit der Musikgeschichte“ um.

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