Multitalent Vincent Klink, Saxofonist Frank Kroll und Pianist Patrick Bebelaar (v.l.n.r) geben im Stuttgarter Theaterhaus ein Geisterkonzert. Foto: Gabriele Metsker

Die Theaterhaus Jazztage mussten 2020 ausfallen. Aber Jazz gibt es trotzdem. Mit Pianist Patrick Bebelaar, Saxofonist Frank Kroll und Multitalent Vincent Klink auf der Bühne. Und für die Zuschauer zu Hause als Livestream.

Dort, wo sonst vor der Halle T2 im Theaterhaus Menschen beieinanderstehen und sich angeregt unterhalten, ist es leer. Fast jedenfalls. Am Boden liegen Kabelstränge, welche die beiden Mischpulte und die Monitore mit den entsprechenden Steckdosen verbinden. Kein freudiges Stimmengewirr, kein nettes Lächeln an der Türe, wo sonst die Eintrittskarten gescannt werden. Stattdessen wenige Techniker, die konzentriert alle Parameter prüfen und dabei auf Abstand bleiben. Kultur in Corona-Zeiten.

Drin im Saal reiht sich nicht Haarschopf an Haarschopf, dafür sind zwei Mikrofone und vier Kameras aufgebaut. Im Theaterhaus wird an diesem Abend live gestreamt. Wenn das Publikum nicht zum Kulturgenuss auf den Pragsattel kommen darf, kommt die Kultur eben zu den Menschen nach Hause. An diesem Abend ist es bereits die vierte Veranstaltung seit des Lockdowns am 13. März.

Die Theaterhaus Jazztage mussten 2020 ausfallen, aber Jazz gibt es trotzdem. An diesem Abend finden sich Pianist Patrick Bebelaar, Saxofonist Frank Kroll und Multitalent Vincent Klink auf der Bühne ein. Klink, vor allem als illustrer Koch und Inhaber des Restaurants Wielandshöhe bekannt, wird bei diesem Livestream die Querflöte blasen und aus seinen Memoiren lesen. Alles getreu dem Motto: „Immer dem Bauch nach“.

Den Faden zum Publikum nicht abreißen lassen

Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier nimmt, wie sonst auch, das Mikro und begrüßt das Publikum – zuhause eben. „Wir möchten ein klein wenig beweisen, dass es uns noch gibt“, sagt er. Und das virtuelle Lebenszeichen, so haben es die Streams bewiesen, die schon stattgefunden haben, kommt beim Publikum gut an. Den Auftakt hat der Film gemacht, den der damalige SDR anlässlich der Eröffnung des Theaterhauses vor 35 Jahren gedreht hatte, danach kamen zwei Abende mit Walter Sittler und seiner Kästner-Erzählung.

Jeweils um die 2000 Menschen haben sich zugeschaltet, und sie haben sich wohl gut unterhalten gefühlt, so die Rückmeldungen. „Es sind Freunde des Hauses. Menschen, die uns verbunden sind“, sagt Schretzmeier. Und die drei Jazzer bestätigen das. Sie möchten den Faden nicht abreißen lassen. Nicht den zum Theaterhaus, aber auch nicht den zu ihrem Publikum – und auch nicht jenen, der sie untereinander verbindet. Sie kennen sich schon lange. Bebelaar und Kroll verbindet eine mehr als 20-jährige Freundschaft, die einst an der Musikhochschule begann. Klink und Bebelaar kennen sich zumindest schon seit einem Jahrzehnt. Als Trio sind sie in dieser Form allerdings noch nicht aufgetreten. Das ist dem gut einstündigen Programm nicht anzumerken. Als Jazzer sind sie ohnehin spontan, aber sie spielen die Stücke auch in wechselnden Besetzungen. Wenn Klink erzählt, wie er als 18-jähriger Azubi sehr eindrückliche Erfahrungen mit dem Jazz im Allgemeinen und einem Jazz-Bassisten im Besonderen machte, lauschen die beiden anderen.

Kamera und Ton gilt es zu überwachen

Konzentriert sei die Atmosphäre im leeren Saal gewesen, sind die drei sich nach dem Ende des Konzerts einig. Frank Kroll meint, es sei ein bisschen still gewesen. Und tatsächlich ist es schon irgendwie komisch, dass die gesamte Zeit über kein Papierchen knistert, kein Klappsessel quietscht und sich niemand räuspert. Und der Applaus – na ja. Die drei beklatschen sich gegenseitig, aber das reicht an den akustischen Donnerhall eines echten Applauses natürlich nicht heran. Vom lautstarken Einfordern einer Zugabe einmal ganz abgesehen.

Vincent Klink kommentiert die Abwesenheit des Publikums mit Humor: Der Zuschauerraum sei ja sonst auch dunkel, meint er. Da sehe man gar nicht soviel. Bis auf die ersten Reihen vielleicht. Und da, so schmunzelt er, werde er beim Livestream zumindest nicht abgelenkt, durch ein besonders schönes Dekolleté etwa.

Während drinnen also Musik und Wort für Kurzweil sorgen, wählt Werner Schretzmeier an einem der Monitore die Kameraeinstellung, die jeweils im Livestream erscheinen soll. Veranstaltungstechniker Ruben Hauf überwacht den Ton. An den werden bei einem Livestream nämlich andere Anforderungen gestellt als bei einem Livekonzert.

Livestream ist eine neue Erfahrung für das Theaterhaus

Insgesamt neun Mikros nehmen den Klang direkt an den Instrumenten sowie im Raum ab. Daraus gilt es, die optimale Mischung herzustellen. Denn eine direkte Übertragung des Raumklanges würde seltsam klingen, so Hauf. Schon allein deswegen auch, weil keine Menschen im Saal seien und die Akustik dadurch ziemlich hallig werde. Auch für ihn ist der Livestream eine neue Erfahrung. Denn sonst sitzt er im Saal mitten im Geschehen. „Es ist schon distanzierter“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Aber man kann sich draußen auch mal kurz unterhalten.“

Die Kameras und die Monitore, die sie zu viert über mehrere Tage aufgebaut und angeschlossen haben, werden zunächst wohl noch eine Weile stehen bleiben. Ideen für weitere Livestreams hätten sie jedenfalls noch in petto, versichert Werner Schretzmeier. 

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