Der Pianist Fazil Say Foto: /Marco Borggreve

Alles andere als langweilig: Im Stuttgarter Beethovensaal bringt der Pianist Fazil Say Klassik, Impressionismus und Jazz zusammen.

Es ist nicht alles lupenrein. Manche Töne gehen verloren, und Mozarts wohl bekanntestes Klavierwerk, die A-Dur-Sonate KV 331, ist ein wilder Tasten-Ritt mit extrem ausgereizten Kontrasten. Gerade Mozart bewegt sich in dieser sehr individuellen Gestaltung hart an der Grenze zum Manierierten, manchmal sogar zum Kitsch. Aber das gehört seit jeher zu dem Künstler, der am Dienstag im Beethovensaal auftritt. Fazil Say ist alles andere als korrekt. Dafür ist er aber auch alles andere als langweilig. Alte Musik kann heute nur wirken, wenn sie durch eine starke künstlerische Persönlichkeit hindurchgeht: Das ist die These, die der türkische Pianist Auftritt für Auftritt zu belegen versucht, und jetzt ist ihm das schon wieder gelungen.

 

Daran kann man sich nicht satthören!

Und wie! Der Mozart ist streitbar, vor allem in Tempi und Dynamik, hat aber faszinierende Momente. Die erste Variation im Eingangs-Andante wirkt wie ein Theater-Dialog, die zweite inszeniert Say als Aufstand der linken Hand gegen die Melodie in der rechten, die dritte ist ein Tempolauf – erst rasant vorwärtseilend, dann unvermittelt ausgebremst. Das ist Erlebnismusik, bis hin zum Hit des Stücks, dem „Türkischen Marsch“. Den nimmt Say sehr perkussiv, trifft dabei unter den vorgeschriebenen Wiederholungen eine sehr persönliche Auswahl.

Aber dann. Bei vier Préludes von Debussy öffnet sich die Tastenfläche des Flügels ins Mehrdimensionale, der Klang gewinnt Tiefe und eine so schillernde Vielfalt, dass man sich nicht satthören kann an den Zauberkünsten, die Say hier im feinen Wechselspiel von Anschlag und Pedal vorführt. Dass er dabei immer wieder seine Hände hochwirft oder an die Ohren hält, mag man für Show halten, es ist aber Teil der musikalischen Verinnerlichung. Spielend lauscht sich Fazil Say so intensiv in die Musik hinein, dass auch das Publikum ganz still wird, ganz Ohr. Die weichen Konturen jenes Mädchens mit dem flachsfarbenen Haar, dessen Porträt Debussy in einem Prélude in Klänge fasst, werden bei Say zu Klangmagie, und Shakespeares Puck wirkt wie eine Spiegelfigur des Musikers: wild und verspielt. Dass dahinter ein klarer Plan steckt, hört man spätestens bei der wirkungsvollen Steigerung von Dynamik und Ausdruck im anschließenden „Clair de lune“.

Am Ende gibt’s anhaltenden Jubel

Am Dienstag hat er offenbar einen frühen Aufbruch geplant, deshalb gibt’s am Ende trotz anhaltenden Jubels nur eine einzige Zugabe (Satie), und zuvor verzichtet Say auf die traditionellen Ab- und Auftritte zwischen den Stücken. Das wirkt manchmal atemlos, bindet aber die Werke eng aneinander, und so hört man, wie organisch Fazil Says eigene Kompositionen aus der Tradition hervorwachsen. Seine Sonate „Yeni hayat“ ist ein mit Jazz und Orientalismen erweiterter post-impressionistischer Klangfarbkasten. Says Balladen bewegen sich zwischen Romantik, Jazz, Folklore und Pop (die Melodie in „Kumru“ könnte von Schubert sein). Und am Ende lugt, na klar, der „Türkische Marsch“ in Says populärer Jazz-Version noch einmal um die Ecke. Cooler Say, cooler Mozart!