Olivia Vermeulen und Jan Philip Schulze haben für ihre erotischen Lieder aus fünf Jahrhunderten unter dem Titel „Dirty Minds“ den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2020 bekommen. Foto: Reiner Pfisterer

Auf der Homepage der Hugo-Wolf-Akademie gibt es an jedem ersten Sonntag eines Monats eine neue Konzertaufzeichnung zu sehen. Ab 6. Juni zum Beispiel „Dirty Minds“ mit Olivia Vermeulen (Mezzosopran) und Jan Philip Schulze (Klavier).

Stuttgart - Die Luft schmeckt nach Salz, das Donnern der aufgepeitschten Wassermassen lässt das Innerste erbeben – ist das nicht kalte Gischt auf der Haut? Die Verse von Friedrich Schillers Ballade „Der Taucher“ erschüttern schon beim bloßen Lesen durch ihre Sprachgewalt. Durch die bildmächtige Musik Franz Schuberts wird der Sog des geschilderten Dramas jedoch unwiderstehlich.

Vergessen sind die Kameras vor der Bühne, unwichtig, dass der Ort des Geschehens eigentlich der Vortragssaal der Staatsgalerie Stuttgart ist und hier der Stream aufgezeichnet wird, der auf der Liedbühne der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie zu sehen sein wird.

Es ist ein Programm mit Schubert-Liedern, die der Komponist zu Texten von Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe geschaffen hat. Der Tenor Werner Güra, Pianist Christoph Berner und die Schauspielerin Meriam Abbas nehmen ihr Publikum mit auf eine Reise durch die Höhen und Tiefen menschlichen Empfindens.

Die Geschichte „König von Thule“ wird musikalisch erzählt

Heiter und volksliedhaft inszenieren die Männer so den Dialog zwischen dem jungen, ungestümen Verehrer und dem sich wehrhaft zierenden Heideröslein so plastisch, als könne man das Ganze unter einer Lupe mitverfolgen.

Ergriffenheit bestimmt den Raum, als sie die ebenso traurige wie anrührende Geschichte des „König von Thule“ auf intensive, musikalische Weise erzählen. Szenisch lebendig werden Musik und Vortrag, als „Der Sänger“ aus Johann Wolfgang von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ die Bühne betritt. Der Komponist malt das Geschehen in den schönsten musikalischen Farben, die das Geschehen mehrdimensional erlebbar machen.

Dem Sänger, der hier wichtiger ist als der König, ist seine Unabhängigkeit wertvoller als Gold. Und dann führen der Pianist und der Tenor das Publikum auf die Klippe, von wo aus die dramatischen Geschehnisse um den „Taucher“ sich überstürzen. Die eigene Imagination bekommt über die sprachgewaltigen Zeilen und die noch darüber hinaus reichende, klangliche Gestaltung mehr als genug Elemente, um das dramatische Geschehen zum packenden Erlebnis werden zu lassen, das bis ins Mark erschüttert.

Schauspielerin Meriam Abbas beweist musikalisches Talent

Zwischen den Vertonungen spricht Meriam Abbas immer wieder Verse der großen Dichter ohne Vertonung. Dass die Schauspielerin darüber hinaus auch beachtliches musikalisches Talent besitzt, beweist sie bei der Zugabe, die – wie bei einer Live-Vorstellung – natürlich auch vorsorglich vorbereitet wird.

Diesmal halten sich die Protagonisten allerdings nur in Teilen an das etablierte Original des Dichterfürsten „Liebhaber in allen Gestalten“ – sehr zum Amüsement des Auditoriums. Denn das kleine Schwein, das da auf einmal die akustische Bühne betritt, ist bislang noch ebenso unbekannt wie der Wal, den der – ebenfalls stimmlich engagierte – Pianist mit ins Spiel bringt.

Auch Cornelia Weidner, die Intendantin der IHWA, kommt am Ende ins Bild. Sie freut sich über die Zuschauenden am Bildschirm, hofft aber auch, das Publikum bald wieder im Konzertsaal begrüßen zu können.

„Dirty Minds“ wurde aus den Bauer Tonstudios Ludwigsburg aufgezeichnet

Wann genau diese Aufzeichnung zu sehen sein wird, steht noch nicht fest. Aktuelle Informationen dazu gibt es unter www.ihwa.de. Aber die Zeit bis dahin wird auf keinen Fall lang. Denn so oder so gibt es auf der Liedbühne unter derselben Adresse weiterhin an jedem ersten Sonntag eines Monats eine neue Konzertaufzeichnung.

Ab 6. Juni zum Beispiel „Dirty Minds“ mit Olivia Vermeulen (Mezzosopran) und Jan Philip Schulze (Klavier). Die beiden haben für ihre gleichnamige CD den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2020 bekommen.

Der Stream ist eine Konzertaufzeichnung aus den Bauer Tonstudios Ludwigsburg mit der Laudatio von Eleonore Büning, außerdem gibt es einen Talk mit ihr über das preisgekrönte Programm. Dieses umfasst erotische Lieder aus fünf Jahrhunderten: von Henry Purcells „Sweeter than Roses“ über Arnold Schönbergs „Warnung“ und Hanns Eislers „Kuppellied“ bis hin zu „Sex“ des Musikkabarettisten-Duos Pigor und Eichhorn – um nur einige Stücke zu nennen.

Livestream aus dem Hospitalhof in Planung

Die stilistische Bandbreite, die die beiden Künstler dabei durchmessen, ist dabei bemerkenswert. „Erotik, Lust, Sex, Macht und Gewalt, Prostitution und Mord, und alle Bereiche im Hochspannungsfeld dazwischen: vertont, komplex und hochaktuell.“ So beschreiben Olivia Vermeulen und Jan Philip Schulze selbst das Thema ihres Albums.

Außerdem geplant ist am 20. Juni um 16 Uhr ein Livestream aus dem Hospitalhof mit Dominik Köninger (Bariton) und Marcelo Amaral (Klavier), bei dem der „Krämerspiegel“ von Richard Strauss auf dem Programm steht, außerdem Maurice Ravels „Histoires naturelles“ und Erich Wolfgang Korngolds „Einfache Lieder“. Das Konzert findet im Rahmen des diesjährigen Musikfestes der Internationalen Bachakademie Stuttgart statt.

Richard Strauss komponierte seinen einzigen Liederzyklus als persönlichen Racheakt und Reaktion auf die langjährige Auseinandersetzung mit dem Verlag Bote & Bock. Die satirischen Texte lieferte der mit Strauss befreundete Berliner Theaterkritiker und Publizist Alfred Kerr. Strauss wollte mit diesen Liedern Musikver­leger „als eine blutsaugerisch die Komponisten ausbeutende Zunft“ verspotten.

Info: „Dirty Minds“: 6. Juni, 18 Uhr, virtuelle Liedbühne, www.ihwa.de; Richard Strauss „Krämerspiegel“: 20. Juni, 16 Uhr, Livestream über ihwa.de

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