Das SWR-Lokalensemble hat genug Platz für Abstand in der alten Kelter. Es tritt ohne Publikum auf, doch schon gemeinsam zu singen hilft weiter.Foto:Gottfried Stoppel Foto:  

Es hätte ein großer Auftritt werden sollen, das Antrittskonzert von Yuval Weinberg als neuem Chefdirigenten des SWR Vokalensembles. Wegen der Pandemie wurde daraus eine Live-Übertragung in die Wohnzimmer der Menschen.

Fellbach - Im Hintergrund leuchtet blaues Licht, die Scheinwerfer sind auf knapp 30 Sängerinnen und Sänger gerichtet. Techniker und Kameramänner blicken auf Monitore, dann hebt der Dirigent die Arme: Das Konzert des SWR Vokalensembles unter seinem neuen Chefdirigenten Yuval Weinberg beginnt. Doch was in der Fellbacher Alten Kelter das Antrittskonzert des ­30-Jährigen vor 250 Gästen hätte werden sollen, fand am Samstagabend ganz ohne Publikum statt und wurde stattdessen live über das Internet „gestreamt“, also übertragen.

Es ist eine harte Zeit für Kulturschaffende, denen Auftritte aufgrund der Corona-Pandemie verboten sind – aber auch für das Publikum. Julius Pfeifer, 46 Jahre alt und seit 20 Jahren Mitglied des international renommierten Profi-Chors, weiß sehr wohl, dass das Publikum genauso leidet wie die Künstler: „Uns fehlen die Zuhörer, aber den Zuhörern fehlen ja auch diese Live-Erlebnisse, der direkte Kontakt zu den Sängern, der so wichtig ist für die Menschen. Wir geben uns alle Mühe und setzen uns dieser Situation einer Live-Übertragung aus, aber vor wahrhaftigen Menschen zu singen ist etwas komplett anderes als nur vor Kameras und Mikrofonen“, sagt der Tenor. Und wenn man sich ein Konzert über den Computer anschaue, dann sitze man eben zuhause im Wohnzimmer und nicht in einem Konzertsaal.

Neue Techniken sind existenziell

Digital, hybrid, gestreamt, heruntergeladen, per Videokonferenz übertragen: Das sind Begriffe, die dieses besondere Jahr mit geprägt haben. Vor allem für den Kulturbetrieb sind die neuen Techniken seit einigen Monaten existenziell und nicht mehr wegzudenken. Auch für das SWR Vokalensemble ist das Live-Streaming derzeit von großer Bedeutung. „Der Vorverkauf hatte begonnen, wir hatten ein perfektes Hygienekonzept – und dann mussten wir absagen und eine Lösung suchen“, sagt die Chormanagerin Cornelia Bend. Rasch sei dann klar gewesen, dass man den Abend streamen werde.

„Hier in der Alten Kelter haben wir viel Platz, für unseren Ü-Wagen genug Parkplätze am Haus, und vor allem haben wir direkten Kontakt zum Satelliten – was will man mehr“, sagt der Aufnahmeleiter Mike Cencig und lacht. Doch nicht alle Kulturtreibenden oder Kulturämter haben ein solches technisches Equipment wie der Südwestrundfunk (SWR) im Schrank; hier sind viel Fantasie und Flexibilität gefragt.

Ganz neues Publikum erreicht

Aber auch das Fellbacher Kulturamt hat bereits während des ersten Teil-Lockdowns neue Formate auf die Beine gestellt, um dem Publikum weiterhin Kulturereignisse bieten zu können. „Wir haben neue Dinge ausprobiert, das war auch eine große Chance für uns“, sagt die Kulturamtsleiterin Maja Heidenreich. Man habe große Akzeptanz und Dankbarkeit bei den Menschen festgestellt und viele positive Rückmeldungen bekommen. Außerdem habe man den Radius des Publikums, das man erreiche, extrem vergrößern können. „Bei manchen Veranstaltungen haben sogar Menschen in Wien und in der Schweiz mitgeschaut, das war toll“, sagt Heidenreich.

Gut sei es auch, dass man die Veranstaltungen nun archivieren und jederzeit wieder darauf zugreifen könne. Und durch sogenannte hybride Veranstaltungen habe man ganz andere Möglichkeiten des Teilnehmerkreises. „Bei der Verleihung des Hansel-Mieth-Preises etwa war der Chefredakteur des ,Stern’ live aus Hamburg zugeschaltet“, sagt die Amtsleiterin.

Nach Corona geht es weiter

Daher sei schon klar, dass einige neue Formate und Reihen wegen ihrer Beliebtheit nach Corona weitergingen. Immer donnerstags um 20 Uhr etwa würden Filme oder Audiomitschnitte bereits gebuchter Künstler auf www.fellbach.de veröffentlicht, an jedem zweiten Mittwoch gebe es Kultur für Kinder auf derselben Seite. Für beide Angebote würden die Künstler angemessen bezahlt, um ihnen wenigstens einigermaßen über die harte Zeit zu helfen. Außerdem gibt es per Newsletter Kulturempfehlungen für daheim, etwa Bücher- und Musiktipps oder Anleitungen für eigenes Figurentheater, Musik vor Alten- und Pflegeheimen oder Familien-Kultur-Picknicks.

Für alle sei der erneute Teil-Lockdown eine Ernüchterung gewesen, sagt Maja Heidenreich. „Wir hatten super Hygienekonzepte, immer ein diszipliniertes Publikum und mussten doch alles wieder absagen. Das hat sehr wehgetan.“

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