Vier Männer, vier Gitarren: Das Quartett 40 Fingers hat in Stuttgart gespielt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Gitarrenquartett 40 Fingers aus Italien hat bei seinem Stuttgarter Debüt die Gäste in Stuttgart mit seiner Fingerfertigkeit erstaunt. Bilder und Kritik vom Auftritt im Hegelsaal.

Vier Musiker schreiten an ihre Plätze, beginnen ohne Umschweife. Wenige Akkorde im knallenden Anschlag, ein wildes Sirren der Saiten, ein schneller, pochender Rhythmus, und schon weiß jeder, was gespielt wird. „Highway Star“ von Deep Purple ist das erste Stück im Programm von 40 Fingers am Donnerstagabend im Hegelsaal der Liederhalle. 40 Finger – das sind acht Hände, das sind vier Gitarren.

 

Die akustische Gitarre ist hier einmal nicht das Instrument freundlicher Liedbegleitung, zarter Komposition und Improvisation – bei 40 Fingers tritt sie auf als Power-Instrument, gespielt mit viel Druck, schwindelerregender Geschwindigkeit, verblüffender Virtuosität. Matteo Brenci, Emanuele Grafitti, Enrico Maria Milanesi und Andrea Vittori könnten Zirkusartisten sein, die weit oben in der Luft die unglaublichsten Kunststücke vollbringen. Stattdessen sitzen sie zumeist auf vier Hockern, im aufgefächerten Bühnenlicht, schlagen ihre Seiten, trommeln auf ihren Gitarren und bringen so mit ausschließlich instrumentaler Musik einen Saal zum Toben, ein Publikum dazu aufzuspringen, den Takt zu klatschen und mitunter den Text selber zu singen.

Mit „Bohemian Rhapsody“ zum Internethit

40 Fingers formierten sich 2017 und wurden durch ihre Version des Queen-Hits „Bohemian Rhapsody“ im Internet sehr schnell bekannt. Sie folgen Vorbildern wie dem mexikanischen Duo Rodrigo y Gabriela, das, vom Heavy Metal kommend, schon seit 2005 Erfolge feiert mit eigenen Songs und Cover-Versionen von Led Zeppelin, Metallica und Pink Floyd. 40 Fingers haben sich breiter aufgestellt – ihr Stuttgarter Konzert bringt in rund 90 Minuten nur einen Teil der Stücke des Quartetts, die sich als Videoclips auf einschlägigen Plattformen finden.

Ihr Repertoire reicht von Hardrock über Pop und Filmmusik bis zur Klassik. Imponierende Leistungen hört man dabei immer – und keineswegs nur flachen Kopien der Originale: Die vier Gitarren fügen jeder Melodie Nuancen hinzu, arbeiten Details heraus, betonen Melodie und Rhythmus auf eigene Weise, variieren, öffnen die einzelnen Songs für Improvisationen, reißen Motive kurz an in rasenden Medleys. Jedes Stück wird augenblicklich erkannt, klingt dabei anders, neu, verwandelt sich in ein Feuerwerk.

Das letzte Konzert der Tournee

Das Zusammenspiel der Gitarren wechselt dabei ständig. Nicht selten donnern drei von ihnen im harten Rhythmus, während die vierte eine Melodie gestaltet, aber gleich spielen die Gitarristen schon wieder komplexe Arrangements, um sich dann wieder zu einer hart rockenden Front zusammenzuschließen. Atemberaubend ist die Energie, das schiere Tempo in jedem Augenblick.

Das Instrument des Abends im Hegelsaal Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Auf Deep Purple folgt die erste Filmmusik, „Pirates oft he Caribbean“ von Hans Zimmer, dann unvermeidlich und mit vielen Latin-Elementen verziert, „Hotel California“. Beim Toto-Song „Africa“ legen die Gitarristen ihre Instrumente zunächst aufs Knie und spielen Percussion – auch später dann holen Brenci, Grafitti, Milanesi und Vittori ihr Publikum ab, indem sie es zum Mitklatschen einladen. Sich selbst stellen sie sehr knapp vor: „Wir sind 40 Fingers und wir spielen Gitarre.“ Jeder der Vier pflegt seinen eigenen Stil, gibt den Piraten, den Gigolo, den Anzugsträger – musikalisch agieren sie geschlossen, zeigen keine Neigung zu individuellen Ausflügen. Es ist das letzte Konzert ihrer aktuellen Tournee, sie spielen zum ersten Mal in Stuttgart, sie kehren wieder, am 31. Januar 2027 schon.

Von „Volare“ bis „Hey Jude“

Und sie spielen: Ein rasendes Kaleidoskop aus Disney-Melodien, ein energisches, funkensprühendes Arrangement von „Pour Elise“, eine ruhige, psychedelische Klangfläche, aus der Simon and Garfunkel-Hit „Sounds of Silence“ auftaucht, ein schnelles Medley irischer Folksongs, das auch den letzten Zuschauer auf die Beine bringt und sich plötzlich verwandelt in eine Version von ABBAs „Mamma Mia“. Mit „Volare“ sind 40 Fingers endgültig angelangt im Reich der beflügelnden Gassenhauer, mit „Bohemian Rhapsody“ verabschieden sie sich – um wiederzukehren mit dem Thema der „Star Wars“-Filme, den lässigen „Sultans of Swing“ und sich zu verabschieden mit „Hey Jude“. Hier nun wird gefeiert, gesungen, und jeder der Vier tritt noch einmal kurz hervor mit blitzartigem Solo, mit Rock’n’Roll oder ein paar Takten aus Henry Mancinis „Pink Panther Theme“.