Wer Geld übrig hat, soll künftig die Möglichkeit haben, mehr für sein Konzertticket zu bezahlen. Für arme Fans wird die Show dann billiger – zumindest im Club.
An kleinen Clubkonzerten verdient in Stuttgart in der Regel kaum jemand Geld. Wenn er eine Band für das Goldmark’s bucht, sei es aufgrund der hohen Produktionskosten bereits ein Erfolg, als örtlicher Veranstalter nicht draufzahlen zu müssen, sagt Paul Woog, der Geschäftsführer von Russ Live, einer der vier großen Veranstalter von Popkonzerten in Stuttgart. Üblicherweise müsse der Veranstalter aber „Geld mitbringen“, klagt er. Auch die Band selbst kommt in der Regel kaum auf den gesetzlichen Mindestlohn pro Stunde, schon gar nicht, wenn man An- und Abreise sowie Soundcheck mitrechnet, von Proben ganz zu schweigen.
Weil der Geschäftsführer der Pop-Sparte der SKS Michael Russ GmbH findet, dass trotzdem Konzerte auch vor kleinem Publikum weiterhin stattfinden sollen, und „um auch Besuchern mit geringeren finanziellen Möglichkeiten weiterhin den Besuch von Clubshow und -konzerten zu ermöglichen“ – wie es in einer Mitteilung von Russ Live heißt –, setzt Paul Woog seit kurzem auf ein neues Verfahren, das auf einem alten Hut basiert.
Früher ging der Hut rum, jetzt werden Tickets freigeschaltet
Diese Kopfbedeckung nämlich ging seit Ewigkeiten immer dann im Publikum rum, wenn Band und Veranstalter fanden, dass die einen mehr zahlen könnten und auch sollten als die anderen. Bei Straßenmusik zum Beispiel, aber seit Jahrzehnten auch beim Sommermusik-Festival des Kulturcafés Merlin. Die modernisierte Hut-Variante von Russ Live führt nun sogenannte Supporter-Tickets ein, die sogenannte Soli-Tickets ermöglichen.
Und das funktioniert laut Russ Live so: „Wer beim Ticketkauf für ausgewählte Shows über das Ticketsystem Eventim ein wenig Budget übrig hat und jemanden etwas Gutes tun möchte, hat die Möglichkeit, sich ein etwas teureres Supporter-Ticket zu kaufen und damit ein Soli-Ticket freizuschalten. Auf dieses können wiederum Fans zugreifen, die sich ein Ticket zum regulären Preis nicht leisten können.“ Was „etwas teurerer“ jeweils bedeutet, legt Russ Live jeweils vorher fest.
Wer beim Kauf eines Tickets der französischen Punkband Not Scientists Mitte November im Goldmark’s, das regulär 25,95 Euro kostet, armen anderen Fans den Konzertbesuch ermöglichen möchte, kann für 6 Euro zusätzlich und mithin 31,95 Euro mittels Supporter-Ticket den Preis eines dann auf diese Weise entstehenden Soli-Tickets um 6 Euro auf 19,95 Euro drücken. „Bitte kauft das ermäßigte Ticket nur, wenn Ihr es sonst nicht zahlen könntet“, steht auf der Website von Eventim. Wenn mit mehr Supporter- als Soli-Tickets Geld übrig bleiben sollte, fließe der Überschuss ins nächste Konzert.
Das ist bisher allerdings noch nicht geschehen, denn für das erste Konzert im Rahmen der neuen Solidaritäts-Finanzierung am 26. Mai sei kein einziges Supporter-Ticket verkauft worden, sagt Paul Woog: Niemand hat mehr Geld als nötig für das Konzert der Truckfighters im Wizemann bezahlt. Und für die kommenden Konzerte der Starbenders im Goldmark’s (16. Juni), von Steel Panther im LKA Longhorn (8. Juli), der Kiss Forever Band im LKA Longhorn (26. September) und eben der Band Not Scientists im Goldmark’s (20. November) seien bisher insgesamt „weniger als zehn“ Supporter-Tickets verkauft worden.
Das Projekt müsse erst noch bekannt werden, sagt Paul Woog, es handle sich um einen „Ballon, den wir testen“. Russ Live habe nach einem unkomplizierten Weg gesucht, möglichst vielen Fans den Besuch von Clubkonzerten zu ermöglichen, und das ausgetüftelte System sei „besser, als einen Verein zu gründen mit einer Satzung, wo wir uns vier Mal im Jahr treffen“.
Bei großen Konzerten veritabler Popstars, die richtig ins Geld gehen, sei eine Preisgestaltung vonseiten des Veranstalters in der Regel nicht möglich, sagt Woog. Und die Zeiten, wo ein Großkonzert viele Clubkonzerte querfinanziert, seien lange vorbei. Mittlerweile gibt es verschiedene ähnliche Angebote, etwa das „Sozialticket“ des Berliner Tourneeveranstalters KKT GmbH oder das Projekt „Kultur für alle“ der Stadt Stuttgart, das sich an die etwa 70 000 Inhaber der Bonuscard + Kultur richtet. Bei diesen Konzepten muss – im Gegensatz zum neuen Russ-Programm – ein Nachweis der Bedürftigkeit erbracht werden, ehe Tickets vergünstigt gekauft werden können.