Umwerfend gut: die Klarinettistin Sharon Kam Foto: Maike Helbig

Das Staatsorchester Stuttgart hat unter der Leitung von David Afkham im Beethovensaal Wagner, Hindemith und Bruckner gespielt. Mit von der Partie: die überragende Klarinettistin Sharon Kam.

Sinfonie oder Drama? Kollektivkunst oder Individualisierung? Konzert oder Gottesdienst? Am Sonntag testet das Staatsorchester Stuttgart im Beethovensaal die Grenzen des Sinfonischen aus. Dabei stehen ihm zur Seite: der Dirigent David Afkham, die Klarinettistin Sharon Kam, außerdem die Komponisten Richard Wagner, Paul Hindemith und Anton Bruckner.

 

David Afkham kommt direkt zur Sache

Den Anfang macht Wagners „Siegfried-Idyll“, ausgestattet mit Musik des dritten „Ring“-Teils, aber zuallererst gedacht als private Gabe zur Geburt des Sohnes und zum Geburtstag der Gattin Cosima. Schon hier wird deutlich: Bei David Afkham gibt’s keinen Weihrauch. Wo andere die Musik von Wagners filigranem Zwanzigminüter in leisestem Pianissimo beginnen lassen, also quasi aus dem Nichts in den Konzertsaal hereinholen, belässt er es bei der Piano-Vorgabe der Partitur – und kommt direkt zur Sache. Nix da mit Romantisiererei: Hier geht’s um Sinfonisches, und weil Afkham die Kontraste (vor allem der Tempi) klar ausformuliert, kann man trotz der Verschmelzung der Themen einzelne Formteile erkennen. Zauber hat dieses „Siegfried-Idyll“ aber nicht unbedingt. Es wirkt eher so, als habe der Geist des Folgewerks schon ein wenig durch es hindurchgeweht. Wobei dieser Gedanke eigentlich nicht ganz korrekt ist, denn Hindemiths 1947 noch im US-amerikanischen Exil (übrigens für den Klarinettisten Benny Goodman) komponiertes Klarinettenkonzert lässt den kühlen neoklassizistischen Ton des Orchestervorspiels rasch hinter sich. Dann wird das Vorbild deutlich: Mozarts Klarinettenkonzert, das wie Hindemiths Stück für die dunkler timbrierte A-Klarinette komponiert wurde.

Exzellente Bläser

Das Orchester spielt Kammermusik. Und die Klarinettistin Sharon Kam versteht ihr Instrument mal als verlängertes Stimmband, mal als Sprachrohr. So wunderschön wird hier gesungen! Und die Musik wird zum Dialog, bei dem immer wieder Bläser des Staatsorchesters Gesten der Solistin aufnehmen und fortführen. Nach einem witzigen Ostinato-Scherzo, bei dem ein wiederholtes Thema mithilfe geschickt gesetzter Pausen wild durch die Stimmen kobolzt, dürfen im langsamen Satz auch mal der Konzertmeister Jewgeni Schuk und Gustavo Surgik am ersten Pult bei solistischen Auf- und Abwärtsläufen glänzen, und im quirligen Finale gibt es Klanggirlanden aus Sechzehntel-Noten. Hindemiths Konzert ist das Werk eines Erzmusikanten, und genau so wird es von der umwerfenden Solistin und dem sehr wachen Orchester hier auch gespielt. Ein großes Vergnügen!

Mancher mag danach, bei Bruckners „romantischer“ vierter Sinfonie, das Katholische und Kathedralische vermisst haben. Tatsächlich nimmt David Afkham eher musikalische Wirkungen in den Fokus: den Prozessions-Puls des paukengetriebenen, vollständig weihrauchbefreiten Andantes, den Wechsel von Hörner- und Trompeten-Sound im Scherzo. Bei der Koordination der hohen Streicher gibt es Luft nach oben, die Exzellenz der Bläser krönt der noch blutjunge Solo-Hornist Pablo Neva Collazo. Dass das Konzert Überlänge hatte, merkt man überrascht erst hinterher.