Von Pink bis Bob Dylan, von Sting bis Christina Aguilera: Üppiger als in diesen Tagen könnte das Konzertangebot in Stuttgart gar nicht ausfallen. Doch dieses Überangebot hat seinen Preis, kommentiert Jan Ulrich Welke.
Stuttgart - Über vierzigtausend Besucher werden am Mittwoch zum Auftritt der amerikanischen Popsängerin Pink kommen, dem schon dritten Konzert im Stadion in diesem Jahr. Ebenso viele Besucher erwarten in der Summe auch die diesjährigen Jazz Open, zu denen sich in den kommenden Tagen unter anderem Weltstars wie Sting, Bob Dylan und Christina Aguilera angesagt haben. Aus Australien kommen Men at Work am Dienstag ins Wizemann, zeitgleich spielen die legendären Stray Cats aus New York auf der Freilichtbühne am Killesberg. Am Wochenende ging der Konzertsommer am Mercedes-Benz-Museum mit Cro und Max Herreüber die Bühne, und Udo Lindenberg hat aufgrund der großen Nachfrage an gleich zwei Abenden Stuttgarts größte überdachte Konzertarena gefüllt, die Schleyerhalle.
Auf den ersten Blick eine Win-Win-Situation
Üppiger als in diesen Tagen könnte das Konzertangebot in Stuttgart gar nicht ausfallen. Auf den ersten Blick ist das eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Für die Besucher, denn eine solch geballte Ladung an lokalen, nationalen und internationalen Topmusikern bekommt man nicht aller Tage serviert. Für die Stadt, weil sie mit einem attraktiven Kulturangebot punkten, eine Menge Tagestouristen locken und ihr Steuersäckel füllen kann. Für die hiesige Wirtschaft, weil sie vom Gastgewerbe über alle an der Logistik der zahlreichen Großevents beteiligten Dienstleister bis hin zu den Konzertagenturen reichlich zusätzliche Einnahmen erzielt. Und für alle Künstler, die sich angesichts des starken Konkurrenzdrucks in der deutschen Veranstalterbranche über satte Gagen freuen dürfen.
Besucher werden kräftig zur Kasse gebeten
Eine Kehrseite hat diese Medaille allerdings auch. Da wäre allein die zusätzliche Verkehrsbelastung in einer ohnehin schon ächzenden Stadt. Da wären die kleineren Konzertveranstalter und –Locations nebst der lokalen Bands, die dieser Tage angesichts des Überangebots um jeden zahlenden Besucher ringen müssen. Da wären die von Stadt und Land subventionierten Kultureinrichtungen, die noch mehr als ohnehin schon ihre Existenzberechtigung und ihren Zuschussbedarf rechtfertigen müssen, denn alle diese Popkonzerte werden von privatwirtschaftlichen Anbietern mehr oder weniger ohne einen einzigen Cent öffentlicher Gelder auf die Beine gestellt. Und da wäre schließlich das Publikum, das für die – richtigerweise unsubventionierten – Auftritte von musizierenden Multimillionären, die angesichts wegbrechender Tonträgereinnahmen zu immer größeren Tourneen bereit sind, kräftig zur Kasse gebeten wird. So kräftig, dass Teile der Gesellschaft angesichts der Eintrittspreise längst von diesen Konzerten ausgeschlossen sind.
Ballung vor den Sommerferien
Ticketpreise von rund hundert Euro für ordentliche Plätze sind bei den Stuttgarter Gastspielen internationaler Topstars mittlerweile die Regel. Wer zu zweit kommt, beim Konzert etwas trinken will, vorher vielleicht noch Essen gehen möchte oder hinterher noch einen Babysitter zu bezahlen hat, ist heutzutage schnell mal das los, was vor zwanzig Jahren fünfhundert Mark waren. Wenn man den heutigen Konzertgängern vor zwei Dekaden erzählt hätte, dass sie mal fünfhundert Mark allein für einen Konzertbesuch zahlen würden: sie hätten vermutlich ungläubig den Kopf geschüttelt. Doch wenn es die Bereitschaft des Publikums nicht gäbe, gäbe es ja auch die aktuellen Konzerte nicht, die übrigens alle gut verkauft beziehungsweise ausverkauft sind - trotz dieser Ballung, die auch dadurch bedingt ist, dass alle Veranstalter ihre Konzerte noch vor den Sommerferien abwickeln wollen.
Bei allen Bedenken, die man also haben könnte: die Lust der Menschen, Musik nicht als vorselektierte Playlist zu streamen, sondern leibhaftig an Kulturveranstaltungen teilzunehmen, ist erfreulicherweise ungebrochen groß.