The Dark Tenor – so stellt er sich auf seinem neuen Solo-Album dar – war als Frontmann von Unheilig im Wizemann. Foto: Dak Tenor

Das alte Unheilig-Material einfach nur covern möchte er nicht, sagt Dark Tenor, der neue Sänger der Band. Im Wizemann hat er das bekannte Unheilig-Repertoire mit eigenen Stücken durchmischt – und kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Klassik mag.

Stuttgart - Es war einmal eine Band, es war einmal ein Sänger. Wer hinter jener Eminenz mit markant geschnittenem Kinnbart und samtig tiefer Stimme stand, das nahmen wenige nur wahr, als Unheilig vor mehr als zehn Jahren zum deutschen Pop-Phänomen zwischen Gothic und Schlager wurden. „Der Graf“, so nannte sich der Sänger sehr geheimnisvoll, ließ sich von niemanden in die Papiere schauen, schlug all jene, denen Dieter Thomas Kuhn schlicht viel zu lustig war, mit schwermütigem Blick, Krawatte und blitzenden Knöpfen in seinen Bann. Ein Großteil Deutschlands sang im Chor „Geboren um zu leben“ - als Unheilig 2012 den Cannstatter Wasen füllen sollten, gelang ihnen dies jedoch nur schwerlich. Vier Jahre späterverabschiedete sich „Der Graf“ knapp und gewohnt geheimnisvoll von der Bühne, eine Ära der Innigkeit ging zu Ende. Lebt sie nun wieder auf?

Nun sind jene, die man seinerzeit kaum wahrnahm, die die gräfliche Präsenz mit dunklem Ton grundierten, zurückgekehrt mit neuem Frontmann. The Dark Tenor teilt sich mit dem Grafen zwar nicht die Stimmlage, doch aber den mysteriösen Nimbus: auch er gibt weder sein Alter noch seinen wahren Namen preis. Am Donnerstagabend im Wizemann erzählt er dennoch: „Mein Ding ist die Klassik, ich komme aus einer klassischen Familie“, erzählt auch, dass er schon für die Dresdner Semperoper sang.

Sofakissen mit finsterem Blick

Die populäre Karriere von The Dark Tenor begann zu jener Zeit, als der Stern von Unheilig langsam sank. Der Sänger trat damals noch mit Masken und Kapuzen auf, verbarg auch sein Gesicht. Längst zeigt er es, wenn auch noch kontrastreich mit Schminke bedeckt. Am Merchandising-Stand im Wizemann kann der Unheilig-Fan manches erwerben – ganz links zum Beispiel liegt dort ein Sofakissen mit dem Gesicht des Grafen, ganz rechts sein Pendant, auf dem der dunkle Tenor finster blickt.

The Dark Tenor wird späterhin im Wizemann seine Pop-Adaptionen des Schwanensee-Themas und von Beethovens Ode „An die Freude“ singen. Ein Konzert, bei dem er Unheilig nur covert, teilt er mit, möchte er gemeinsam mit Henning Verlage, Christoph Termühlen und Martin Potthoff, die Keyboard, Gitarre und Schlagzeug schon für den Grafen spielten, nicht geben. Stattdessen durchmischt er das bekannte Unheilig-Repertoire mit eigenen Stücken, lässt sich für einen ausgedehnt akustischen Konzertteil von zwei Celli und einem Keyboard begleiten.

Langeweile und Verzückung

Als Sänger ist The Dark Tenor dem Grafen deutlich überlegen, sein eigenwilliges Charisma jedoch besitzt er nicht, gibt sich stattdessen reißerisch, rudert gerne mit den Armen. Die geheimnisvolle Aura, in die Unheilig sich hüllten, bröckelt hier, es bleibt der Schlager mit klassischer Glasur – ein Anonymus, das zeigt sich, lässt sich nicht ohne Weiteres durch einen anderen ersetzen. Gut 1000 Zuschauer füllen das Wizemann zu drei Vierteln – The Dark Tenor spaltet sie: Die einen sind hingerissen, viele jedoch stehen und schauen gelangweilt, manche gehen. Jene, die geblieben sind, singen zuletzt trotz allem noch einmal im Chor: „Geboren um zu leben“.

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