In Rommelshausen treffen sich einmal in der Woche Mundharmonika-Spieler zur Probe – das Senioren-Orchester „Silver Harps“ bereitet sich jetzt auf ein Konzert in Waiblingen vor.
Musizieren für Rentner ohne Notenkenntnisse – so lautete der Aufruf im „Blätte“ in Rommelshausen. Das ist jetzt 17 Jahre her, Noten lesen können die Senioren immer noch nicht, aber ihr Spiel auf der Mundharmonika klingt wunderschön, harmonisch und klar.
Immer montags wird geprobt, im Sängerheim des Liederkranzes in Rommelshausen. Von der ersten Stunde an ist Walter Krebs ihr Dirigent, er schreibt ihnen Zahlen auf die Notenblätter. Nach ihnen spielen die „Silver Harps“, so nennt sich das Senioren-Mundharmonika-Orchester – in Anlehnung an die grauen Haare, die die meisten haben, und an die silberne Metallhülle einiger Instrumente.
Mundharmonika hält Senioren jung und mobil
Alle Mitspieler haben den 70. Geburtstag schon hinter sich, manche sind weit über 80. Man merkt es ihnen nicht an. Das Spiel der Mundharmonika scheint jung und mobil zu halten. Einige kommen zu Fuß zur Probe, andere mit dem Auto, bis von Urbach und aus anderen Remstal-Gemeinden. Der Parkplatz vor dem Sängerheim ist an diesem Montagnachmittag bis auf den letzten Platz besetzt. Elf Frauen und sechs Männer sitzen mit ihren Mundharmonikas an den Tischen, Notenständer stehen vor ihnen auf den Tischplatten. Begleitet werden sie von einem Akkordeon- und einem Gitarrenspieler – und von Walter Krebs. Er ist ihr Dirigent, seit der ersten Stunde. Er gibt den Ton an, mit dem Akkordeon, und sagt die Stücke an.
In den zurückliegenden Wochen wurden neben bekannten Volksliedern, alten Schlagern und Evergreens auch weihnachtliche Lieder geübt. Denn am Dienstag, 9. Dezember, spielen die „Silver Harps“ um 15 Uhr in Waiblingen in der Begegnungsstätte Forum Mitte in der Blumenstraße. Der Eintritt ist übrigens frei.
Viele kennen die Mundharmonika aus ihrer Jugend
Sie sind ein lustiger und geselliger Haufen, diese Silver Harps. Viele kennen die Mundharmonika aus ihrer Jugend, früher war das kleine, handliche Instrument sehr verbreitet. Man trug es in der Hosentasche bei sich und holte es etwa bei Wanderungen oder in gemütlicher Runde heraus. Auch nach getaner Feldarbeit wurde es für bekannte Melodien eingesetzt, eine wunderbare, unkomplizierte Begleitung zum Mitsingen.
Das erleben die Silver Harps oft bei ihren Konzerten, die sie beispielsweise im Kursaal in Bad Cannstatt geben. Im Treffpunkt Mozartstraße in Fellbach waren sie schon zu hören, in der Schwabenlandhalle, beim Albverein und auf Schloss Solitude. Zu ihrem Repertoire gehört vor allem Unterhaltungsmusik, aber auch ein paar wenige klassische Stücke. Für alle transkribiert Walter Krebs die Noten in Zahlen. „Das klappt perfekt“, sagt eine Mitspielerin und zeigt auf ihr Notenblatt.
Auf diese Weise spielen sie etwa den Schneewalzer, stimmen das Lied von den Bergvagabunden an und den Schlager „Du kannst nicht immer 17 sein“. Es sind die Lieder und Melodien ihrer Generation. Manchmal legen sie die Mundharmonika auch zur Seite und singen die zweite und dritte Strophe. Genug Atemluft haben sie, denn die brauchen sie beim Mundharmonikaspiel. Das etwa handgroße, flache Instrument wird nämlich „angeblasen“. Es gibt keine Tasten oder Klappen.
Die Grundbestandteile einer Harmonika sind der Kanzellenkörper, die Stimmplatten mit den Stimmzungen sowie die Klang-Deckel oben und unten, die sie zusammenhalten. Der Kanzellenkörper ist zentraler Bestandteil des Instruments. Ursprünglich wurde er aus Holz gefertigt, mittlerweile häufig auch aus Kunststoff oder Metall. Der Kanzellenkörper unterteilt das Instrument in Kanzellen. Durch diese Luftkammern beziehungsweise Windkanäle gelangt die Atemluft zu den Stimmzungen.
In den frühen 1820er Jahren tauchten erstmals Mundharmonikas auf und verbreiteten sich dann im deutschsprachigen Raum. Die Mundharmonika war und ist im Vergleich zu den meisten anderen Musikinstrumenten kostengünstig. Sie ist handlich und kann sogar schon von Kindern gespielt werden. Die Mundharmonika sorgt eigentlich immer für Geselligkeit und gute Stimmung. An den Musikschulen wird sie allerdings selten gelehrt.
Tradition aus Trossingen: Hohner und Seydel im Einsatz
Im Jahr 1832 gründete Christian Messner in Trossingen die erste Werkstätte, in der Mundharmonikas gefertigt wurden. Bei den Silver Harps spielen die meisten Orchestermitglieder entweder auf einer Hohner oder einer Seydel. Manche besitzen mehrere Exemplare. Unterschieden wird – wie beim Akkordeon – zwischen der chromatischen und der diatonischen Mundharmonika. Mit der chromatischen können über einen eingebauten Schieber alle Halbtöne abgedeckt werden. Die diatonische C-Dur-Mundharmonika verfügt lediglich über die Töne C, D, E, F, G, A und H. Das macht es Walter Krebs einfach, den Tönen Zahlen zuzuordnen und so die Noten umzuschreiben.
Viel Arbeit ist es trotzdem, aber er macht sie gerne. Denn die Silver Harps sind motiviert. Sie freuen sich, ein Stück Kulturgut zu pflegen – und würden sich über weitere Mitglieder in ihrem Orchester freuen, „gerne auch jüngere“, meint eine Mitspielerin, die seit 2008 dabei ist. Mittlerweile ist das Seniorenorchester Silver Harps Teil des HHC Bad Cannstatt, aber weiterhin ein selbstständiges Orchester mit eigenem Dirigenten.