Das Heeresmusikkorps Ulm bei einem Benefizkonzert 2011 in der Theodor-Heuss-Kaserne Foto: Petsch

Die Adventszeit sollte besinnlich und friedlich sein. In der evangelischen Lutherkirchengemeinde in Bad Cannstatt stiftet jedoch ausgerechnet ein Adventskonzert großen Unfrieden. Denn die Musiker, die dort in der Kirche spielen, sind Soldaten in Uniform.

Stuttgart - Viele Gemeindemitglieder freuen sich, wenn die Martin-Luther-Kirche am Mittwoch, 2. Dezember, ihre Tore zum Konzert öffnet. Denn auf dem Programm steht vorweihnachtliche Musik, und der Eintritt ist frei. Die Deutsche Friedensbewegung in Stuttgart will jedoch vor der Kirche gegen das Konzert protestieren. Der Grund: Es spielt das Heeresmusikkorps Ulm. Die Musiker tragen ihre Uniform.

Friedensgesellschaft protestiert

Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner/innen (DFG- VK) sieht darin einen Missbrauch von Kirchenräumen und geistlicher Musik zu militärischen Werbezwecken. Das könne nicht im Sinne von Jesus sein, der den Frieden auf Erden gepredigt habe. „Die Aktion in der Martin-Luther-Kirche ist ein Beispiel dafür, dass sich die Bundeswehr in die Zivilgesellschaft ausbreitet“, sagt Roland Blach. Er ist Geschäftsführer des DFG-VK-Landesverbands Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart. Er wirft Gemeindepfarrer Ulrich Dreesman vor, der Bundeswehr Kirchenraum dafür zu bieten, die Konzertbesucher „versteckt“ für die Bundeswehr zu vereinnahmen. „Das geht nicht. Zumal sich die Bundeswehr in den vergangenen 20 Jahren von einer Abwehr- zu einer Interventionsarmee entwickelt hat“, sagt er. Deshalb unterstützt die DFG-VK einen Internetaufruf der Gruppe Musiker gegen Militärmusik, die zum Teil auch in der DFG-VK engagiert ist, zum Protest gegen das Konzert.

Pfarrer lädt Gegner zur Diskussion ein

Im vergangenen Jahr fand das Adventskonzert des Heeresmusikkorps Ulm erstmals in der Martin-Luther-Kirche statt. Davor gaben die Soldaten ihre Adventskonzerte in der Theodor-Heuss-Kaserne in Bad Cannstatt. „Die wurde für die vielen Besucher zu eng. Deshalb haben wir die Lutherkirchengemeinde gefragt, ob wir in deren Kirche spielen dürfen. Dort gibt es mehr Platz und mehr Atmosphäre“, sagt Hauptmann Arne Nötte. Und immerhin waren die 750 Plätze 2014 gut besetzt.

Gemeindepfarrer Ulrich Dreesman bezeichnet den Protestaufruf im Internet „fast als Versuch einen Shitstorm (durchs Internet ausgelöste Kritiklawine) auszulösen“, denn im Internet sind Namen von Kirchenangehörigen samt Adresse aufgeführt, an die Internetnutzer ihre Protestschreiben richten sollen. Der Aufruf trifft ihn auch deshalb, weil er die DFG-VK zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion über das Für und Wider des Konzerts eingeladen hat. „Bis jetzt habe ich noch keine Antwort bekommen, sagt Dreesman. Hinter Dreesman steht nicht nur der Kirchengemeinderat, sondern auch Eckart Schultz-Berg, Dekan im Dekanatsbezirk Cannstatt. Da die Bundeswehr demokratisch legitimiert sei, habe sie auch einen Platz in der Volkskirche. „Kritiker haben selbstverständlich auch das Recht, gegen das Konzert zu protestieren“, stellt er fest. Allerdings hält es Schultz-Berg für fragwürdig, Menschen an den Prager zu stellen, wie es durch Namens- und Adressnennung im Internet geschehen sei.

Katholische Kirche hat kein Problem damit, dass Soldaten in einer Kirche musizieren

Auch bei der Katholischen Kirche in Stuttgart sieht man kein Problem im Auftritt von Musikern der Bundeswehr. Beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart gab es in der Domkirche St. Eberhard einen internationalen Soldatengottesdienst, den ein Musikkorps der Bundeswehr gestaltete. Stadtdekan Cristian Hermes: „Läge uns eine entsprechende Anfrage vor, würde das zuständige Gremium darüber entscheiden. Es ist grundsätzlich und selbstverständlich nicht ausgeschlossen, dass ein Bundeswehr-Musikkorps in einer katholischen Kirche konzertiert.“

Bei der Deutschen Friedensgesellschaft – vereinigte Kriegsdienstgegner/innen in Stuttgart hat man mittlerweile beschlossen, an der Podiumsdiskussion teilzunehmen, wenn eine neutrale Moderation gewährleistet ist. Den Vorwurf, dass beim Internetaufruf zum Protest gegen das Konzert Menschen an den Pranger gestellt werden, weist er zurück. „Veröffentlicht sind zugängliche Adressen von zuständigen Personen“, sagt er.

Das Adventskonzert ist am 2. Dezember, 19.30 Uhr, in der Lutherkirche. Protestiert wird ab 18 Uhr vor der Kirche.

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